Ausgabe 01 | 2019

BERUFSBILDUNG

Interview mit dem Bildungsberater Bruno Clematide

Ein Schweizer in Kopenhagen

Eine Berufsberatung, die verpflichtet ist, Jugendliche ohne Stelle zu kontaktieren. Eine Berufsbildung mit vielen kostenlosen Weiterbildungskursen. Und Jobagenturen, die für die Kommunen immer teurer werden, je länger eine Arbeitslosigkeit dauert. Das sind Highlights der Studienreise von PANORAMA im Mai 2019. Bruno Clematide erklärt die Details.

Interview: Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

PANORAMA: Sie haben 2008 zur Reform der Berufsbildung in Dänemark beigetragen. Worin bestand dieser Beitrag?
Bruno Clematide: Wer in Dänemark eine Berufslehre macht, absolviert zunächst ein schulisches Programm von einem halben oder ganzen Jahr und steigt erst dann in eine meist dual strukturierte, vertraglich geregelte Bildung ein. Im Jahr 2008 wünschte die Regierung eine Änderung der damaligen Einteilung von sieben in zwölf Berufsfelder; sie zu entwickeln, war unsere Aufgabe. Ein Ziel dieser und weiterer Reformen war es, die Berufsbildung zu attraktivieren und die Quote der Jugendlichen, die sich für diesen Weg entscheiden, zu erhöhen. Sie liegt derzeit bei rund 20 Prozent, 70 Prozent wählen ein Gymnasium.

Warum will man mehr Jugendliche in die Berufsbildung bringen?
Auch Dänemark ist seit Jahren konfrontiert mit einem enormen Fachkräftemangel. Deshalb erhöhte man 2015 das Rentenalter auf 67 Jahre; Ministerpräsident Lars Lokke Rasmussen hatte gemahnt, dass es «um das Überleben der dänischen Wirtschaft» gehe. Zudem erkennt man, dass ein gymnasialer Abschluss im Gegensatz zu einer Berufsbildung auf dem Arbeitsmarkt fast wertlos ist; dabei verzichten 55 Prozent der Inhaber eines gymnasialen Abschlusses auf ein Universitätsstudium. Es gibt Bildungsfachleute, die auf diese Gruppe zugeschnittene, berufsbildende Angebote fordern – auch wenn das bildungsökonomisch nicht unbedingt Sinn ergibt.

Warum ist die Quote der Jugendlichen in einer Berufsbildung so tief?
Ich sehe dafür drei Gründe. Ende der 90er-Jahre geriet die Berufsbildung im Rahmen des Diskurses zur «Wissensgesellschaft» aus dem Rampenlicht – und entwickelte sich zu einem Gefäss für «Restgruppen», wie sie damals hiessen. Es gibt die Vorgabe, dass sich besonders Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren in einer Ausbildung befinden müssen; und wie in der Schweiz will man mindestens 95 Prozent der jungen Erwachsenen zu einem nachobligatorischen Abschluss führen. Zweitens sind die Hürden in die Gymnasien bedeutend tiefer als in der Schweiz. Auch das hat historische Gründe: Dänemark ist ein sozialdemokratisch geprägtes Land, das im Vergleich mit anderen Ländern relativ egalitär ausgerichet ist; so ist die Volksschule nur einzügig. Und drittens wird die Berufsbildung von vielen Arbeitgebern – im Gegensatz zu den Verbänden – unterschätzt. Es gibt zu wenige Lehrbetriebe, und nicht selten erfüllen sie ihre pädagogischen Aufgaben nur ungenügend. Eine Ausbildung für Lehrmeister existiert nur im Sozial- und Gesundheitswesen.

Fehlen viele Lehrbetriebe?
10'000 etwa. Lehrbetriebe erhalten zwar Geld für die Ausbildung, das aus einem Fonds stammt, in den alle Arbeitgebenden einzahlen. Aber das reicht nicht. Ein Grund ist vielleicht, dass Lernende in Dänemark laut OECD während der betrieblichen Lehrzeit 30 bis 70 Prozent eines Facharbeiterlohnes erhalten.

Werfen wir einen Blick auf die duale Lehre. Wie ist sie strukturiert?
In Dänemark existieren 104 berufliche Grundbildungen, etliche davon mit mehreren Fachrichtungen. Träger sind Fachausschüsse aus Vertretern von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Diese sind auch in den nationalen Leitungsgremien des Bildungsministeriums sowie den privatrechtlich organisierten Berufsschulen paritätisch vertreten. Die Fachausschüsse definieren die beruflichen Inhalte der Ausbildungen, während der Staat die allgemeinbildenden Fächer festlegt, darunter Englisch. Eine duale Berufsbildung dauert meist drei Jahre und wird mit einer Lehrabschlussprüfung abgeschlossen. Pädagogisch interessant ist der Wechsel von schulischen Phasen, die drei bis fünf Wochen dauern, und den praktischen Einsätzen beim Arbeitgeber. Überbetriebliche Kurse gibt es nicht. Wer, wie die Reisegruppe von PANORAMA, eine Berufsschule besucht, wird gut ausgerüstete Werkstätten antreffen. Damit ist man auch in der Lage, jenen Jugendliche ein «praktikzentrum» anzubieten, die keinen Lehrbetrieb gefunden haben. Die Zentren haben eine hohe Bildungsqualität, können aber die Betriebserfahrung nicht ersetzen. Sie werden deshalb meist als eine Notlösung betrachtet.

Für Personen über 25 existieren gesonderte berufliche Grundbildungen.
Das ist das Ergebnis der Reform von 2014, die die Bildung von altersadäquaten Klassen ermöglicht. Diese sogenannten EUV erlauben Personen mit oder ohne berufliche Erfahrungen, einen beruflichen Abschluss zu erlangen – je nachdem auch in stark gekürzter Zeit. Der Anteil von Erwachsenen in der beruflichen Grundbildung ist relativ hoch, weshalb das Durchschnittsalter aller Lernenden 21 Jahre beträgt. Das ist das Ergebnis intensiver Anstrengungen der Gewerkschaften seit den 90er-Jahren. Im Rahmen der Reform von 2014 wurde übrigens auch ein Pendant der schweizerischen Berufsmaturität eingeführt, das EUX. Es ist nach meinem Dafürhalten leider etwas zu hoch angesetzt und dauert etwas länger als eine Normallehre. Der Abschluss ist einem gymnasialen Abschluss äquivalent und berechtigt zum Besuch sämtlicher Hochschulen.

Gibt es in Dänemark auch eine höhere Berufsbildung?
Ja. Viel bedeutender aber sind die rund 5000 «AMU-Kurse», die einige Tage, aber auch mehrere Wochen dauern können – ein Spezifikum der dänischen Berufsbildung. Sie ermöglichen es, sich in allen Berufsfeldern fachlich à jour zu halten. 2017 nahmen ungefähr 450'000 Personen an mindestens einem dieser Kurse teil – eine unglaubliche Zahl. Das Kursgeld und ein Teil des Lohnausfalls werden in der Regel vom Staat und von den Arbeitgebern getragen. Die AMU sind ein wichtiges Element des dänischen Modells der Flexicurity (siehe Kasten). Daneben gibt es Kompetenzfonds, ausgehandelt in den verschiedenen Gesamtarbeitsverträgen. Die werden teilweise für die AMU-Kurse gebraucht, finanzieren aber auch die Teilnahme an höherer Berufsbildung.

Links und Literaturhinweise

www.star.dk/en
www.euroguidance.eu/guidance-system-in-denmark
PANORAMA-Studienreise

Kasten

(Bild: Daniel Fleischmann)

Der Schweizer Bruno Clematide (69) studierte an der Universität Zürich Soziologie und gelangte 1977 im Rahmen eines Stipendiates nach Kopenhagen, wo er seither lebt. 1980 wechselte er ans «Technologische Institut» in Kopenhagen. 1998 gründete er zusammen mit drei Partnern die Beratungsfirma Kubix, die neun Angestellte beschäftigte. Die Firma erstellte vor allem Qualifikationsanalysen und beriet Firmen. Clematide wurde 2018 pensioniert, im gleichen Jahr stellte auch Kubix die Tätigkeit ein.

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Arbeitsmarkt: Das Modell der «Flexicurity»

Die Arbeitslosigkeit in Dänemark ist etwa so hoch wie in der Schweiz (4,8 Prozent). Personen ohne Stelle erhalten Arbeitslosenentschädigung, sofern sie Mitglied einer von 24 Arbeitslosenkassen sind (das sind rund 75 Prozent der Erwerbspersonen) und innerhalb der letzten drei Jahre mindestens ein Jahr gearbeitet haben. Das Arbeitslosengeld wird höchstens zwei Jahre lang ausbezahlt und beträgt derzeit maximal 2800 Franken. Viele Arbeitnehmer/innen mit höherem Einkommen schliessen darum eine zusätzliche private Versicherung ab. Nichtmitlieder (25 Prozent) haben bei Bedarf Anspruch auf – allerdings sehr bescheidene – Sozialleistungen. Das dänische Modell der «Flexicurity» erlaubt den Arbeitgebern rasche Entlassungen. Dem steht ein gut ausgebautes Unterstützungsnetz gegenüber. So haben Stellensuchende Anspruch auf Beratung und Vermittlung sowie eine mindestens sechswöchige Bildungsmassnahme. Darüber hinaus können Jobberater/innen auch bedeutend längere Qualifizierungsmassnahmen verfügen. Arbeitgeber, die eine Person einstellen, die seit mindestens sechs Monaten arbeitslos ist, erhalten Lohnzuschüsse. Die Umsetzung von solchen Massnahmen ist Aufgabe der 94 Jobzentren, die durch Staat und Kommunen finanziert werden. Die Last verschiebt sich dabei vom dänischen Staat, der in den ersten vier Wochen der Arbeitslosigkeit 80 Prozent der Kosten übernimmt, auf die Kommunen, deren Anteil bis auf 80 Prozent wächst (nach 52 Wochen Arbeitslosigkeit).

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Berufsberatung: Aufsuchende Beratung

Die dänische Berufsberatung unterscheidet zwischen der Beratung von Jugendlichen nach der Volksschule (UU) und Dienstleistungen für Personen in einer postobligatorischen Bildung (Studievalg DK). Die UU sind für die kollektive Berufsberatung in den Schulen zuständig und haben dort Büros. Hier werden jene Jugendlichen face-to-face beraten, die noch nicht bereit sind, sich für eine Ausbildung zu entscheiden. Die Jugendberatung hat auch offene Beratungszentren für Jugendliche bis 25 ohne Ausbildung oder Arbeit. Die Beratenden sind verpflichtet, Personen ohne Ausbildung oder Beschäftigung zu kontaktieren und mit ihnen einen Bildungsplan zu erstellen. Zwei Drittel der Beratenden haben einen pädagogischen Bildungshintergrund. Rund 20 Prozent der Schüler/innen benötigen persönliche Beratung. Für die übrigen 80 Prozent, die sich selbst – und mit Hilfe ihrer Eltern – informieren und entscheiden können, stehen digitale Beratungsangebote bereit (individuelle und kollektive Chats, E-Mail, Telefon, Facebook). Dieses E-Counseling ist (ausser freitags) für alle Altersgruppen bis 21 Uhr erreichbar, zudem am Wochenende von 12 bis 18 Uhr. Studievalg DK sind für die kollektive Berufsberatung in den Gymnasien und den Berufsschulen zuständig. Die Beratenden bieten auch persönliche Beratungsgespräche an.

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