Ausgabe 01 | 2019

ARBEITSMARKT

Fachtagung

Integration geht vor Stellenmeldepflicht

Dank der Stellenmeldepflicht hat sich die Zahl der offenen Stellen, die den RAV gemeldet wurden, mehr als verdoppelt. Nun fordern Organisationen der Arbeitsintegration einen gleichberechtigten Zugang zu diesen Ausschreibungen, wie eine Tagung von «Arbeitsintegration Schweiz» zeigte.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Seit dem 1. Juli 2018 müssen offene Stellen in Berufsarten mit einer Arbeitslosigkeit von über acht Prozent den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet werden. Auf job-room.ch, dem Onlinestellenportal der Arbeitslosenversicherung, sind sie dann während mindestens fünf Arbeitstagen ausschliesslich für registrierte Stellensuchende und die RAV-Beratenden sichtbar, bis sie ganz veröffentlicht werden. Diese beiden Vorschriften – Meldepflicht und Stellensuchendenvorrang – sind die Kernelemente der Umsetzung des Verfassungsartikels 121a über die Steuerung der Zuwanderung. Sie haben zu einer starken Erhöhung der bei den RAV gemeldeten, offenen Stellen geführt – von 16'854 im Juni auf 36'410 im saisonal starken August (Tabelle). Aber erleichtert diese Zunahme es den Stellensuchenden tatsächlich, Arbeit zu finden? Wie gut funktioniert die Stellenmeldepflicht? Eine Tagung von «Arbeitsintegration Schweiz» ging diesen Fragen nach.

Job-Room soll noch besser werden

Aus Sicht des SECO ist die Umsetzung der neuen Vorschriften weitgehend gelungen, wie Mauro Tomeo, Leiter Vollzugsunterstützung RAV/LAM/KAST, bilanzierte. Die erwähnte Zunahme der Meldungen habe den Arbeitsmarkt transparenter gemacht und den verdeckten Arbeitsmarkt verkleinert. Wie viele Personen sich dank dieser Verbesserung auf die gemeldeten Stellen beworben haben, weiss das SECO allerdings nicht. Im Vordergrund stehe die Eigenverantwortung der Stellensuchenden, vom Informationsvorsprung Gebrauch zu machen, so Tomeo; die RAV unterstützten die gegenseitige Kontaktaufnahme im Rahmen ihrer subsidiären Rolle. Im Kanton Basel-Stadt haben die betroffenen Branchen in den ersten vier Monaten der Stellenmeldepflicht 2375 Vakanzen gemeldet, wie Nicole Hostettler, Leiterin des Amtes für Wirtschaft und Arbeit, mitteilte. 613 Personen reagierten mit der Unterstützung des RAV in Form eines Kandidatenvorschlags mit einer Bewerbung, wie viele davon erfolgreich, ist unklar. Hostettler betonte, dass diese Bewerbungen eine gute Qualität hätten, da sie auf seriösen Eignungsabklärungen basierten. Zudem seien viele Stellenmeldungen insbesondere kleiner Firmen ungenau und erforderten weitere Recherchen. Nach Auffassung des SECO hat sich auch die Stellenplattform job-room.ch bewährt, so Mauro Tomeo weiter. Ohne sie wäre es nicht möglich, eine so hohe Zahl an offenen Stellen und Stellensuchenden zu administrieren: «Hier finden Arbeitnehmende offene Stellen und Arbeitgeberinnen geeignete Kandidaten, und das im Gegensatz zu früher oft auch im direkten Kontakt miteinander.» Positiv wertete Tomeo zudem die Zunahme von rund 4000 Stellenmeldungen in nicht meldepflichtigen Berufsarten. «Die Arbeitgeber entdecken, wie nützlich Job-Room für die Suche neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist. Bis Ende November 2018 hatten 3000 Firmen ein Login – «mit ausschliesslich positiven Rückmeldungen». Nun wolle man die Plattform in den nächsten Monaten mit weiteren Funktionen ergänzen, die eine individuelle Bewirtschaftung von Stellenmeldungen und Bewerbungen erlauben sollen. Dazu zählt etwa die Möglichkeit, sich Stellen zu merken, auf neue Stellen per Mail hingewiesen zu werden oder Notizen zu machen.

Sorgenkind Berufsbezeichnungen

Mauro Tomeo räumte in seinem Referat aber auch Schwierigkeiten im Bereich der Berufsbezeichnungen ein. Diese beschäftigen vor allem die Gastronomie, wie Casimir Platzer, Präsident GastroSuisse, in seinem Referat zeigte. Die Gründe sind teils veraltete oder irrelevante Bezeichnungen, nicht sinngemässe Übersetzungen, eine ungenügende Kohärenz zwischen AVAM-Berufslisten (Informationssystem der Arbeitslosenversicherung) und Berufsnomenklatur (SBN) des Bundesamtes für Statistik (BFS) sowie fehlende Angaben zur Bildungsstufe. Das BFS entwickle bis Sommer 2019 einen Vorschlag für eine neue Nomenklatur («CH-ISCO»), der allerdings zur bisherigen SBN anschlussfähig sein müsse, so Tomeo. Parallel überarbeitet das SECO die Berufsbezeichnungen. Eine weitere Präzisierung betrifft Stellen im ersten Arbeitsmarkt, die mithilfe von Eingliederungsmassnahmen (zum Beispiel Einarbeitungszuschüssen der Arbeitslosenversicherung, der Sozialhilfe oder der Invalidenversicherung) besetzt werden. Diese Stellen sind gemäss einer Weisung «AVG-Praxis öAV» nicht meldepflichtig – ähnlich wie die Stellen auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Die überarbeitete Weisung wird im Februar 2019 auf arbeit.swiss publiziert.

Gleichberechtigung eingefordert

Diese Mitteilung löste bei den anwesenden Personen, meist Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen der Arbeitsintegration, eine lebhafte Diskussion aus. Christian Holdener, Leiter Abklärung und Perspektiven im Kompetenzzentrum Arbeit der Stadt Bern, bezeichnete die neue Weisung als zentral. Seine Abteilung pflegt intensive Arbeitgeberkontakte und sucht jährlich für rund 400 Personen Arbeit – in jedem dritten Fall erfolgreich. «Es ist wichtig, dass unsere Partner diese Stellen nicht ausschreiben müssen. Das wäre schädlicher bürokratischer Leerlauf», so Holdener. Er sprach für viele andere Institutionen. In der Schweiz stehen nach Auskunft des Bundesamtes für Statistik rund 103'000 Sozialhilfebeziehende für eine Erwerbsaufnahme zur Verfügung, für weitere 40'800 Personen finanzierte die IV Massnahmen zur beruflichen Eingliederung. Zum Vergleich: Die RAV verzeichneten 2017 total 383'459 Abgänge aus der Arbeitslosigkeit (davon kumuliert 39'347 Aussteuerungen). Aus Sicht von Arbeitsintegration Schweiz ist der Wegfall der Publikationspflicht von Stellen zur beruflichen Integration positiv. Der Schritt reiche aber nicht, wie deren Geschäftsleiterin Salomé Steinle im persönlichen Gespräch deutlich machte. Steinle fordert, dass auch Personalberatende von Sozialdiensten oder ähnlichen Einrichtungen sowie ihre Stellensuchenden innerhalb der Fünf-Tage-Frist Kenntnis von offen gemeldeten Stellen erhalten. «Der Informationsvorsprung darf sich nicht auf die Personen beschränken, die beim RAV gemeldet sind», so Steinle. Der Vorschlag, dass sich arbeitsmarktfähige Personen aus der Sozialhilfe lediglich bei den RAV anmelden müssten, sei nicht umsetzbar. Zudem seien viele Personen aus der Sozialhilfe, IV oder Flüchtlingsintegration durchaus arbeitsmarktfähig, erfüllten aber die in den RAV gestellten oder für ein Login bei job-room.ch erforderlichen Anforderungen nicht. Diese Sicht bestätigte in ihrem Referat Nicole Hostettler, Basel-Stadt. Ein gemeinsames Verständnis des Begriffes der Arbeitsmarktfähigkeit sei eine Voraussetzung für einen gelingenden Dialog. «Reden Sie miteinander!», so Hostettler. Die Stellenmeldepflicht sei eine Chance, die bestehenden Kontakte zwischen RAV, Wirtschaftsförderung, Unternehmen, Verbänden, Sozialhilfe, IV, Organisationen und Anbietern zu intensivieren, wie sich in ihrem Kanton gezeigt habe.

Kritik von GastroSuisse

Erwartungsgemäss kritisch äusserte sich schliesslich Casimir Platzer, Präsident von GastroSuisse, zur Stellenmeldepflicht. Diese Branche stellte in den ersten fünf Monaten rund 41 Prozent der gemeldeten, meldepflichtigen Stellen (Berufsarten «Servicepersonal» und «Küchenpersonal»). Im Zentrum der Kritik von GastroSuisse stehen die folgenden Aspekte:
– In den beiden genannten Berufsarten wird nicht zwischen Fachkräften und Hilfspersonal unterschieden. Die Nomenklatur befindet sich wie erwähnt in Revision.
– Die fünftägige Stellenmeldepflicht dauere in der Regel sieben Tage, je nach Kanton aber auch deutlich länger, verursacht durch eine zögerliche Validierung von Meldungen durch die RAV. GastroSuisse fordert eine vollständig automatische Freischaltung offener Stellen – eine Forderung, die Mauro Tomeo aus Gründen der Internetsicherheit zurückweist. Platzer hingegen betonte: «Gerade im Hinblick auf die Senkung des Schwellenwerts auf fünf Prozent ab 1. Januar 2020 muss der Prozess schneller und effektiver werden. Andernfalls resultiert für die Arbeitgeber eine übermässige Belastung.»
– Saisonbetriebe müssen ihre Stellen melden, obwohl sie diese mit bewährten Kräften aus den Vorjahren besetzen können. Platzer forderte Entlastungsmassnahmen für diese Betriebe.
– Die Arbeitslosigkeit in einer Branche wird anhand von stellensuchenden Personen und deren zuletzt ausgeübter Tätigkeit ermittelt. Dieses Konzept führe zu einer falschen Berechnung der Arbeitslosenquote in der Gastronomie, in der viele Berufsleute anderer Branchen kurzfristig und nur als Aushilfe tätig sind.
– Nur 14 Prozent der eingestellten Kandidaten sind vom RAV vermittelt worden. Platzer sprach von einem Leerlauf für 86 Prozent.

Links und Literaturhinweise

www.arbeitsintegrationschweiz.ch

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 2 | 2019 mit dem Fokus «Soft Skills» erscheint am 19. April.