Ausgabe 02 | 2019

Fokus "Soft Skills"

Ausbildung der Lehrpersonen für Berufsfachschulen

Mit dem 4K-Modell in die Bildungszukunft

Die Förderung von überfachlichen Kompetenzen gehört zu den Kernaufgaben der Berufs-bildung und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Deshalb hat die Pädagogische Hochschule Zürich die fachdidaktische Bildung der angehenden Lehrpersonen radikal umgestellt.

Von Saskia Sterel, Dozentin, und Manfred Pfiffner, Professor für Berufspädagogik, Pädagogische Hochschule Zürich

Das fachdidaktische Studium an der PH Zürich verlangt in hohem Masse selbstorganisiertes und selbstgesteuertes Lernen. (Bild: Daniel Fleischmann)

Das fachdidaktische Studium an der PH Zürich verlangt in hohem Masse selbstorganisiertes und selbstgesteuertes Lernen. (Bild: Daniel Fleischmann)

«All educators want to help their students succeed in life. What was considered a good education 50 years ago, however, is no longer enough for success in college, career, and citizenship in the 21st century.» Was die National Education Association (NEA), die grösste Gewerkschaft in den USA, der Lehrkräfte aller Stufen angehören, 2012 in Worte fasste, trifft für jedes Bildungssystem der Welt zu: Es reicht nicht mehr, sich Wissen oder Fertigkeiten anzueignen, um in Schule, Beruf oder Gesellschaft Erfolg zu haben. Erforderlich sind auch Fähigkeiten jenseits des Wissens über Fakten und Prozeduren – Soft Skills eben. Aber so aktuell die Diskussionen zu diesen Soft Skills sind – neu sind sie nicht. Schon die Debatten um «Schlüsselqualifikation» im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts lassen sich als Reaktion auf die Frage lesen, welche Fähigkeiten die Türen der (Arbeits-)Welt von morgen öffnen. Diesen Begriff prägte Dieter Mertens 1972 und unterschied Basisqualifikationen, Horizontalqualifikationen, Breitenelemente und Vintagefaktoren. Später rückte der Wirtschaftspädagoge Lothar Reetz den Begriff auf der Achse zwischen Situation und Person noch deutlicher ab von konkreten Berufsanforderungen und verlagerte ihn zur Persönlichkeit. Er interpretierte Schlüsselqualifikationen eher als Kompetenzen (personale Dispositionen und Potenziale) denn als zertifizierbare Qualifikationen und meinte damit Dinge wie Entscheidungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit oder Fähigkeit zur selbstständigen Arbeitsgestaltung. Wir sind hier schon nahe bei dem, was heute mit dem Begriff der überfachlichen Kompetenzen belegt wird. Dass solche überfachlichen Kompetenzen durchaus mit realen Anforderungen der Arbeitswelt zu tun haben, zeigt ein Blick auf aktuelle Stelleninserate: Es reicht nicht mehr, eine ausgezeichnete Spenglerin oder ein erfahrener Lastwagenmechaniker zu sein. Man soll auch Teamfähigkeit und ein hohes Kundenbewusstsein mitbringen und flexibel, kommunikativ und innovativ sein – von fundierten IT-Kenntnissen, Selbstständigkeit und Einsatzbereitschaft ganz zu schweigen.

Die Entstehung der 4K

Vor einigen Jahren hat die erwähnte NEA Fachleute gefragt, was aus ihrer Sicht im 21. Jahrhundert die zentralen Kompetenzen in Schule und Bildung sein würden. Die Antwort war das, was inzwischen als «Four Cs of 21st Century Learning» in der Bildungslandschaft der USA – und weit darüber hinaus – erstaunliche Präsenz entfaltet:
1. Kritisches Denken und Problemlösen
2. Kommunikation
3. Kooperation
4. Kreativität und Innovation
Es leuchtet nicht auf Anhieb ein, dass ausgerechnet diese vier Kompetenzen so wichtig sein sollen. Ein Blick auf die Entwicklungen der Lebens- und Arbeitswelt zumindest in den hoch entwickelten Ländern lässt die Auswahl aber weniger willkürlich erscheinen:
– Die Digitalisierung hat alle Branchen erfasst, wenn auch in unterschiedlichem Mass. So sinkt der Anteil an Routinearbeiten (auch an kognitiven) im kaufmännischen Bereich, während die verbleibende Arbeit anspruchsvoller wird. Kaufmännische Arbeitnehmende werden vermehrt koordinieren und Schnittstellenfunktionen übernehmen und stärker in die Kundenorientierung eingebunden werden. Mehr und mehr müssen sie ungewohnte Situationen meistern, Probleme erkennen, analysieren und lösen. Das erfordert Kreativität und Kooperation.
– Kritisches Denken wird wichtiger, da unsere Gesellschaft mit einer wachsenden Zahl an Informationen konfrontiert wird und sich so neue Problemfelder eröffnen. Dies zeigt sich beispielsweise in den Pflegeberufen.
– Neben der Neuausrichtung der Arbeitsmärkte verändern sich auch die Formen der Arbeitsorganisation. Vermehrt sind selbstverantwortliche, entscheidungsorientierte und sozialkompetente Mitarbeitende gesucht, die nicht mehr fest angestellt, sondern punktuell eingesetzt werden, wie bereits heute in der IT- und Marketingbranche («Hiring on Demand»). Solche Berufsleute sind in der Regel höher qualifiziert und müssen über hohe Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten verfügen.
Für Berufslernende ist es zwingend, dass sie die umrissenen 4K an allen drei Lernorten der Ausbildung erwerben können. So sollten in den Bildungsplänen und den ABU-Schullehrplänen der beruflichen Grundbildung komplexere Handlungskompetenzen beziehungsweise konkretisierte Bildungsziele vorkommen, die kritisches Denken und Problemlösen initiieren. Die Grundlage dafür hat der Gesetzgeber im Artikel 15 des Berufsbildungsgesetzes gelegt, wo er neben den berufsspezifischen Qualifikationen eine Reihe von weiteren Kompetenzen nennt, die im Rahmen der beruflichen Grundbildung zu vermitteln seien – etwa die «Fähigkeit und Bereitschaft zum lebenslangen Lernen sowie zum selbstständigen Urteilen und Entscheiden». Im vom SBFI herausgegebenen Bericht «Transversale Kompetenzen» vom Mai 2018 finden sich dazu auf gegen 100 Seiten Konkretisierungen.

Umsetzung an der PH Zürich

Wenn aber die Lehrpersonen an Berufsfachschulen die Lernenden im Bereich der 4K fördern sollen, müssen die Pädagogischen Hochschulen die Ausbildung dieser Lehrpersonen selbst entsprechend einrichten. Die PH Zürich hat das «4K-Modell» darum zum Studienmodell der Ausbildungsgänge der Lehrpersonen sämtlicher Berufsbildungsstufen gemacht und setzt es – nach einer ersten Pilotphase – derzeit mit den Studierenden im zweiten Semester um. An diesem Modell orientieren sich die Lehr- und Lernprozesse in den fachdidaktischen Modulen, die (neben den fachwissenschaftlichen Modulen) einen von zwei wöchentlichen Studientagen belegen. Das Modell ist vor allem darauf ausgerichtet, dass die Studierenden mehr Selbstverantwortung für ihre eigene Ausbildung übernehmen. Dabei arbeiten Studierende für ABU und Berufskunde fast immer zusammen – sie hören Inputreferate, bilden Lerntandems oder treffen sich in «Koping-Gruppen» (Kommunikative Praxisbewältigung in Gruppen). Auf diese Weise werden Kooperation und Kommunikation in der fächerübergreifenden Arbeit unterstützt. Der hohe Anteil an selbstorganisiertem und selbstgesteuertem Lernen fördert und verlangt Kreativität und Innovation, während Reflexionsphasen kritisches Denken und Problemlösen anregen. So dokumentieren die Studierenden ihren Lernweg, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in einem E-Portfolio. Dessen Ausgangspunkt bildet eine Standortbestimmung zu Beginn des Studiums und jeweils zu Semesteranfang. Auf dieser Grundlage setzen die Studierenden zusammen mit den Dozierenden und den Praktikumslehrpersonen individuelle Schwerpunkte. Ein Tag im fachdidaktischen Präsenzstudium gestaltet sich in der Regel wie folgt:
– Gemeinsamer Beginn mit einem etwa zwanzigminütigen Wochenrückblick, bei dem drei bis vier Ereignisse der vergangenen Woche aus einem für Berufsfachschulen relevanten Thema präsentiert werden.
– Mindestens ein Inputreferat von Dozierenden mit Anschlussaufträgen.
– Arbeit an den eigenen, in der individuellen Standortbestimmung formulierten und von den Dozierenden auf die Kompetenzen des jeweiligen Moduls abgestimmten Lernaufgaben.
– Lernbegleitung und ausführliche Rückmeldung auf Standortbestimmung und Lernaufgaben durch die Dozierenden.
– Gemeinsamer Abschluss, bei dem Fragen geklärt und Anregungen aufgenommen werden.
Durch die enge Begleitung der Studierenden, durch die Rückmeldungen auf ihre Standortbestimmungen und Lernaufgaben sowie durch die Unterrichtsbesuche wechseln sich Phasen der Selbstreflexion und der Fremdeinschätzung kontinuierlich ab. Dieses Setting bietet Gewähr, dass die Studierenden die 4K im Studiengang erleben, verinnerlichen und letztlich selbst mit ihren Berufslernenden umsetzen können.
Hilbert Meyer gehört zu den weltweit führenden Didaktikern eines handlungsorientierten Unterrichts. Meyer hat im September 2017 in der «Rolle eines kritischen Freundes» Stellung zum damals frischen 4K-Studienmodell genommen. Er lobte das «ungewöhnlich hohe Niveau der Individualisierung der Lehr-Lern-Prozesse». Zudem steche die Ergänzung des individualisierten Lernens durch kooperative Lehr- Lern-Formen, Tandems, Koping-Gruppen, gemeinsames Lehren und Lernen in Inputreferaten und anderen Plenarveranstaltungen hervor, wobei auch Frontalunterricht und systematische Wissensvermittlung zu ihrem Recht kämen. Meyer schätzte das 4K-Studienmodell als originell ein, da es, wie die Berufsbildung, dual organisiert sei. Und er formulierte schliesslich Thesen, die auch unseren Überzeugungen entsprechen:
1. Es gibt keine einzige Kompetenz ohne einen Inhalt.
2. Kompetenzorientierung darf nicht zum Ersatz für eine gründliche und systematische fachdidaktische Ausbildung werden.
Zum geschilderten Modell ist 2018 im hep Verlag das Buch «Ausbilden nach 4K – Ein Bildungsschritt in die Zukunft» erschienen. In den nächsten Jahren soll für jedes «K» ein Buch entstehen, in denen auch Unterrichtssettings behandelt werden.

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