Ausgabe 01 | 2019

BERUFSBILDUNG

Rahmenlehrplan für Fachmittelschulen

Aschenputtel im Bildungsschloss

Rund fünf Prozent aller Jugendlichen treten nach der Schule in eine Fachmittelschule (FMS) ein. Diese Schulen stehen in bildungspolitischen Diskussionen oft am Rande – wie Aschenputtel im Märchen. Die Revision des Rahmenlehrplans richtet die Aufmerksamkeit aber neu auf die FMS.

Von Regula Julia Leemann, Bildungssoziologin an der Pädagogischen Hochschule FHNW

Die Fachmittelschule (FMS) hat ab dem Jahr 2004/2005 sukzessive die frühere Diplommittelschule abgelöst und sich seither neben der beruflichen Grundbildung und dem Gymnasium als dritter eidgenössisch anerkannter, nachobligatorischer Bildungsweg etabliert. Sie ist ein wichtiger Zubringer zu tertiären Bildungsgängen insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Soziale Arbeit und Pädagogik.

Allgemeine und berufliche Bildung

Die Kantone sind die Träger der Schulen und übernehmen deren Aufsicht und Finanzierung. Der Bildungsauftrag der FMS besteht aus der Vermittlung einer breiten Allgemeinbildung, einer berufsfeldbezogenen Vertiefung sowie der Vorbereitung auf eine Berufsausbildung auf Tertiärstufe. Die Lernenden wählen meist zu Beginn des zweiten Schuljahres ihr angestrebtes Berufsfeld, wobei ein mindestens zweiwöchiges Praktikum die Wahl unterstützt. Berufsfelder sind Gesundheit, Soziale Arbeit, Pädagogik, Kommunikation und Information, Gestaltung und Kunst sowie Musik und/oder Theater. In den folgenden Ausbildungsjahren belegen die Lernenden die entsprechenden berufsfeldspezifischen Fächer. 80 Prozent der Lernenden belegen einen der drei erstgenannten Bereiche. Diese werden teilweise auch kombiniert (zum Beispiel Gesundheit/Pädagogik) angeboten. Nach den ersten drei Jahren schliessen die Lernenden mit dem Fachmittelschulausweis ab. Dieser ist nicht berufsqualifizierend, eröffnet aber den Zugang zu einer Höheren Fachschule (zum Beispiel für Sozialpädagogik oder Pflege). Zwei Drittel der Lernenden erwerben nach dem Fachmittelschulausweis die Fachmaturität, die mit einem mindestens 24-wöchigen Praktikum, einer Fachmaturitätsarbeit und Abschlussprüfungen den formalen Zugang zu Fachhochschulen (FH) im gewählten Berufsfeld eröffnet. Für den Zugang zur Pädagogischen Hochschule ist statt des Praktikums eine zusätzliche Allgemeinbildung von mindestens sechs Monaten Voraussetzung. Im Schuljahr 2016/17 wählten 5564 Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit die FMS (5%), wobei nur 22 Kantone Fachmittelschulen anbieten (ohne UR, AI, NW, OW). Das quantitative Angebot ist regional sehr unterschiedlich: In der deutschen Schweiz befinden sich 40 Schulen, in der Romandie 25 und im Kanton Tessin zwei. Die Quote der Schulabgänger/innen, die eine FMS besuchen, ist in der Romandie höher (2016: GE 16%, VD 12%, ZH oder LU 2%).

Neues Berufsfeld «Gesundheit/Naturwissenschaften»

Das Anerkennungsreglement und der Rahmenlehrplan der FMS sind kürzlich einer Revision unterzogen worden, um Erfahrungen aus der bisherigen zehnjährigen Praxis zu integrieren und den Rahmenlehrplan kompetenzorientiert auszugestalten. Die überarbeiteten Reglemente treten ab Schuljahr 2019/20 in Kraft. In der Revision wurde der Umfang der Berufsfeldfächer, der bisher nicht definiert war, auf mindestens 20 Prozent festgelegt. Im Weiteren können Kantone alternativ zum Berufsfeld «Gesundheit» auch das Berufsfeld «Gesundheit/Naturwissenschaften» anbieten. Damit sollen Lernende auch auf Studien in den Life Sciences an FH vorbereitet werden können (unter anderem Biotechnologie, Life Sciences Technologie und Lebensmitteltechnologie), die bisher vor allem von Absolvierenden einer Berufsmaturität oder einer gymnasialen Maturität gewählt wurden. Einzelne Kantone haben die Erweiterung durch Naturwissenschaften schon vor einigen Jahren eingeführt. Viele Akteure, die sich zur Revision eingebracht haben, äussern sich positiv oder neutral zu dieser Kombinationsmöglichkeit. Sie erkennen neue Möglichkeiten für die Profilierung der FMS, da sich zunehmend gesundheitsnahe, naturwissenschaftlich ausgerichtete Disziplinen an FH entwickeln. Im Rahmen unseres Forschungsprojektes geführte Interviews mit Verantwortlichen dieser Studiengänge an FH zeigen, dass die FMS-Absolvierenden schulisch gut für diese Studiengänge vorbereitet sind und zukünftig eine wichtige Studierendengruppe sein könnten. Die Erweiterung wird von einzelnen bildungspolitischen Akteuren aber auch kritisch beobachtet und als Konkurrenz zum berufsbildenden Zugang gewertet. In Anbetracht der Aufgabe des Bildungswesens, möglichst allen Jugendlichen einen für sie passenden nachobligatorischen Bildungsweg anzubieten sowie die Quote der tertiär ausgebildeten Fachkräfte in den MINT-Fächern zu erhöhen, ist Konkurrenzdenken jedoch nicht zielführend.

Attraktive Ausbildung für Frauen wie für Männer

Die FMS wird heute mehrheitlich von jungen Frauen besucht. Die Ursache dafür liegt in den Wurzeln der FMS, den «Höheren Töchterschulen», welche die weiblichen Jugendlichen des oberen Mittelstandes im ausgehenden 19. Jahrhundert auf eine standesgemässe Ehe einstimmten. Später übernahmen die Schulen eine Brückenfunktion, um die jungen Frauen für Berufsausbildungen im Bereich von Erziehung, Pflege und Sozialer Arbeit vorzubereiten, die erst mit 18 bis 20 Jahren begonnen werden konnten. Die Vorbereitung auf diese Berufsfelder ist in den Weiterentwicklungen zur Diplommittelschule sowie bei der Transformation in die Fachmittelschule zu Beginn des 21. Jahrhunderts stets Kern des Bildungsauftrags und Selbstverständnisses der Schule geblieben. Diese Tätigkeitsfelder werden bis heute mit Weiblichkeit konnotiert und umfassen Aufgaben, für die sich grossmehrheitlich junge Frauen interessieren. Die Gründe für diese Geschlechterpräferenz sind vielfältig und beziehen sich auf Aspekte von Sozialisation, Geschlechteridentität und Lebensplanung. Laut einer Untersuchung von Andreas Hirschi haben weibliche Jugendliche zudem ein kleineres Angebot an Ausbildungsberufen zur Auswahl, die sich mit ihren Interessen decken. Deshalb ist die FMS für sie ein wichtiges Angebot. Der Besuch der FMS erfordert gute schulische Leistungen und richtet sich an bildungsmotivierte Lernende. Solch schulische und anforderungsreiche Bildungssettings entsprechen eher den Interessen, Identitäten und Kompetenzen von jungen Frauen. Die männlichen Jugendlichen waren bis in die 70er-Jahre vom Besuch der Schule ausgeschlossen. In den folgenden Jahren stieg deren Anteil auf heute rund ein Viertel (Deutschschweiz rund 20%, Romandie und Tessin rund 30%). Die einzelnen Berufsfelder werden jedoch unterschiedlich häufig von jungen Männern gewählt (siehe Tabelle). Die Fachmittelschule ist demnach auch für junge Männer eine attraktive Ausbildungsmöglichkeit. Da im Vergleich zur beruflichen Grundbildung die Jugendlichen rund zwei Jahre später ihr zukünftiges Berufsfeld festlegen müssen, dieses weniger spezifisch ist und unter gewissen Umständen später noch gewechselt werden kann, ermöglicht die FMS eine bezüglich des Geschlechts offenere Berufswahl. Junge Männer können für soziale, pflegerische und pädagogische Berufe gewonnen werden, junge Frauen für Berufe im MINT-Bereich. Eine bisher von einzelnen Akteuren geforderte Einführung eines Berufsfeldes «Technik» könnte dies zukünftig noch unterstützen.

Dem Fachkräftemangel begegnen

Hochrechnungen der Übergangsraten nach dem Abschluss der Sekundarstufe II in eine Tertiärausbildung zeigen, dass rund 70 Prozent der Abgänger/innen einer Fachmittelschule (Fachmittelschulausweis) innerhalb der ersten Jahre mit einer Ausbildung auf Tertiärniveau starten, oft an einer FH oder PH (über den Weg der Fachmaturität). Diese Anteile sind vergleichbar mit jenen der Abgänger/innen der beruflichen Grundbildung, die neben dem EFZ gleichzeitig die Berufsmaturität (BM1) erlangen. Angesichts der grossen Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften und dem Fachkräftemangel in den Bereichen Gesundheit und Pädagogik sowie in den MINT-Berufen ist die Fachmittelschule ein bedeutender Bildungsweg. So sind rund ein Drittel der Studierenden in den Fachhochschulstudiengängen der Pflegewissenschaften Inhaber/innen von Fachmaturitäten. An den Pädagogischen Hochschulen beträgt der Anteil der Lernenden mit Fachmatura in der Ausbildung zur Lehrperson von Vorschule und Primarschule im Durchschnitt 20 Prozent, in gewissen Regionen aber noch viel mehr (PH FHNW: 50%). Trotz dieser Bedeutung erhält die FMS in den Diskussionen um den Fachkräftemangel bildungspolitisch kaum Aufmerksamkeit.

Links und Literaturhinweise

www.edk.ch
Übersicht über das kantonale Bildungsangebot: www.fms-ecg.ch/de/schulen
www.bildungssoziologie.ch/fachmittelschulen

Kasten

Studie zu den Fachmittelschulen

Das Forschungsprojekt «Die Fachmittelschule als eigenständiger Bildungsweg neben Berufsbildung und Gymnasium – Prozesse und Ergebnisse ihrer Positionierung und Profilierung» der Pädagogischen Hochschule FHNW wird von Prof. Dr. Regula Julia Leemann und Prof. Dr. Christian Imdorf geleitet. Es wird vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert. Das Projekt untersucht die Positionierung der FMS als eines der drei Bildungsangebote auf Sekundarstufe II sowie dessen spezifisches Ausbildungsprofil im Vergleich zu den funktional äquivalenten Bildungswegen. Dazu entstehen zwei Dissertationen: Raffaella Simona Esposito (Gesundheit) und Sandra Hafner (Pädagogik).

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