Ausgabe 01 | 2019

Fokus "Konflikte"

Knatsch in der Berufslehre

Konflikte sind oft ein Grund, warum Lernende ihre Lehre abbrechen oder Berufsbildende ihre Funktion aufgeben. Wo liegen die Ursachen und welche Ressourcen gibt es?

Von Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin, und Nadia Lamamra, Leiterin Forschungsfeld beim EHB

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

Lernende berichten von zwischenmenschlichen Konflikten (mit anderen Lernenden, Arbeitskolleginnen, Berufsbildnern, Vorgesetzten) ebenso wie von Konflikten aufgrund struktureller oder organisatorischer Probleme. In diesen Situationen erleben die Lernenden Ausgrenzung, Mobbing, sexuelle Belästigung, Provokationen oder gar körperliche Angriffe. Gerade Mädchen in männlich dominierten Berufen sind mitunter mit besonders brutalen Situationen konfrontiert. Berufsbildende berichten hingegen selten von Konflikten und wenn, dann geben sie an, kaum solche erlebt zu haben. Erwähnen sie doch Konfliktsituationen, dann nennen sie vor allem zwischenmenschliche Konflikte zwischen Lernenden oder problematisches Verhalten seitens der Lernenden; über schwerwiegende, rechtlich problematische Situationen mit Gewalt, Aggression oder Belästigung berichten Berufsbildende seltener. «Ja, wir hatten schon Konflikte, Probleme mit jungen Frauen, es kam zu Belästigungen. Wir bewegen uns in einer männlich dominierten Branche», berichtet Thierry*, Berufsbildner in einem grossen Nahrungsmittelunternehmen. Für Joëlle Racine, Berufsbildungsverantwortliche der Unia, und Kathrin Ziltener, nationale Jugendsekretärin der Unia, kommen Konflikte in der Ausbildung in allen Berufen vor. Branchen ohne GAV und Branchen mit überwiegend weiblicher Belegschaft (Sozialwesen, Dienstleistungen, Verkauf) sind häufiger betroffen. Doch auch in Pflege- und Bauberufen kommt es zu Konflikten. «Sind die Arbeitsbedingungen in einer Branche schlecht, so sind es auch die Ausbildungsbedingungen», erklärt Joëlle Racine. Die Gewerkschaft berichtet über Konflikte aufgrund mangelnder Betreuung von Lernenden, fehlender schulischer Unterstützung oder überhöhter Anforderungen. Zu Mobbing und sexueller Belästigung kommt es oft in Kleinbetrieben, aber auch in bestimmten Branchen, wie etwa in der Pflege. Marc-André Blaser und Yann Cattin, Berufsinspektoren im Berufsbildungsamt des Kantons Neuenburg, teilen die Konflikte in die vier folgenden Haupttypen ein:
1. zwischenmenschliche, also per se subjektive Konflikte aufgrund unterschiedlicher Auffassungen in Bezug auf Werte, Ausbildung und den Stellenwert der Arbeit
2. objektivere Konflikte, etwa Meinungsverschiedenheiten zu arbeitsvertraglichen Aspekten wie Überstunden
3. branchenspezifische Konflikte, etwa aufgrund der Arbeitszeiten
4. Konflikte aufgrund von ausservertraglichen Vereinbarungen (Beispiel: Eine Lernende erhält eine zusätzliche Entschädigung für ausserhalb der vertraglichen Arbeitszeit geleistete Arbeit). Solche Regelungen, von denen die zuständigen Aufsichtsbehörden nichts wissen, werden meistens erst aufgedeckt, wenn ein Konflikt eskaliert.

Ressourcen mobilisieren

Jugendliche kennen das Netzwerk, in dem sie sich Hilfe holen können, schlecht und zögern oft, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. So war es auch bei der ehemaligen Coiffeur-Lernenden Johanna* (16): «Ich wollte nicht sofort Hilfe holen, sondern lieber erst abwarten, ob sich alles einrenkt. Am Anfang hatte ich Angst, den Berufsinspektor anzurufen.» Oft warten die Lernenden auch darauf, dass das Berufsinspektorat ihren Betrieb besucht. Doch manchmal kommt dieser Besuch zu spät und die Situation ist bereits festgefahren. Zu all dem gesellt sich ein gewisses Misstrauen: Nicht selten haben die Jugendlichen ein falsches Bild von der Aufgabe des Berufsinspektorats. Manchmal holen sich die Lernenden Unterstützung bei Lehrpersonen, Berufsinspektoren und Mediatorinnen, schrecken aber meistens davor zurück, ein Schiedsgericht oder eine Gewerkschaft anzurufen, aus Angst, das Etikett eines Unruhestifters aufgedrückt zu bekommen. Gewerkschaften können etwa bei Betriebs- oder Baustellenbesuchen Konflikte aufdecken. In den Regionen Bern und St. Gallen ist die Unia auch an Berufsfachschulen tätig und begleitet Lernende auf Wunsch bei der Lehrabschlussprüfung. Vonseiten der Berufsbildenden ist zu hören, dass sie – vor allem im 40-stündigen Berufsbildnerkurs – zu wenig auf den Umgang mit möglichen Konflikten vorbereitet werden. Das wiederum verdeutlicht, dass Konflikte oder zumindest die Angst davor auch für sie eine Realität sind. Die Berufsbildenden schaffen hier durch den Besuch von unternehmensinternen oder externen Weiterbildungen mehr schlecht als recht Abhilfe. Ihr Unbehagen hängt auch mit ihrer besonderen Stellung zusammen: Sie sind oft die einzigen Berufsbildenden im Betrieb, haben keine Unterstützung von Kollegen/Kolleginnen und stellen in schwierigen Situationen fest, dass es ihnen auch an institutioneller Unterstützung fehlt.

«Lehrvertrag retten»

Die Berufsinspektorate müssen grosses Anpassungsvermögen an den Tag legen, um auf die Gegebenheiten in den unterschiedlichen Branchen reagieren zu können. In ihrer Rolle als Mediator greifen sie auf ihren Erfahrungsschatz und ihre Kreativität zurück, wenn es gilt, die Konfliktparteien bei der Suche nach geeigneten Lösungen zu unterstützen. «Soweit möglich versuchen wir, den Lehrvertrag zu retten, sodass die lernende Person ihr EFZ erlangen kann. Doch wir wollen auch das Ansehen der Berufsbildung schützen und die Berufsbildner bei der Stange halten», erklärt Marc-André Blaser. «Es ist im Sinne der kantonalen Politik, dass sich die Berufsbildner unterstützt und wertgeschätzt fühlen. Bei unserer Arbeit müssen wir oft improvisieren und kreativ sein. Oft geht es um Nuancen, wir sind ständig auf der Suche nach einem Gleichgewicht. Dabei versuchen wir, den Humor zu bewahren, denn damit lässt sich so manche Situation entschärfen.» Berufsbildenden rät Marc-André Blaser, bei Problemen mit Jugendlichen zuerst das Gespräch zu suchen und gleichzeitig das Berufsinspektorat über die Problemsituation zu informieren, gerade wenn die Berufsbildnerin oder der Berufsbildner das Problem als schwerwiegend einstuft. Je nach Entwicklung der Situation können Lernende schriftlich verwarnt und darüber informiert werden, welche Verhaltens- oder sonstigen Änderungen sich der Lehrbetrieb wünscht. Es kommt aber auch vor, dass ein Betrieb oder ein Berufsbildner nicht korrekt handelt. Bei schwerwiegenden und wiederholten Verstössen wird dem Betrieb die Ausbildungsbewilligung entzogen. In den letzten vier Jahren musste Yann Cattin nur einmal auf diese Massnahme zurückgreifen, und das, obwohl 25 Berufe unter seiner Aufsicht stehen. Es handelte sich um einen Gartenbaubetrieb, der seinen Lernenden die ganze Woche allein auf einer Baustelle arbeiten liess. Als der Lernende sich verletzte, musste ein Anwohner ihn ins Spital fahren. Eine Untersuchung ergab, dass die letzten vier Lernenden im Betrieb ähnliche Situationen erlebt hatten. In weniger schwerwiegenden Fällen versuchen die Berufsinspektorate, den Berufsbildenden Missstände vor Augen zu führen, damit sie von sich aus die Ausbildungstätigkeit aufgeben, oder aber sie insistieren regelmässig, indem sie die Berufsbildenden an ihre Pflichten und ihre Verantwortung erinnern. Solche Massnahmen sind im Kanton Neuenburg im Schnitt etwa zweimal jährlich notwendig. In Einzelfällen müssen weitere Fachstellen eingeschaltet werden, etwa die Arbeitsaufsicht (Arbeitszeit), der Jugendschutz (familiäre Probleme) oder die psychiatrischen Dienste (Suchtprobleme, Suizidgefahr – etwa ein bis zwei Fälle pro Jahr). Yann Cattin ermutigt die Lernenden und Berufsbildenden, Probleme so früh wie möglich anzugehen, sodass ein Konflikt gar nicht erst eskaliert. Lernende und ihre Eltern warten oft zu lange, bis sie Konflikte ansprechen, aus Angst vor Repressalien oder aus Angst, dass sie damit die weitere Lehrstellensuche nach einem Lehrabbruch erschweren. Laut den Berufsinspektoren sind Repressalien aber äusserst selten. Konflikte dagegen, die nicht rechtzeitig angegangen werden, können sich sehr schnell zuspitzen. Trotz ihrer Erfahrungen sehen Marc-André Blaser und Yann Cattin die Situation positiv. Sie wenden zwar die Hälfte ihrer Arbeitszeit für die Lösung von Konflikten auf, stellen aber zugleich fest, dass es nur bei einer Minderheit der Lehrverhältnisse überhaupt zu Konflikten kommt. (* Name geändert)

Links und Literaturhinweise

Lamamra, N. (2016): Le genre de l’apprentissage, l’apprentissage du genre. Quand les arrêts prématurés révèlent les logiques à l’œuvre en formation professionnelle initiale. Zürich/Genf, Seismo Verlag.
Duc, B., Lamamra, N. (2013): Gut vernetzt zurück in die Arbeitswelt. In: PANORAMA (Nr. 5).
SBV (Hrsg., 2016): Handbuch für Berufsbildende von Lernenden Maurer/Maurerin EFZ und Baupraktiker/Baupraktikerin EBA. Zürich.
www.rechte-der-lernenden.ch
www.ehb.swiss/project/lehrabbruch
www.ehb.swiss/project/die-laufbahn-von-jugendlichen-nach-einem-lehrabbruch-qualitative-laengsschnittanalyse
www.ehb.swiss/project/betriebliche-berufsbildnerInnen-schluesselrolle

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