Ausgabe 01 | 2019

BERUFSBERATUNG

Masterarbeit

Innovative Momente in der Berufs- und Laufbahnberatung

Wann geschieht während einer Beratung eine entscheidende Veränderung im Denken der Klienten und Klientinnen? Wie kann diese erfasst und als Qualitätselement in den Beratungsalltag einbezogen werden?

Von Thomas Kniest, Berufs-, Studien- und Laufbahnberater BLB See-Gaster, Uznach SG, Kevin Kreuzer, Berufs-, Studien- und Laufbahnberater BIZ Basel-Stadt, Marc Schreiber, Institut für Angewandte Psychologie (IAP) der ZHAW

Die Forschung zur Wirksamkeit der Psychotherapie sowie der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) zeigt, dass Beratungen umso erfolgreicher und nachhaltiger sind, je mehr sogenannte innovative Momente darin vorkommen. Innovative Momente sind Momente, in denen alte Gedankenmuster aufbrechen und neue Denkweisen, Gefühle und Handlungsabsichten entstehen. In diesen Momenten betrachtet der Klient sein Problem aus einer neuen Perspektive, macht sich Gedanken dazu und schmiedet Pläne für die Zukunft. In der hier vorgestellten explorativen Masterarbeit haben wir vier Laufbahnberatungen, in denen das Career Construction Interview (CCI) angewendet wurde, mittels Videoanalyse auf diese innovativen Momente (IM) hin untersucht. Das CCI besteht aus fünf Fragen zu Vorbildern, Lieblingszeitschriften, Lieblingsbuch, Lieblingsmotto und Kindheitserinnerungen der Klientin. Die Antworten auf diese Fragen werden mit der Beratungsperson besprochen, um daraus Lebensthemen, Eigenschaften, Interessen sowie konkrete nächste Schritte abzuleiten (zum CCI siehe auch PANORAMA 5/2016). Bei den IM werden zwei Stufen unterschieden. IM der ersten Stufe erfassen, inwiefern eine Klientin in der Beratung Distanz zu ihrer Herausforderung schaffen konnte (zum Beispiel durch die Betrachtung aus einer anderen Perspektive). IM der zweiten Stufe gehen darüber hinaus. Hier wird der Fokus auf die Konsequenzen der neuen Betrachtungsweise oder Idee gelegt, also neben dem Was auch das Warum geklärt. Dadurch führen IM der zweiten Stufe zu nachhaltigeren Veränderungen. In allen vier auf Video aufgezeichneten Erstberatungen erreichten wir mit zwei unabhängigen Analysen eine hohe Übereinstimmung bezüglich der identifizierten IM. Damit konnten wir aufzeigen, dass das Identifizieren von IM mithilfe der Videoanalyse funktioniert und dass das Arbeitsmittel CCI es den Klienten und Klientinnen bereits in kurzer Zeit ermöglicht, ihre Situation zu reflektieren und konstruktive Lösungsansätze zu finden.

Direktiv oder nichtdirektiv beraten?

Wir haben uns auch die Frage gestellt, ob es einen Unterschied macht, ob die Beratungsperson ihre Ideen und Ansichten aktiv einbringt, zum Beispiel indem sie konkrete nächste Schritte vorschlägt, oder ob sie durch gezieltes Nachfragen und Abwarten versucht, den Klienten die Zeit und den Raum zu geben, eigene Ideen und Lösungen zu finden. Daher haben wir die identifizierten IM dahingehend analysiert, ob sie direktiv (von der Beratungsperson eingebracht) oder nichtdirektiv (als eigene Ideen der Klientinnen) zustande gekommen sind. Die Resultate bezüglich der Direktivität sind aufgrund des explorativen Charakters der Studie sowie der geringen Stichprobe von lediglich vier Laufbahnberatungen mit Vorsicht zu interpretieren. Dennoch ist es sehr auffällig, dass in allen vier Laufbahnberatungen mehr und vor allem qualitativ bessere IM durch die nichtdirektive Vorgehensweise ausgelöst wurden (siehe Abbildung). Beratungen, in denen die Klienten eingeladen werden, sich selbst zu reflektieren und gewissermassen Experte über sich selbst zu sein, scheinen bei den Klienten also zu mehr IM zweiter Stufe zu führen als Beratungen, in denen die Beratungsperson aktiv eigene Ideen und Vorschläge einbringt. Diese Ergebnisse sind vielversprechend. Neben einer breiteren Absicherung der Erkenntnisse im Rahmen von weiteren Forschungsvorhaben, wie beispielsweise einer Überprüfung weiterer Beratungsmethoden, sehen wir auch für die Praxis ein grosses Potenzial. Mithilfe eines noch zu erarbeitenden Leitfadens zur Erfassung der IM und der Direktivität könnten Beratungsgespräche analysiert und evaluiert werden. Diese Aufzeichnungen könnten dann als Grundlage für einen strukturierten Super- oder Intervisionsprozess dienen, der die Beratungsqualität ins Zentrum stellt und dabei sowohl das Verhalten der Klientinnen (durch die IM) als auch der Beraterinnen (Mass der Nichtdirektivität) einbezieht.

Links und Literaturhinweise

Kniest, T., Kreuzer, K. (2018): Innovative Moments und Direktivität im Career Construction Interview. Masterarbeit an der ZHAW.

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