Ausgabe 01 | 2019

Fokus "Konflikte"

Eingliederungsberatung

Konflikte verdeutlichen Haltungen

In der Beratung von Stellensuchenden kommt es immer wieder zu Spannungen und Konflikten. Dieser Beitrag zeigt, wie sie entstehen und wie sie in einer reflexiven Fach- und Prozessberatung genutzt werden können.

Von Thomas Geisen, Institut Integration und Partizipation, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

Beratung im Kontext von Erwerbslosigkeit kann sich weder allein auf eine fachliche Beratung beschränken noch ausschliesslich auf den Prozess fokussieren. (Bild: SECO)

Beratung im Kontext von Erwerbslosigkeit kann sich weder allein auf eine fachliche Beratung beschränken noch ausschliesslich auf den Prozess fokussieren. (Bild: SECO)

Für erwerbslose Personen steht meist viel auf dem Spiel: Sie sorgen sich um ihre Existenz, haben den Verlust des sozialen Status vor Augen, sehen ihre Beziehungen in Gefahr oder sind mit gesundheitlichen Problemen konfrontiert. Trotz individueller Unterschiede zeigen sich in den Beratungen übergreifende Orientierungen und Handlungsweisen: Die Klienten und Klientinnen haben hohe Erwartungen an die Beratung und Unterstützung und versuchen, diese zu nutzen. Oder sie sind nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse zu formulieren und in der Beratung zum Ausdruck zu bringen, etwa weil sie Sanktionen befürchten oder kaum Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Situation haben. Diesen Verhaltensweisen entsprechen verschiedene Haltungstypen, die bereits in der Marienthal-Studie zu Beginn der 30er-Jahre herausgearbeitet wurden:
– eine «aktivere, zuversichtlichere» Haltung,
– die «charakteristische Gruppe der Resignierten»,
– diejenigen, die «gebrochen und hoffnungslos» sind.
Vielen erwerbslosen Personen fällt es schwer, sich auf eine Beratungssituation einzulassen und neu anzufangen. Sie sind kaum in der Lage, zur Bewältigung ihrer Probleme beizutragen. Das führt insbesondere dann zu Spannungen oder Konflikten, wenn erarbeitete Lösungen als unzureichend empfunden werden, nicht die erhoffte Wirkung erzielen oder den Bedürfnissen der Klienten und Klientinnen zu wenig Rechnung tragen. Die Gründe dafür liegen oft in unklaren Erwartungen und unausgesprochenen Bedürfnissen.

Erfahrung der Erwerbslosigkeit

Die Forschung zur erwerbsorientierten Eingliederung hat die Beratungssituation bislang wenig thematisiert, Erkenntnisse liegen vor allem aus Sicht der Ratsuchenden vor. So hat Marliese Weißmann die Herstellung von Normalisierung, Selbstermächtigung, «Prozessiertwerden» und die Statusnivellierung als «Modi der Inklusion» herausgearbeitet. Während etwa im Rahmen von Normalisierung die eigene Normalität in Bezug auf Arbeit und Bildung in den Vordergrund gerückt wird, steht beim «Prozessiertwerden» die Erwartung an die Institutionen im Fokus, Zugehörigkeit zum Arbeitsmarkt herzustellen. Benedikt Rogge hat in einer Studie über den Wechsel in die Erwerbslosigkeit untersucht, welche Zusammenhänge mit dem Identitätsprozess und der psychischen Gesundheit einer Person bestehen. Anhand von Idealtypen zeigt er auf, dass Arbeitslosigkeit unterschiedlich erfahren werden kann:
– Dass die Transformation des Selbst, in der Arbeitslosigkeit Bestandteil eines «guten Lebens» ist;
– die Umstellung des Selbst, in der der Statuswechsel als episodische, aber vertraute Beeinträchtigung gilt;
– die Befreiung des Selbst, in der dieser als vorübergehende, erwünschte Freistellung gedeutet wird;
– der Kampf ums Selbst, in der Arbeitslosigkeit als Drama mit ungewissem Ausgang empfunden wird;
– und der Verfall des Selbst, in der sie als schicksalhafte Katastrophe auftritt.
Arbeitslosigkeit geht mit verschiedenen Formen des Verlusts einher. Für Dirk Kratz hat dies auf der «primären Handlungsebene» einen «Wertverlust, Verlust der sozialen Sicherheit und Verlust der Arbeitsmarktzugänge» zur Folge. Auf der «sekundären Ebene» wird Arbeitslosigkeit als «Sinn-, Vertrauens- und Hoffnungsverlust» erfahren, die sich kollektiv «als Verlust (berufs-)biografischer Handlungsfähigkeit verdichten, sollten keine ausreichenden Ressourcen zur Bewältigung zur Verfügung stehen». Das wirkt sich unterschiedlich auf die Beratung aus. So ist davon auszugehen, dass der Idealtypus «Umstellung des Selbst» mit einer eher offenen Haltung gegenüber der Beratung verbunden ist, während «Kampf» und «Befreiung» des Selbst mit Widerständen und Konflikten einhergehen. Der Erfolg einer Beratung hängt deshalb stark davon ab, inwieweit es gelingt, der aktuellen, individuellen psychosozialen Situation und den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht zu werden.

Komplexe Anforderungen

Die in verschiedenen Beratungskontexten (Regionale Arbeitsvermittlungszentren, Invalidenversicherung oder Organisationen der Arbeitsintegration) tätigen Fachpersonen sind durch die Unterschiedlichkeit ihrer Klienten und Klientinnen mit komplexen Anforderungen konfrontiert. Beratung im Kontext von Erwerbslosigkeit kann sich weder allein auf eine fachliche Beratung noch ausschliesslich auf den Prozess (Coaching) fokussieren. Vielmehr ist das Zusammenspiel von Fach- und Prozessberatung erforderlich, wie es etwa im Rahmen von Case Management oder von kooperativer Prozessgestaltung erfolgt. Im Rahmen der Fachberatung geht es vor allem darum, neues Wissen zur Verfügung zu stellen und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Studien zum betrieblichen Eingliederungsmanagement zeigen, dass gerade die fachliche, gesundheits-, arbeits- und leistungs- respektive sozialversicherungsbezogene Beratung bei schwer erkrankten oder verunfallten Beschäftigten von grosser Bedeutung ist, um komplexe Eingliederungsprozesse unter Einbezug der Betroffenen zu gestalten. Prozessberatung hingegen arbeitet reflexiv an den Haltungen und Orientierungen der Klienten und Klientinnen. Spannungen, Widerstände und Konflikte machen Haltungen und Orientierungen sichtbar. Sie sind im Kontext einer Prozessberatung keine Hindernisse, sondern bilden wichtige Ausgangspunkte für eine erfolgreiche Beratung. Respekt und Achtsamkeit sind wichtige Ressourcen; sie bilden die Voraussetzung dafür, dass Offenheit und Bereitschaft zur Bewältigung der Herausforderungen entstehen. Für die Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen in der erwerbsorientierten Eingliederung bedeutet dies, dass sie ihre fachlichen und methodischen Kompetenzen kontinuierlich aufbauen und weiterentwickeln sollten. Ansatzpunkte sollten sowohl fallbezogene komplexe Probleme als auch Herausforderungen bei der Erstellung von Beratungsdienstleistungen sein.

«Das Heitere im Schlamassel»

In der Beratung orientiert sich ein erfolgreiches Konfliktmanagement vor allem an den Bedürfnissen der Klienten und Klientinnen. Die Beratung nutzt vorhandene Potenziale zur Konfliktlösung. Zum Einsatz kommen bewährte Instrumente der Beratung. Besonders geeignet sind:
– «Gerechtes Sprechen»: Wenn Situationen durch Widerstände und Konflikte gekennzeichnet sind oder es Stellensuchenden schwerfällt, über ihre Anliegen zu sprechen, kann die Methode des «gerechten Sprechens» helfen. Dabei geht es auf der Beziehungsebene darum, eine achtsame, freundliche und offene Haltung einzunehmen, um eine gute Atmosphäre zu schaffen und Bezüge zueinander und zur Situation herzustellen. Dies beginnt etwa bei der Begrüssung («Herzlich willkommen, ich freue mich sehr, dass Sie den Termin heute wahrnehmen konnten») oder bei der gastlichen Gestaltung des Besprechungsraumes und der Besprechungssituation – zum Beispiel mit einem runden Tisch und Blumen oder dem Angebot eines Getränks. Auf der Inhaltsebene ist ein beschreibender Sprechstil zu verwenden. Werturteile über den Sachverhalt und ein Sprechen auf der Beziehungsebene sollen vermieden werden.
– «Das Heitere im Schlamassel»: Beratungen in der erwerbsorientierten Eingliederung sind stark durch eine Problemfokussierung der betroffenen Personen gekennzeichnet. Dies kann dazu führen, dass diese ihre Probleme überhöhen und als kaum mehr lösbar ansehen. Ein Per-spektivenwechsel kann mithilfe von Humor erreicht werden. Allerdings sind gemäss Schinzilarz und Friedli die drei Ebenen der Gerechtigkeit zu beachten: das gerechte Verhältnis zu sich, zu den anderen und zur Situation. So werden Abwertung und Erniedrigung verhindert, und die Würde des Menschen bleibt gewahrt.
– «Triggersätze»: In der erwerbsorientierten Eingliederung sind Fachpersonen oft mit Unverständnis und Ratlosigkeit der Klienten und Klientinnen konfrontiert. Ihnen ist es noch nicht gelungen, Klarheit über ihre Situation zu gewinnen oder sie sprechend auf den Punkt zu bringen. Dabei bildet dies die Voraussetzung dafür, die Zukunft zu gestalten. Ein Instrument zur Stimulation des Denkens und zur Auslösung von Erinnerungen können «Triggersätze» sein. Sie regen die Klienten und Klientinnen an, auf eine neue Weise über ihre Situation nachzudenken. Beispiele von Friedli und Schinzilarz sind: «Wer oder was ist der Schlüssel?» (erkennen – benennen); «Was machen Sie lieber: anseilen oder abseilen?» (analysieren – bewerten); «Was erkennen Sie am anderen Ufer?» (gestalten – beenden).

Links und Literaturhinweise

Geisen, Th. (2015): Workplace Integration Through Disability Management. In: Escorpizo, R. et al. (Hrsg.), Handbook of Vocational Rehabilitation and Disability Evaluation (S. 55-72). Cham/Heidelberg, Springer.
Geisen, Th., Lichtenauer, A., Roulin, Ch., Schielke, G. (2008): Disability Management in Unternehmen in der Schweiz. Bern, BSV.
Friedli, Ch., Schinzilarz, C. (2016): Mit Fragen Konflikte managen. Weinheim/Basel, Beltz.
Jahoda, M., Lazarsfeld, P. F., Zeisel, H. (1975): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch. Frankfurt am Main, Suhrkamp.
Kratz, D. (2015): Hilfe und Entfremdung. Ein biografischer Blick auf Langzeitarbeitslosigkeit und Hilfen zur Arbeit im Kontext der Sozialen Arbeit. Weinheim, Beltz.
Kraus, K. (2017): Professionelle Bildungsgestalten – Iterative Bildung von Professionalität und Profession. In: Hessische Blätter für Volksbildung (Nr. 3, S. 266-274).
Rogge, B. (2013): Wie uns Arbeitslosigkeit unter die Haut geht. Identitäsprozesse und psychische Gesundheit bei Statuswechseln. Konstanz, UVK.
Schinzilarz, C, Friedli, Ch. (2013): Humor in Coaching, Beratung und Training. Weinheim/Basel, Beltz.
Weissmann, M. (2016): Dazugehören. Handlungsstrategien von Arbeitslosen. Konstanz, UVK.

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