Ausgabe 02 | 2019

BERUFSBILDUNG

Programm «digitalinform.swiss»

«Die Berufsbildung für die Digitalisierung in Form bringen»

Die Ende 2018 lancierte Initiative «digitalinform.swiss» hat sich die Förderung des digitalen Wandels in der Berufsbildung zum Ziel gesetzt. Wozu braucht es ein solches Projekt, und wie funktioniert es? Rémy Hübschi (SBFI) und Jörg Aebischer (eduxept AG) stehen PANORAMA Rede und Antwort.

Interview: Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Rémy Hübschi (links) ist Abteilungsleiter Berufs- und Weiterbildung beim SBFI. Jörg Aebischer arbeitete als Geschäftsführer des Beratungsunternehmens eduxept AG an der Konzeption von «digitalinform.swiss» mit. (Bild: Adrian Moser)

Rémy Hübschi (links) ist Abteilungsleiter Berufs- und Weiterbildung beim SBFI. Jörg Aebischer arbeitete als Geschäftsführer des Beratungsunternehmens eduxept AG an der Konzeption von «digitalinform.swiss» mit. (Bild: Adrian Moser)

PANORAMA: Warum wurde ein Programm zur Förderung des digitalen Wandels in der Berufsbildung geschaffen? Rémy Hübschi: Die Digitalisierung hat grosse Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die Berufsbildung orientiert sich an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts. Die Digitalisierung hat aber an den drei Lernorten Lehrbetrieb, Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse je eine andere Dynamik und Geschwindigkeit.
Jörg Aebischer: Die Entwicklung nimmt immer mehr Fahrt auf, und das Risiko von Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Lernorten steigt. Wir müssen alle Akteure unterstützen, damit sie im gleichen Tempo voranschreiten.

Welches sind die grössten Herausforderungen des Programms?
Rémy Hübschi: Bereits heute gibt es in der Berufsbildung verschiedenste Projektförderungsinstrumente. Projektbeiträge im Sinne von Artikel 54 und 55 BBG sind eines davon. Doch die Berufsbildungslandschaft ist stark fragmentiert, die Ausgangssituationen sind sehr unterschiedlich.
Jörg Aebischer: Die Herausforderung besteht darin, die Organisationen zu erreichen, die noch nicht auf den Digitalisierungszug aufgesprungen sind, und sie beim Schritt Richtung Digitalisierung zu unterstützen. Sie müssen miteinander vernetzt werden, sie sollen von Erfahrungen anderer profitieren können, damit die angebotenen Fördermassnahmen ihren Projekten letztlich überhaupt etwas nützen. Für «digitalinform.swiss» haben wir die klassische Projektförderung um die Phasen «sichtbar machen» und «vernetzen» ergänzt.

Welche Ziele verfolgt «digitalinform.swiss»?
Rémy Hübschi: Die Initiative verfolgt drei Ziele: 1. Erhalt und Steigerung des Werts der Berufsbildung für Wirtschaft und Gesellschaft, 2. Vorbereitung der Lernenden auf die gegenwärtige und zukünftige Arbeitswelt, 3. Förderung der Kompetenzen der Arbeitnehmer und langfristige Sicherung ihrer Arbeitsmarktfähigkeit. Letztlich besteht unser Ziel darin, die Berufsbildung für die Digitalisierung fit zu machen.

An wen richtet sich die Initiative?
Jörg Aebischer: «Digitalinform.swiss» richtet sich an fünf verschiedene Zielgruppen: an die OdA als Trägerschaften von beruflichen Grundbildungen und höheren Berufsbildungen, an Berufsfachschulen und höhere Fachschulen, an üK-Anbieter, an die kantonalen Berufsbildungsämter und an die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungsstellen.
Rémy Hübschi: Die Initiative ist ein Dienstleistungsangebot, das darauf abzielt, allen Akteuren der Berufsbildung mit Blick auf den digitalen Wandel die gleichen Chancen zu bieten. Sie ersetzt nicht die OdA, die für die Weiterentwicklung ihrer Berufe verantwortlich bleiben.

Welche Dienstleistungen bietet «digitalinform.swiss»?
Jörg Aebischer: Wir haben drei Schwerpunkte: Sichtbarmachen von Wissen und Erfahrungen, Vernetzung von Akteuren und Projekten sowie Förderung durch Beratung und finanzielle Unterstützung. In einem ersten Schritt werden wir mit den OdA, den Berufsfachschulen und den üK-Anbietern Kontakt aufnehmen, um ihnen die Initiative und ihr Dienstleistungsangebot vorzustellen. Eine Online-Umfrage hat gezeigt, dass das Projekt auf grosses Interesse stösst. Wir möchten Austauschtage und andere Netzwerkaktivitäten anbieten. So können Synergien geschaffen werden, und die Teilnehmenden können von den praktischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die andere Akteure bereits gewonnen haben, profitieren. Weiter umfasst das Angebot finanzielle Beiträge an Projekte sowie auf Wunsch Beratung und Projektbegleitung.

Wie muss eine Institution vorgehen, wenn sie diese Unterstützung in Anspruch nehmen will?
Jörg Aebischer: Sie muss lediglich die Website www.digitalinform.swiss besuchen und über ein Formular eine Projektskizze einreichen.
Rémy Hübschi: Die Projektskizze wird vom SBFI geprüft, nach ein paar Wochen verfasst das SBFI eine Grundsatzantwort mit Empfehlungen. Auf dieser Grundlage können Interessenten anschliessend ein vollständiges Gesuch einreichen, das üblicherweise innerhalb von zwei Monaten bearbeitet wird. Bei Bedarf bieten wir auch Unterstützung bei der Erarbeitung des Gesuchs. Sobald das Projekt genehmigt wurde, kann der Gesuchsteller Beratung und Begleitung von öffentlichen oder privaten Anbietern in Anspruch nehmen. Das EHB etwa bietet eine Dienstleistung namens «Digi-Check» für OdA und Berufsfachschulen an.

Wie lange dauert die Initiative, und wie viele Finanzmittel werden investiert?
Rémy Hübschi: Das Programm dauert voraussichtlich sechs Jahre. Während der Pilotphase (2019–2020) sollen die Bedürfnisse der Akteure ermittelt und das Angebot auf diese Bedürfnisse zugeschnitten werden. In dieser Anfangsphase können wir auf ein Budget von maximal 15 Millionen Franken pro Jahr zurückgreifen. Die Unterstützung erfolgt in Form von ordentlichen Projektbeiträgen (Art. 54 und 55 BBG); der Bund übernimmt 60 Prozent der Projektkosten, die verbleibenden 40 Prozent bringen die Akteure in Form von Eigenleistungen auf. Insgesamt stehen für die Initiative somit fast 25 Millionen Franken pro Jahr zur Verfügung.
Jörg Aebischer: Sollten wir mehr Gesuche erhalten, als Geld zur Verfügung steht, wäre das ein Luxusproblem. Die Pilotphase wird evaluiert und dient als Grundlage für die Mittelreservierung in der nächsten BFI-Botschaft für die Jahre 2021–2024.
Rémy Hübschi: Der Bund ist hier als Katalysator tätig, indem er die Anfangsarbeiten unterstützt. Nach Ablauf der sechs Jahre sollte die Initiative ihre Ziele erreicht und allen Akteuren den Schritt Richtung Digitalisierung ermöglicht haben.

Wie ist der Name «digitalinform.swiss» zustande gekommen?
Jörg Aebischer: Wir wollten eine Marke und einen Claim, die für sich selbst sprechen. Also brauchten wir einen Namen, der die Begriffe Digitalisierung, Information und Schweiz beinhaltet und zugleich in drei Landessprachen und Englisch verständlich ist. Das Wortspiel mit «inform» und «in Form» hat uns ebenfalls gefallen. Es passt gut zu unserem Ziel, die Berufsbildung für die Digitalisierung in Form zu bringen.

Warum haben Sie sich für ein «agiles» Projekt entschieden?
Jörg Aebischer: Diese neuartige Initiative muss sich an sich ständig ändernde Bedürfnisse anpassen. Sie ist der Komplexität der Digitalisierung unterworfen und erfordert einen «Bottom-up»-Ansatz. Wir müssen in einem Umfeld mit vielen unbekannten Faktoren flexibel reagieren können. Nach Abschluss der zweijährigen Pilotphase werden wir ein klareres Bild der Bedürfnisse und Erwartungen haben.
Rémy Hübschi: Diese Vorgehensweise – wir sprechen von «agil», weil sie mit den sich ändernden Bedürfnissen Schritt hält –, entspricht nicht unbedingt der üblichen Logik der Bundesverwaltung.

Welche Risiken birgt das Projekt?
Rémy Hübschi: Wir haben die Initiative Ende 2018 am Spitzentreffen der Berufsbildung mit Unterstützung der Sozialpartner aufgegleist. Nun müssen wir Ergebnisse liefern. Dafür brauchen wir Ressourcen und Expertenwissen auf einem neuen Gebiet.
Jörg Aebischer: Die Schaffung eines «agilen» Projektmanagements ist eine echte Herausforderung für das SBFI und erfordert einen Kulturwandel im Staatssekretariat.

Wie viele konkrete Gesuche wurden schon eingereicht?
Rémy Hübschi: Bis 8. März 2019 haben wir 16 Projektskizzen erhalten. Sobald wir Kontakt mit den Akteuren aufgenommen haben, die wir ansprechen möchten, dürften es noch viele mehr werden.

Links und Literaturhinweise

www.digitalinform.swiss
www.sbfi.admin.ch
www.eduxept.ch

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 3 | 2019 mit dem Fokus «Fachkräftemangel» erscheint am 21. Juni.