Ausgabe 01 | 2019

BERUFSBERATUNG

Berufliche Laufbahnen

Ein Modell zur Laufbahngestaltung

Das Laufbahngestaltungsmodell des Laufbahnzentrums Zürich soll für eine breite Öffentlichkeit verständlich machen, welche Faktoren berufliche Laufbahnen beeinflussen und wo die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) ansetzt.

Von Michèle Rosenheck, Direktorin, und Daniel Jungo, Leiter der Fachstelle Beratung und Diagnostik, Laufbahnzentrum der Stadt Zürich

Wenn sich Berufe immer schneller verändern, geradlinige Laufbahnen seltener werden, Arbeitsmarktfähigkeit an die Stelle von Arbeitsplatzsicherheit tritt und von den Individuen vermehrt Eigenverantwortung für ihre berufliche Entwicklung gefordert wird, gewinnt die Laufbahngestaltung an Bedeutung. Orientierung ist gefragt, und die Rolle der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) wird wichtiger. Bislang fehlte aber ein aktuelles, umfassendes und vor allem gut kommunizierbares Modell zur Laufbahngestaltung. Deshalb hat das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich ein solches Modell entwickelt, das als gemeinsamer Referenz- und Orientierungsrahmen für die Stakeholder rund um die BSLB dienen soll: für unsere Beratenden und Coachs, für die Schülerinnen und Schüler, für Eltern und Lehrpersonen, für erwachsene Ratsuchende, für Lehrbetriebe und Arbeitgeber und für zuweisende RAV oder Sozialdienste. Gleichzeitig ist das Modell ein Kommunikationsmittel, das in einem Gesamtzusammenhang aufzeigt, mit welchen Themen sich die BSLB beschäftigt. Bei der Entwicklung des Modells mussten verschiedene Rahmenbedingungen berücksichtigt werden: Es sollte ein neues und integratives Modell entwickelt werden, das wichtige Erkenntnisse bestehender Modelle berücksichtigt, wie beispielsweise das Regenbogenmodell von Super, das Grundmodell des Übergangs von Busshoff, das Reissverschlussmodell des Laufbahnzentrums von Zihlmann, Jungo und Voigt oder das Pyramidenmodell von Egloff und Jungo. Ausserdem sollte es berufliche Übergänge während der ganzen Lebensspanne einbeziehen, die verschiedenen relevanten Umwelten darstellen, die Vielfältigkeit der Laufbahnen illustrieren und die Vielzahl sowie die Möglichkeiten persönlicher Ressourcen aufnehmen.

14 persönliche Ressourcen

Die im Modell aufgenommenen 14 Ressourcen resultieren aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und Praxiserfahrungen. Die theoretischen Grundlagen zu diesen Ressourcen nehmen – bewusst breit konzipiert – valide Konstrukte ganz verschiedener Theorien und Modelle auf: Passungsmodelle, Entscheidungsmodelle, Rubikon-Modell, Life-Design, Eingrenzungs- und Kompromisstheorie, Selbstmanagement, Ich-Bildung, Übergangsbereitschaft, Karriere-Ressourcen, Kooperationsmodell. Folgende drei Beispiele persönlicher Ressourcen zeigen die Vielfalt der theoretischen Grundlagen:
1. Selbstkenntnis: Hier geht es um das Kennen der eigenen Interessen, Fähigkeiten, Persönlichkeit und Werte. Die theoretischen Grundlagen finden sich in Passungsmodellen wie beispielsweise in der Trait- und Faktortheorie, der RIASEC-Theorie von Holland oder in den fünf Schritten von Jungo und Egloff.
2. Kompromissbereitschaft: Manchmal müssen in der Berufs- und Laufbahnwahl Kompromisse eingegangen werden. Diese werden durch die Eingrenzungs- und Kompromisstheorie von Gottfredson und den Einbezug von Geschlechtstypik und Prestige thematisiert.
3. Umfeld nutzen: Bei dieser Ressource geht es darum, dass die Unterstützungsmöglichkeiten aus dem Umfeld genutzt werden, wie dies das Kooperationsmodell von Egloff und Jungo oder die Karriere-Ressourcen von Hirschi thematisieren.
Diese Ressourcen können weitere Teilressourcen subsumieren. So lassen sich zum Beispiel finanzielle Ressourcen bei der Realitätsorientierung einordnen oder die Gesundheit bei der Passung: Bei fehlenden finanziellen Mitteln ist eine kostenpflichtige Ausbildung nicht möglich, und bei depressiven Reaktionen auf Stress sollte dies bei der Suche nach passenden Möglichkeiten berücksichtigt werden, also Überforderung vermieden werden. Abhängig vom aktuellen Übergang und von der persönlichen Situation treten unterschiedliche Aspekte einer Ressource in den Vordergrund. Bei der Auswahl der Ressourcen war es uns ein Anliegen, dass wichtige grundlegende Ressourcen aufgenommen werden, dass sie für Fachpersonen und Laien verständlich sind und der Bezug zur Laufbahngestaltung plausibel ist.

Praktischer Nutzen des Modells

Das Modell stellt einzelne Themen in einen übergeordneten Zusammenhang und vermittelt Grundbotschaften an die Stakeholder an den verschiedenen Übergängen. Eine entscheidende Botschaft ist, dass Laufbahnen aktiv gestaltet werden können und sollen – gleichermassen ein Privileg und eine Pflicht. Jeder Mensch verfügt über Ressourcen, die ihn darin unterstützen, die verschiedenen Übergänge zu meistern und darauf aufbauend die beruflichen Kompetenzen zu entwickeln. Aus dieser Sicht geht es beispielsweise bei der Berufswahl nicht lediglich um die Passung eines Berufes zu einer Person, sondern darum, Grundlagen für die lebenslange Laufbahngestaltung und die Entwicklung von «Career Management Skills» zu legen. Die verschiedenen Akteure wie die Eltern oder die BSLB leisten hierzu wichtige Beiträge. Für Erwachsene gilt, dass regelmässige Checks der eigenen Arbeitsmarktfähigkeit zur Selbstverständlichkeit werden sollten (im Laufbahngestaltungsmodell mit Pfeilen dargestellt). Ein gemeinsamer Orientierungsrahmen wie das Laufbahngestaltungsmodell ist auch in der Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen wie dem «Up- oder Reskilling» im Zusammenhang mit der Digitalisierung wertvoll. Erste Erfahrungen mit dem Modell sind positiv. Es ist für die verschiedenen Zielgruppen unmittelbar einleuchtend und vermittelt ohne grosse Erklärungen grundlegende Botschaften. Einsatzmöglichkeiten in den verschiedenen Handlungsfeldern der BSLB sollen in den kommenden Monaten gemeinsam mit Partnern entwickelt werden. Rund um das Modell wurden auch schon erste Instrumente entwickelt wie beispielsweise der Digitalcheck auf laufbahn-check.ch oder das neue Diagnostikinstrument «Bilder zur Laufbahngestaltung» (siehe Kasten).

Kasten

Diagnostikinstrument «Bilder zur Laufbahngestaltung»

Bei der Laufbahngestaltung geht es nicht primär darum, passende Ausbildungen und Berufe zu identifizieren, sondern vor allem um die Unterstützung von Rat suchenden Personen bei der Gestaltung ihrer Laufbahn, indem ihre persönlichen Ressourcen aktiviert und gestärkt werden. Dies bedeutet für die Beratungspraxis, dass nicht nur psychometrische Passungstests wie Interessen- oder Fähigkeitstests eingesetzt werden sollten, sondern auch Instrumente zur Aktivierung und Stärkung von persönlichen Ressourcen. In diesem Zusammenhang haben Eri Brodmann und Daniel Jungo vom Laufbahnzentrum Zürich ein neues qualitatives Diagnostikinstrument «Bilder zur Laufbahngestaltung» entwickelt. Es stützt sich auf ein wertebasiertes Laufbahnmodell und einen narrativ-konstruktivistischen Beratungsansatz. Zudem berücksichtigt es durch die Aufnahme von unbewussten und latent bewussten Inhalten die tiefenpsychologische Sichtweise. Mit den Bildern zur Laufbahngestaltung können Laufbahnthemen, die für die Gestaltung der Laufbahn wichtig sind, bewusst im Beratungsprozess berücksichtigt werden. Das Instrument besteht aus zwei Sets (eines für Frauen und eines für Männer) mit je 111 laminierten Farbbildern. Die Rat suchende Person sortiert diese Bilder abhängig davon, wie stark die gezeigte Tätigkeit sie anspricht oder abstösst, und gruppiert die Bilder danach zu Themen. Im Gespräch mit der Beratungsperson erfolgt eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieser Themen in Bezug auf die Fragestellung und die aktuelle Lebenssituation. Berufs-, Studien- und Laufbahnberater/innen können die Bilder zur Laufbahngestaltung inkl. Holzbox für 347 Franken beim Autor Eri Brodmann bestellen: erhard.brodmann@zuerich.ch.

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