Ausgabe 02 | 2019

BERUFSBERATUNG

Arbeitsbedingungen

Menschenwürdige Arbeit

Überall auf der Welt erschweren der rasante technologische Fortschritt und die Globalisierung den Zugang zu qualitativ hochwertiger Arbeit. Auch die Schweiz bleibt von steigender Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und prekären Arbeitsbedingungen nicht verschont. Umso wichtiger ist es, die Arbeitsbedingungen hierzulande unter die Lupe zu nehmen.

Von Jenny Marcionetti (Fachhochschule der italienischen Schweiz SUPSI), Jonas Masdonati (Forschungszentrum für Berufs- und Laufbahnberatungspsychologie CePCO der Universität Lausanne), Marc Schreiber (Institut für Angewandte Psychologie IAP Zürich) und Jérôme Rossier (CePCO)

Der Schweizer Arbeitsmarkt steht im internationalen Vergleich immer noch sehr gut da. Doch seit etwa 15 Jahren nimmt auch in der Schweiz die Anzahl der befristeten Arbeitsverhältnisse und der Working Poor zu, die Unterbeschäftigung ist ebenfalls angestiegen. Zu den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen gehören Frauen, Geringqualifizierte, Personen ausländischer Herkunft sowie Jugendliche und ältere Arbeitnehmende. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, die psychologischen und kontextuellen Faktoren zu untersuchen, die den Zugang zur Arbeit im Allgemeinen und zur sogenannten «menschenwürdigen» oder «würdevollen» Arbeit im Detail zu untersuchen.

Was ist «menschenwürdige Arbeit»?

Der erstmals von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO thematisierte Begriff «menschenwürdige Arbeit» (decent work) steht im Zentrum der Theorie der Psychologie des Arbeitens (Psychology of Working Theory) von Duffy, Blustein, Diemer und Autin aus dem Jahr 2016. Laut dieser Theorie trägt eine menschenwürdige Arbeit wesentlich zum Wohlbefinden und zur Erfüllung der Grundbedürfnisse des Individuums bei. Damit eine Arbeit als menschenwürdig betrachtet werden kann und sie die genannten positiven Auswirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft hat, muss die Beschäftigung fünf Kriterien erfüllen:
1. Sicherheit bei der Arbeit (zum Beispiel keine körperliche, verbale oder emotionale Belästigung)
2. Arbeitszeiten, die die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben ermöglichen
3. Wertvorstellungen, die sich mit den Werten der Arbeitnehmenden und ihres Umfelds vereinbaren lassen
4. Ausreichende Entlöhnung
5. Zugang zur Gesundheitsversorgung Angesichts der steigenden Zahl der Unterbeschäftigten und der prekären Arbeitsverhältnisse können diese Kriterien um weitere ergänzt werden, so etwa um das Kriterium Arbeitsplatzsicherheit (Arbeitspensum und berufliche Stabilität).

Menschenwürdige Arbeit in der Schweiz

Für eine Untersuchung der Faktoren, die den Zugang zu menschenwürdiger Arbeit begünstigen oder beeinträchtigen, müssen zuerst Instrumente entwickelt werden, die erfassen, inwiefern Menschen ihre Arbeit als menschenwürdig wahrnehmen. Ebenfalls braucht es Instrumente, mit denen sich messen lässt, wie sich der Zugang oder Nichtzugang zu menschenwürdiger Arbeit auf die berufliche und persönliche Zufriedenheit auswirkt. Ein solches Instrument haben Duffy und seine Kollegen 2017 mit der Decent Work Scale entwickelt, einem Massstab mit insgesamt 15 Fragen – drei Fragen zu jedem der fünf oben genannten Kriterien. Um ein Instrument erarbeiten zu können, das für Schweizer Verhältnisse taugt, haben wir in einem ersten Schritt untersucht, inwiefern die Kriterien der Decent Work Scale für die Schweiz relevant sind. Anschliessend wurde das Instrument ins Deutsche, Französische und Italienische übersetzt und an 604 Versuchspersonen aus den drei Sprachregionen getestet. Die Ergebnisse lassen darauf schliessen, dass das nach dem Vorbild von Duffy et al. erarbeitete Messinstrument für die Schweiz, das ebenfalls mit den fünf erwähnten Hauptkriterien arbeitet (siehe Kasten), die Situation in der Schweiz und den drei Sprachregionen zuverlässig abbildet. Wir konnten klar aufzeigen, dass die berufliche und persönliche Zufriedenheit von Menschen, die ihre Arbeit als menschenwürdig wahrnehmen, höher ist. Zwei kürzlich durchgeführte Studien (vgl. Kasten), die den Einfluss verschiedener Parameter untersuchten, bestätigen dieses Ergebnis. Weiter gibt unsere Studie Hinweise darauf, welche Faktoren den Zugang zu menschenwürdiger Arbeit am stärksten begünstigen: Zugehörigkeit zu einer höheren sozialen Schicht, keine Angst vor schlechteren Arbeitsbedingungen (ähnlich dem Parameter «Perspektive» im Barometer Gute Arbeit) sowie das Gefühl, trotz finanzieller oder struktureller Zwänge über die eigene berufliche Laufbahn bestimmen zu können (diese subjektiv empfundene Entscheidungsfreiheit wird als berufliche Volition bezeichnet).

Auswirkungen für die Berufs- und Laufbahnberatung

Die Untersuchung liefert auch Erkenntnisse für die Politik und die Praxis der Berufs- und Laufbahnberatung. So bestätigt sie etwa, dass Arbeitszufriedenheit, Einsatzbereitschaft und Wohlbefinden der Arbeitnehmenden nur erhöht werden können, wenn die Politik sowie Berufs- und Laufbahnberatungsstellen den Zugang zu menschenwürdiger Arbeit fördern. Die Politik muss sich der Problematik weiter annehmen, indem sie etwa die Eingliederungsmassnahmen für Jugendliche und ältere Stellensuchende verstärkt oder die Berufsbildung für Menschen jeden Alters zugänglich macht. Auch die Berufsberatenden spielen eine wichtige Rolle. Als Bindeglied zwischen dem Individuum und der Arbeitswelt müssen sie menschenunwürdige Arbeitsbedingungen melden, wenn sie solche feststellen, und ihre Klienten dabei unterstützen, ihre berufliche Laufbahn aktiv zu gestalten. Die Erkenntnisse der Studie zeigen, dass der Zugang zu menschenwürdiger oder würdevoller Arbeit für jedermann nur dann verbessert werden kann, wenn alle Beteiligten bestrebt sind, bessere Arbeitsmarktbedingungen zu schaffen, den sozialen Dialog mit lokalen, nationalen und internationalen Akteuren zu pflegen und Menschen mit Problemen zu begleiten. Damit Probleme gar nicht erst entstehen, könnte ein Teil der Beratungsarbeit bereits in der Schule, insbesondere an den Oberstufen- und Berufsfachschulen, geleistet werden. Dort könnten die Berufsberatenden Jugendliche beim Erwerb der Ressourcen und Fähigkeiten unterstützen, die sie für eine bestmögliche Berufs- oder Laufbahngestaltung benötigen, sie bei Übergängen begleiten, sie über ihre Rechte als Arbeitnehmende aufklären und sie bei der Suche nach einer menschenwürdigen Beschäftigung anleiten. Solche Präventionsmassnahmen würden insbesondere dazu beitragen, dass künftige Arbeitnehmer- und Unternehmergenerationen sensibilisiert sind für Themen wie psychosoziales Wohlbefinden am Arbeitsplatz, nachhaltige Laufbahnplanung sowie geteilte soziale Verantwortung von Institutionen, Unternehmen und Gesellschaft bei der Gestaltung der Arbeitswelt von morgen.

Links und Literaturhinweise

Masdonati, J., Schreiber, M., Marcionetti, J., Rossier, J. (2019): Decent work in Switzerland: Context, conceptualization, and assessment. In: Journal of Vocational Behavior (Nr. 110, S. 12-27).
Massoudi, K., Abessolo, M., Atitsogbe, K. A., Banet, E., Bollmann, G., Dauwalder, J.-P., Handschin, Ph., Maggiori, Ch., Masdonati, J., Rochat, Sh., Rossier, J. (2018): A value-centered approach to decent work. In: Cohen-Scali, V. et al. (Hrsg.), Interventions in Career Design and Education – Transformation for Sustainable Development and Decent Work (S. 93-110). Cham, Springer.
Pekruhl, U., Vogel, Ch. (2018): Zusammenhänge zwischen ausgewählten Arbeitsbedingungen und Zufriedenheit, Engagement und Erschöpfung von Arbeitnehmenden in der Schweiz. FHNW.
Oesch, Th., Fritschi, T. (2018): Barometer Gute Arbeit. Qualität der Arbeitsbedingungen aus der Sicht der Arbeitnehmenden – Ergebnisse für die Jahre 2015 bis 2018. BFH.

Kasten

Beispiele von Aussagen aus der Decent Work Scale

1. Sicherheit bei der Arbeit: «Bei der Arbeit fühle ich mich sicher vor emotionaler oder verbaler Belästigung jeglicher Art.»
2. Freizeit und Erholung: «Ich habe Freizeit während der Arbeitswoche.»
3. Kongruente Werte: «Die Werte meiner Organisation entsprechen denen meiner Familie.»
4. Ausreichende Entlöhnung: «Ich werde angemessen für meine Arbeit entlöhnt.»
5. Zugang zur Gesundheitsversorgung: «Die obligatorische Krankenversicherung in der Schweiz bietet mir gute Leistungen.»
Die befragte Person muss anhand einer siebenstufigen Skala von «vollkommen einverstanden» bis «überhaupt nicht einverstanden» bewerten, wie sehr jede Aussage auf sie zutrifft.

Kasten

Schweizer Arbeitsbedingungen unter der Lupe

Die Schlussfolgerungen in diesem Artikel knüpfen an die Ergebnisse von zwei im Oktober 2018 publizierten Studien zu den Arbeitsbedingungen in der Schweiz an. Im Auftrag des SECO hat die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Daten aus dem Jahr 2015 analysiert und in ihrer Studie aufgezeigt, dass die Zufriedenheit der Schweizer Arbeitnehmenden stark von einer guten Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben abhängt. Auch das berufliche Umfeld wirkt sich stark auf die Arbeitszufriedenheit aus, insbesondere das Verhalten von Vorgesetzten. Besonders geschätzt werden Vorgesetzte mit einem respektvollen, fördernden und wertschätzenden Führungsverhalten sowie ein auf Loyalität und Vertrauen basierendes Arbeitsklima. Seit 2015 messen die Berner Fachhochschule, Travail.Suisse und die Gewerkschaft Unia jährlich die Qualität und Entwicklung der Arbeitsbedingungen in der Schweiz in Bezug auf die drei Dimensionen Motivation, Sicherheit und Gesundheit. In der Ausgabe 2018 des Barometers Gute Arbeit kommen die Autoren zum Schluss, dass sich die Arbeitsbedingungen langsam verschlechtern: Der sinkende Einfluss der Arbeitnehmenden auf die Arbeitszeiten beeinträchtigt die Work-Life-Balance, schlechtere mittelfristige Perspektiven sorgen für Mobilitätsverlust, und auch zunehmender Stress belastet die Arbeitnehmenden. Beide Berichte warnen vor einer einseitig zulasten der Arbeitnehmenden gehenden Flexibilisierung der Arbeitszeiten und weiterer Arbeitsbedingungen. (aw)

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