Ausgabe 01 | 2019

Fokus "Konflikte"

Berufsberatung

Konflikt angehen, Wahl erleichtern

Bei der Beratung von Schülerinnen und Schülern treffen Berufsberatende mitunter auf vielerlei zwischenmenschliche Konflikte. Wie vorgehen? PANORAMA hat mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Berufsberatung, Konfliktmanagement und systemisch-lösungsorientierte Beratung gesprochen.

Von Alexander Wenzel, PANORAMA-Redaktor

Tochter und Mutter in der Berufsberatung: Die Beraterin sollte bei beiden Seiten das Verständnis für die jeweils andere Seite fördern. (Bild: BIZ des Kantons Bern)

Tochter und Mutter in der Berufsberatung: Die Beraterin sollte bei beiden Seiten das Verständnis für die jeweils andere Seite fördern. (Bild: BIZ des Kantons Bern)

Wenn Berufsberatende Schüler/innen begleiten, haben sie es nicht selten mit unterschiedlichen Laufbahnwünschen von Eltern und Kindern zu tun. In ihrem Büro in der Stadtfreiburger Orientierungsschule Belluard hat die Berufsberaterin Sandra Clerc schon mehrfach Schüler/innen mit ihren Eltern empfangen, die wollten, dass ihr Kind die Mittelschule besucht und anschliessend studiert, während dem Kind schon bewusst war, dass seine Noten dafür nicht ausreichen. Meist steht dabei Mittelschule gegen Berufslehre. Auch Michaël Emery, Berufsberater beim Amt für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung des Kantons Genf, stellt fest, dass vielen Eltern für ihre Kinder eine gymnasiale Ausbildung vorschwebt. Am Genfer Collège de Candolle berät er viele Jugendliche, die das Gymnasium nur besuchen, weil ihre Eltern das so wollen. Darunter sind auch Jugendliche, die trotz guter Eignung keine Lust auf die weiterführende Schule haben. Wenn Eltern zur Berufsberatung mitkommen, sollten Beratende unbedingt die Chance nutzen, mit beiden Parteien arbeiten zu können. Vor allem sollten sie versuchen, bei beiden Seiten Verständnis für den Standpunkt der jeweils anderen Seite zu schaffen, damit Eltern und Kind sich in der Sache wieder annähern und schliesslich alle am selben Strick ziehen können. Sonst können anhaltende Meinungsverschiedenheiten letztlich die berufliche Laufbahn des jungen Menschen gefährden.

Emotionen und Bedürfnisse

Für solche Beratungen stehen den Berufsberatenden diverse Hilfsmittel zur Verfügung. Barbara Leu, Psychotherapeutin in Zürich und Aarau, war auch schon als Berufsberaterin tätig. Sie setzt auf eine neutrale, aufmerksame, wertschätzende, einfühlende Haltung, auf aktives Zuhören und auf die gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg. Ebenfalls gute Erfahrungen hat sie mit dem systemisch-lösungsorientierten Ansatz gemacht. Das Wichtigste sei, nicht bei den Positionen der Konfliktparteien stehen zu bleiben, sondern die Motive hinter den Standpunkten zu erforschen. So wünschen sich Eltern vielleicht für ihren Nachwuchs das Ansehen und den sozialen Status, der mit einem Studium einhergeht. Oder sie möchten, dass das Kind den beruflichen Traum lebt, den sie selbst nicht verwirklichen konnten, wie Sandra Clerc manchmal beobachtet. Michaël Emery setzt in der Regel bei den Emotionen der einzelnen Personen an, um eine Annäherung der Parteien herbeizuführen. Wenn zum Beispiel ein Vater auf das Gymnasium pocht und ihn die zuwiderlaufenden Vorstellungen seiner Tochter wütend machen, so hat er vielleicht einfach Angst davor, dass ihre Laufbahnwünsche ihr nicht den beruflichen Erfolg und Verdienst bringen, den er sich für sie erhofft. Gelingt es dem Berufsberater, der Tochter klarzumachen, dass die Wut des Vaters im Grunde nur die Sorge um ihre berufliche Zukunft ist und zeigt, dass sie ihm nicht gleichgültig ist, so kann sich die Tochter eher auf einen konstruktiven Dialog einlassen. Laut Stephan Kälin, Schulpsychologe, Supervisor, Coach und systemischer Berater in Zürich, verdeutlichen die Meinungsverschiedenheiten zwischen Eltern und Kind, welch zentrale Rolle die Bedürfnisse in einem Konflikt spielen: «Ein Grossteil der Konflikte entsteht genau daraus, dass ein Bedürfnis nicht befriedigt oder nicht ernst genommen wird.» Nach dem systemisch-konstruktivistischen Ansatz lässt sich über die subjektive Wirklichkeit jedes Einzelnen nicht diskutieren. «Wenn man jedoch lernt, aus einer Position die dahinterliegenden Bedürfnisse herauszuschälen, macht man in der Beratung gute Fortschritte», erklärt Stephan Kälin. Jede Konfliktpartei kann einen Teil zum Verständnis des Problems beitragen. Deshalb hört Sandra Clerc immer auch die Eltern an und sucht den Kontakt zu ihnen, wenn sie nicht bei der Beratung dabei waren. Manche Eltern kennen das Potenzial ihres Kindes gut, und wenn dieses sich gegen ein Studium entscheidet, sind sie nicht selten der Meinung, es würde sein Talent vergeuden. Christa Heer, selbstständige Berufsberaterin in Zürich und Schaffhausen, die ebenfalls systemisch-lösungsorientiert arbeitet, hat aber auch schon das Gegenteil erlebt. In einem Fall entschied sich ein Mädchen gegen seine eigentlichen Interessen und für eine «vernünftige, sichere» Laufbahn. Die Eltern dagegen hatten Angst, es verschwende sein künstlerisches Talent und werde mit seiner Berufswahl nicht glücklich.

Falsches Bild der Berufsbildung

Viele Eltern unterliegen dem Irrtum, nur eine Mittelschule und ein Hochschulstudium garantierten gute Berufsaussichten. Nach Sandra Clercs Erfahrung ist diese Vorstellung weit verbreitet, gerade bei Migranten und Migrantinnen. Stephan Kälin versteht deren Haltung. Viele haben Armut am eigenen Leib erlebt und sind in die Schweiz eingewandert, um ihren Kindern ein besseres Leben zu bieten. Auf alle Fälle findet Christa Heer, dass Berufsberatende die einem Standpunkt zugrunde liegenden Werte in ihre Beratung einfliessen lassen sollten. Um diese zu analysieren, empfiehlt sie die Systemmatrix des Neuro-Linguistischen Programmierens. Egal, ob sie mit Einwanderern zu tun haben, die mit dem Schweizer Bildungssystem wenig vertraut sind, oder mit Klienten und Klientinnen, die schon lange in der Schweiz wohnen: Die Beratenden sind sich einig, dass der Trugschluss, eine Mittelschule und ein Hochschulstudium seien der Königsweg zum beruflichen Erfolg, daher rührt, dass das Schweizer Bildungssystem zu wenig bekannt ist und besonders die Berufsbildung ein zu tiefes Ansehen hat. Sie betonen daher, wie wichtig es sei, die Eltern zu informieren und ihnen die Durchlässigkeit des Bildungssystems vor Augen zu führen. Oft sind die Eltern beruhigt, wenn sie erfahren, dass der Zugang zur Tertiärbildung auch über die Berufslehre, die höhere Berufsbildung, die Berufsmaturität, die Passerelle oder eine höhere Fachschule möglich ist. Diese Information ist gerade dann wichtig, wenn die Leistungen einer Schülerin oder eines Schülers für eine Mittelschule oder ein Hochschulstudium nicht ausreichen. Auf jeden Fall bringt es nichts, sein Kind zum Besuch einer Mittelschule zu zwingen. Christa Heer erklärt, dass dieser Zwang die Zukunftschancen des Kindes sogar beeinträchtigen kann. Ein Mittelschüler, der die Matura knapp besteht, wird beim Hochschulstudium eher scheitern und sich neu orientieren müssen. Und wenn er dann auf der Suche nach Unterstützung die Berufsberatung aufsucht, stellt er fest, dass sich die Lehrstellensuche in seinem Alter schwierig gestaltet. Selbst gute Schüler/innen bringen nicht immer die Motivation für eine Mittelschule auf. Werden sie von den Eltern dazu gedrängt, finden sie eigene «Lösungen», wie Michaël Emery feststellt: Die Jugendlichen beugen sich scheinbar dem Willen der Eltern, im Wissen, dass sie deren Pläne sabotieren können, indem sie sich nicht engagieren. Bei Konflikten im Zusammenhang mit der Laufbahnwahl von Schülerinnen und Schülern handelt es sich oft nicht um offene, sondern um unterschwellige Konflikte. Sandra Clerc kennt Jugendliche, die sich der Situation entziehen, sich nicht äussern oder sich passiv verhalten, unschlüssig sind oder gegen alles aufbegehren. Umso wichtiger ist es, zu ermitteln, welche Vorstellungen einem Standpunkt zugrunde liegen, um das gegenseitige Verständnis zu begünstigen. Dabei sollte man bedenken, dass es für Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenenleben schwierig sein kann, die nötige Motivation zu finden, und dass der Zeitpunkt für eine Berufsberatung eventuell nicht ideal ist. Sandra Clerc beobachtet, dass Jugendliche in diesem Alter oft andere Sorgen haben. Christa Heer betont zudem, dass sich das Gehirn, besonders der präfrontale Cortex, der beim Planen und Entscheiden beteiligt ist, in diesem Alter stark verändert. Sie wünscht sich, dass Eltern ihren Kindern in diesem Alter das Verständnis, die Unterstützung und die Zeit geben, die sie für die Berufswahl brauchen. Kuhls Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie) hält sie für ein geeignetes und wertvolles Hilfsmittel, um die bewussten und unbewussten Prozesse der Motivation, der Willensbildung, der Handlungssteuerung und der Selbststeuerung zu verstehen.

Selbstvertrauen zurückgewinnen

In seiner Tätigkeit für die Angebote Tremplin-Jeunes und Evascol für Jugendliche, die die Ausbildung abgebrochen haben, hat der Berater Michaël Emery auch mit anderen Konfliktsituationen zu tun: «Jugendliche, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, sind oft stark geprägt von Konflikten mit Arbeitgebern oder Lehrpersonen.» Ohne es zu wollen, können Lehrpersonen Jugendlichen die Freude an einem Fach für immer verderben. Emery nennt als Beispiel einen Schüler, bei dem Mathematik seit einem Konflikt mit dem Mathelehrer negative Assoziationen weckt. Darunter leidet auch das Selbstbild («Ich bin schlecht in Mathe»). Überdies kann das Erlebte bestehende negative Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster verstärken. «Viele der betroffenen Jugendlichen haben die häufigen Konflikte und Ablehnung verinnerlicht. Sie rechnen überall mit Misserfolg und scheitern deshalb erneut», erklärt Michaël Emery. Bei solchen Jugendlichen versucht der Berater, ein positives, wertschätzendes und vor allem konfliktarmes Vertrauensverhältnis herzustellen. So können die Jugendlichen ihr Selbstbild überarbeiten und das Vertrauen in sich selbst zurückgewinnen. Das ist die Grundlage, damit der Berater mit den Jugendlichen unangemessene Verhaltensmuster oder Schwächen angehen kann (zum Beispiel tatsächliche Lerndefizite oder Vermeidungstaktiken). Michaël Emery geht mit seinen jungen Klienten eine Wette ein: «Du denkst, du seist schlecht in Mathe, aber ich werde dir beweisen, dass das nicht stimmt!» Sobald ein junger Lehrabbrecher beginnt, das zu glauben, kann er sich für sein Berufsziel engagieren.

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