Ausgabe 02 | 2019

BERUFSBILDUNG

Migration und Erwerbstätigkeit

Zum Berufsabschluss dank Progredir

Ein modulares Bildungsprogramm für Erwachsene bereitet Migrantinnen in ausgewählten Branchen auf einen Berufsabschluss gemäss Artikel 32 BBV vor. Trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen in diesen Branchen sind die Ergebnisse vielversprechend.

Von Joëlle Racine, Verantwortliche Bildungspolitik bei der Unia

Die Ausbildung Progredir (progredir ist Portugiesisch für «Vorwärtskommen») wurde von der Gewerkschaft Unia und dem Erwachsenenbildungsinstitut ECAP Waadt initiiert. Nach der Pilotphase, die 2009 startete, wurde das Projekt 2012 institutionalisiert. Zwischen 2013 und 2017 verzeichnete das Projekt über 120 Teilnehmerinnen. Von den 38 Personen, die die Abschlussprüfung abgelegt haben, erlangten 36 einen Berufsabschluss (17 Gebäudereinigerinnen EFZ, 15 Hotelfachfrauen EFZ, zwei Restaurantfachfrauen EFZ, eine Fachfrau Hauswirtschaft EFZ, eine Detailhandelsassistentin EBA). Rund 20 Frauen bereiten sich gegenwärtig auf die Abschlussprüfung 2019 vor. Zum vierten Mal in Folge wird das Programm vom Kanton Waadt, den paritätischen Kommissionen der Reinigungsbranche und des Gastgewerbes sowie von der Stiftung Unia unterstützt. Nach Abschluss der Pilotphase 2012 wurden einige Anpassungen am Projekt vorgenommen. So wurden Migrantinnen aus allen Herkunftsländern zum Programm zugelassen und das Angebot auf die zwei Branchen Gastgewerbe und Reinigung reduziert – die beiden ursprünglich ebenfalls angebotenen Branchen Hauswirtschaft und Detailhandel wurden nicht weitergeführt.

Modulare Ausbildung für Erwachsene

Die Philosophie von Progredir ist es, bestmöglich auf die Bedürfnisse von Erwachsenen mit Migrationshintergrund einzugehen. Das Programm beinhaltet eine erwachsenengerechte Pädagogik, eine an die unregelmässigen Arbeitszeiten der Teilnehmerinnen angepasste Ausbildungsplanung und einen individuellen Bildungsparcours. Nach der Standortbestimmung, die zu Beginn der Ausbildung erarbeitet wird, erstellt die ECAP für alle Teilnehmerinnen einen individuellen, auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittenen Ausbildungsplan. Je nach Sprachniveau, schulischen Kenntnissen und Berufserfahrung müssen die Teilnehmerinnen einzelne oder alle Bildungsmodule absolvieren. Migrantinnen mit ungenügenden Sprachkenntnissen können Sprachkurse absolvieren, und zudem besteht die Möglichkeit, weitere Bildungsangebote der jeweiligen Branche zu nutzen. Das Programm steht auch Migrantinnen offen, die sich weiterbilden möchten, ohne eine Qualifikation zu erlangen. Denn Progredir möchte Migrantinnen nicht nur einen anerkannten Berufsabschluss ermöglichen, sondern auch Personen den Zugang zu einer Ausbildung ermöglichen, denen ein solcher normalerweise verwehrt bleibt, nämlich Migrantinnen mit einem Teilzeitpensum in Branchen mit prekären Arbeitsbedingungen. Das soll die Migrantinnen ermutigen, sich an eine Ausbildung heranzuwagen. Der Lehrgang umfasst acht Module: Standortbestimmung, Berufsbildung in der Schweiz, Arbeitsmarkt in der Schweiz, Berufliche Kommunikation, Grundkompetenzen, Allgemeinbildung, Berufliche Standortbestimmung, Berufliche Fachmodule (Theorie und Praxis). Während der gesamten Ausbildung werden die Teilnehmerinnen mit einem individuellen Coaching unterstützt. Das Programm endet mit der Abschlussprüfung zum EFZ. 2017 wurde Progredir mit dem Prix Diversité-Emploi-Formation der Stadt Lausanne ausgezeichnet. Da sich das Programm auch für andere Branchen eignet, haben die Unia und ECAP eine Förderkampagne lanciert, um in den Kantonen Bern und Neuenburg ein ähnliches Angebot auf die Beine zu stellen, das auch männlichen Migranten offensteht.

Herausforderungen für das Zielpublikum und die Trägerschaften

Für Migrantinnen und Migranten erfolgt der Einstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt zumeist über eine Beschäftigung in einer Branche mit prekären Arbeitsbedingungen. Leider sorgen zahlreiche strukturelle Faktoren, aber auch Diskriminierung dafür, dass ihnen der berufliche Aufstieg und Lohnerhöhungen verwehrt bleiben und sie deshalb in der Prekarität verbleiben: Tieflöhne, unregelmässige Arbeitszeiten, meistens frühmorgens oder spätabends, wenig Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, vor allem für Migrantinnen mit Teilzeitpensen. Haben die Frauen dann auch noch Kinder, wird es für sie besonders schwierig. In diesem sowieso schon schwierigen Umfeld braucht es für die Progredir-Ausbildung eine gehörige Portion Motivation, Disziplin, Ausdauer und eine ausgeklügelte Neuorganisation des Familienlebens – und das, obwohl das Programm sich bestmöglich nach den Arbeitszeiten der Teilnehmerinnen richtet. Das erklärt, warum nur eine von vier Personen, die die Ausbildung beginnt, bis zum Schluss durchhält – von 50 Personen, die die Ausbildung in Angriff nehmen, legt nur etwa ein Dutzend die Abschlussprüfung ab. Die Bestehensquote liegt je nach Prüfungsjahr bei 70 bis 80 Prozent. Angesichts der Schwierigkeiten und des täglichen «Überlebenskampfes» können sich Migrantinnen und Migranten in diesen Branchen kaum eine lange, anspruchsvolle Ausbildung vorstellen. Dabei lohnt es sich trotz aller Probleme. Die Erfahrungen im Kanton Waadt zeigen, dass die Teilnahme am Programm für die Migrantinnen positive Auswirkungen hat. Sie gewinnen Selbstvertrauen, sind Vorbild für andere, eröffnen sich neue Berufs- und Bildungsperspektiven, verdienen mehr. Mehrere Progredir-Teilnehmerinnen haben ein eigenes Unternehmen gegründet, sind in eine andere Branche gewechselt oder haben eine Tertiärbildung in Angriff genommen. Das allein ändert aber noch nichts an den Praktiken einzelner Arbeitgeber in der Reinigungsbranche, die es ablehnen, qualifiziertem Personal den im GAV festgelegten Lohn zu bezahlen. Stattdessen setzen sie auf Billiglöhne. Die Einführung von Ausbildungen, die sich nach den Bedürfnissen von Migranten richten, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Angesichts der erwähnten Probleme sowie des strukturellen und technologischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt muss man sich allerdings fragen, ob es reicht, die Verantwortung für die Ausbildung allein in die Hände des Einzelnen zu legen. Vielmehr ist es Zeit, das Recht auf Ausbildung im Gesetz zu verankern.

Links und Literaturhinweise

www.progredir.ch

Kasten

«Ich habe Wertschätzung erfahren»

Interview: Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Linda Tomalá Alcivar, dreifache Mutter und Gebäudereinigerin EFZ. (Bild: Joëlle Racine/Unia)

Die Ecuadorianerin Linda Tomalá Alcivar hat die Ausbildung Progredir absolviert und fünf Jahre nach ihrer Einreise aus Spanien das Fähigkeitszeugnis als Gebäudereinigerin erlangt.

PANORAMA: Wie haben Sie von Progredir erfahren?
Linda Tomalá Alcivar: Ich war bei der Unia, weil ich Unterstützung bei einem heiklen Schreiben brauchte. Ich habe im Gewerkschaftssekretariat gefragt, ob es noch andere Angebote für mich gibt. Bei dieser Gelegenheit habe ich von Progredir erfahren.

Warum haben Sie die Ausbildung absolviert?
In Spanien war ich Buchhalterin im Betrieb meines Mannes. Als ich in die Schweiz kam, begann ich als Reinigungskraft zu arbeiten. Das ist keine einfache Branche, man erfährt wenig Wertschätzung, und es gibt nicht genug qualifizierte Arbeitskräfte. Ich musste etwas für mich tun, meine Kompetenzen weiterentwickeln, um mir mehr Perspektiven in meinem Beruf zu eröffnen.

Was hat Ihnen Progredir gebracht?
Nur Positives. Ich habe eine Qualifikation erlangt. Ich habe Produktkenntnisse erworben, gelernt, effizient zu arbeiten und ein Team zu führen. In meiner Vertiefungsarbeit habe ich mich mit den beruflichen Perspektiven für Migrantinnen und Migranten in der Reinigungsbranche befasst. Ich wollte meinen Beitrag dazu leisten, dass Arbeitskräfte der Branche treu bleiben. Dank Progredir habe ich Wertschätzung erfahren. Das machte auch anderen Menschen in meinem Umfeld Mut.

Was war für Sie das Schwierigste?
Am schwierigsten fand ich es, Arbeit, Familie und Ausbildung unter einen Hut zu bringen. Ich konnte immer auf die Unterstützung meines Umfelds zählen und war motiviert zu lernen. Beim Französischlernen und beim Layout meiner Vertiefungsarbeit konnte ich die Unterstützung in Anspruch nehmen. Von den 17 Personen, die die Ausbildung mit mir begonnen haben, haben zehn aus verschiedenen Gründen abgebrochen, sechs haben die Prüfung abgelegt und nur vier haben bestanden.

Haben Sie sich nach dem EFZ persönlich weiterentwickelt?
Mein Vorgesetzter glaubte nicht, dass ich die Ausbildung erfolgreich abschliessen würde. Als ich mein EFZ hatte, hat er mir gekündigt, denn als Gebäudereinigerin EFZ war ich ihm zu teuer. Darauf war ich nicht gefasst. Heute arbeite ich als Reinigungshilfe für die Stadt Lausanne und suche nach einer Stelle als Hauswartin.

Was ist Ihre Botschaft an die Frauen und an die Betriebe?
Für uns Frauen ist es sehr wichtig, dass wir eine Qualifikation erlangen, unsere Erfahrung gewinnbringend einsetzen und unsere Kompetenzen weiterentwickeln. Nicht nur für uns hängt viel davon ab, sondern auch für die Unternehmen, denn sie brauchen fachkundiges Personal. Das erfordert viel Motivation und Einsatzbereitschaft, doch es lohnt sich.

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