Ausgabe 01 | 2019

BERUFSBERATUNG

Gestaltung und Kunst

Erste Hilfe für den ersten Schritt in den Beruf

Die App «Easystep» soll jungen Künstlerinnen und Gestaltern das Erlernen berufsrelevanter Kompetenzen erleichtern und sie bei ihrem erfolgreichen Berufseinstieg unterstützen. Aufzeichnungen über den Entstehungsprozess der App.

Von Angela Grosso Ciponte, Danilo Silvestri und Catherine Sokoloff, Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW

Drei Viertel der Studierenden der Kunst- und Gestaltungshochschulen der Deutschschweiz sind Frauen. Die Studierenden – Frauen wie Männer – nehmen sich selbst als gleichberechtigt wahr und erleben die gestalterische und künstlerische Begabung als entscheidendes Unterscheidungsmerkmal. Geschlecht ist für sie eine fliessende Kategorie. Das heisst, die Studierenden suchen nach jeweils individuell passenden Selbstverständnissen und Lösungen, spielen mit gesellschaftlichen Rollen und Grenzen und erweitern diese. Junge Künstlerinnen und Gestalter sind der Unsicherheit gleich doppelt ausgesetzt. Einerseits geht künstlerisches und gestalterisches Schaffen grundsätzlich mit intrinsischer Unsicherheit einher: also mit Ungewissheiten im Schaffensprozess und bezüglich des eigenen Werks. Zudem hängen der erfolgreiche Berufseinstieg und der berufliche Erfolg von Künstlern und Gestalterinnen wesentlich davon ab, wie gut sie mit Unsicherheiten, also mit sich selbst, den andern, der Aufgabe, dem Geld und der Zeit umgehen können. Die übliche Ausgangslage, dass eine Gestalterin im Auftrag einer Kundin etwas erarbeitet, was die Kunden eben dieser Kundin erreichen soll, erfordert ein Denken um zwei Ecken. Das verlangt zwingend mehr als solides Fachwissen im Bereich Gestaltung. Auch für Künstler und Künstlerinnen ist diese Situation komplex, müssen sie doch zusätzlich zur fachlichen Berufsbefähigung eine Diskursfähigkeit entwickeln und über Organisationstalent und ausgeprägte Netzwerkkompetenzen verfügen, damit sie sich gegenüber Galerien und auf dem Kunstmarkt behaupten können. Solche Kompetenzen können nicht ausschliesslich theoretisch vermittelt werden. In Vortests haben wir herausgefunden, dass für den nachhaltigen Lern- und Anwendungserfolg die unmittelbare Möglichkeit, die Inhalte auf ein eigenes, reales Projekt beziehungsweise die eigene Situation anzuwenden, sowie die Ebene der Schriftlichkeit zentral sind.

Visuellen Ballast abwerfen

Für die Studierenden in Gestaltung und Kunst entscheidet die visuelle Gestaltung eines Angebots wesentlich, ob sie dieses annehmen. Deswegen haben wir alle Ideen bezüglich der Einbindung von Illustrationen, Filmen oder digitalen Übungen fallen lassen: Visueller Ballast lenkt ab, technische Hürden erschweren die Handhabe. Die Inhalte müssen zudem so ausgerichtet sein, dass sie immer eine Konsequenz für das eigene, praktische Handeln bieten. Weiter mussten alle Inhalte auf das absolut Wesentliche reduziert werden. Und schliesslich muss die technische Nutzung ohne Login möglich und den Nutzungsgewohnheiten der Zielgruppe entsprechend aufgebaut sein. Aus diesen Erkenntnissen haben wir die Schlussfolgerungen für die Produktentwicklung gezogen: Die Webapp «Easystep» ist systemunabhängig, responsiv, einfach im Unterhalt und in der Anpassung der Inhalte, beliebig erweiterbar und kostenlos. Die App ist um eine Kernfrage und vier Kernelemente herum aufgebaut. Die Kernfrage lautet: Was will ich als Nutzerin oder Nutzer überhaupt? Suche ich ein Praktikum, eine feste Anstellung oder die berufliche Selbstständigkeit? Die vier Kernelemente sind:
– 220 Begriffe von A bis Z rund um den Berufseinstieg und den Geschäftsaufbau von Künstlern und Gestalterinnen.
– Zehn Schlüsselsituationen. Sie umfassen einen kurzen Einleitungstext, dem drei bis fünf spezifische Tipps für die drei Zielvorstellungen (Praktikum, feste Anstellung, freie Tätigkeit) folgen.
– Einige Schlüsselsituationen sind mit einem «Canvas» gekoppelt. Canvases bündeln die wesentlichen Vorgehensschritte zu einem Thema. So helfen sie, ein handfestes Resultat zu erstellen, zum Beispiel ein Konzept für ein Portfolio.
– 68 Checklisten. Die Checklisten bieten konkrete Unterstützung für das praktische Tun.
Alle Texte sind so gehalten, dass sie Studierenden in Kunst und Gestaltung dienlich sind – unabhängig von deren Geschlecht, doch besonders, wenn sie Frauen sind. Dieses scheinbare Paradox haben wir durch die Sprache berücksichtigt und durch die konsequente Vermeidung von Ratschlägen, denen eine geschlechterbinäre Haltung anhaftet. Es ist Teil der Identität von Studierenden in Gestaltung und Kunst, auch sich selbst zu erfinden. Die App unterstützt sie dabei, indem sie erste Hilfe für den ersten Schritt in den Beruf in Gestaltung und Kunst bietet.

Links und Literaturhinweise

www.easystep.ch

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PANORAMA Nr. 2 | 2019 mit dem Fokus «Soft Skills» erscheint am 19. April.