Ausgabe 06 | 2018

ARBEITSMARKT

Jugendliche in prekären Situationen

Finanzielle statt berufliche Integration?

Für Jugendliche und junge Erwachsene ist Arbeit nicht mehr die einzige Möglichkeit, um an finanzielle Mittel zu kommen. Wenn wir diese Möglichkeiten der finanziellen Eingliederung untersuchen, können wir besser verstehen, wie sich der Bezug zwischen finanzieller Integration und Arbeit verändert.

Von Fabrice Plomb, Tristan Coste und Caroline Henchoz, Fachbereich Soziologie der Universität Freiburg

Online-Poker ist eine der alternativen Erwerbsmöglichkeiten für junge Menschen. (Bild: Adobe Stock/JJ)

Online-Poker ist eine der alternativen Erwerbsmöglichkeiten für junge Menschen. (Bild: Adobe Stock/JJ)

Wann kommen Jugendliche erstmals mit der Wirtschaft in Berührung? Die meisten würden sagen, wenn sie die ersten Arbeitserfahrungen (Jobs, Praktika) sammeln, denn Wirtschaft wird mit produktiver Tätigkeit, mit Arbeit und mit den Beziehungen, die sich daraus entwickeln, gleichgesetzt. In der Realität allerdings sorgen Geld und die Geldsozialisation dafür, dass Kinder bereits sehr früh mit der Wirtschaftswelt in Berührung kommen. Mehr noch als der Konsum an sich lehrt sie die Sozialisation in Sachen Geld und später hinsichtlich unterschiedlicher Finanzierungsmöglichkeiten, Bedürfnisse zu formulieren und Mittel und Wege zu finden, um diese zu befriedigen. Besonders für junge Menschen, die aufgrund ihrer schlechten Ausbildung in prekären Beschäftigungsverhältnissen verbleiben, ist Arbeit heute längst nicht mehr die einzige Möglichkeit, um an Geld zu kommen. Wenn wir unsere Vorstellungen von der Art und Weise, wie Jugendliche in den Markt hineinwachsen, erweitern, können wir auch die berufliche Integration aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Für die Beobachtung der aktuellen Trends auf diesem Gebiet eignen sich junge Menschen ohne Ausbildung, die innerhalb oder am Rande des Arbeitsmarkts stehen, besonders gut.

Junge Menschen ohne Ausbildung in der Schweiz

Die Jugendarbeitslosigkeit im Sinne der Internationalen Arbeitsorganisation liegt in der Schweiz im Vergleich zum europäischen Mittel auf einem sehr tiefen Niveau (Schweiz: 8,5%, Europa: 20,6%, Zahlen aus dem Jahr 2015). Rund 8 bis 11% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben nach dem Austritt aus der obligatorischen Schule keine Bildungslösung. Man geht davon aus, dass stets ein gewisser Anteil der Personen im Alter von 15 bis 29 Jahren – im Schnitt sind es 7,5% – keiner Erwerbstätigkeit und keiner Ausbildung nachgeht. Vordergründig scheint es um die berufliche Integration von Jugendlichen gut bestellt. Dabei bleibt aber verborgen, dass bildungs- und arbeitsmarktspezifische Ungleichheiten von einer Generation an die nächste übergehen. Unbeeinflussbare Faktoren wie Geschlecht, soziale Herkunft oder Migrationshintergrund bestimmen in hohem Masse, welche Bildungs- und Berufslaufbahn jemand in Zukunft einschlagen wird. Das Risiko von Brüchen und prekären Phasen beim Zugang zu Bildung und Beschäftigung ist bei kürzlich zugewanderten jungen Menschen aus bescheidenen sozialen Verhältnissen am grössten. Diesen Personen bleibt oft nichts anderes übrig, als sich mit instabilen Beschäftigungen durchzuschlagen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs, befristeter Arbeit oder Teilzeitjobs, oder sie absolvieren Integrationspraktika. Die Bildung einer beruflichen Identität erweist sich so als schwieriges Unterfangen.

Finanzielle Unabhängigkeit erlangen

Die produktive Welt (das heisst die Arbeitswelt) und die Welt des Konsums sind die wichtigsten Orte, an denen Jugendliche Strategien erlernen, die sie in der Wirtschaftswelt anwenden können. Die erste Herausforderung besteht für alle jungen Menschen im Eintritt in die Arbeitswelt. Diesen Prozess durchlaufen alle, die Etappen sind aber nicht überall dieselben. Studierende treten später und schrittweise in die Arbeitswelt ein, Lernende werden im Rahmen ihrer Berufsausbildung direkt, aber begleitet von ihren Ausbildnern/Ausbildnerinnen mit der Arbeitswelt konfrontiert, Jugendliche ohne Ausbildung dagegen experimentieren oft alleine und machen häufig negative Erfahrungen. Ihr Einstieg in eine konkrete Beschäftigung verläuft folglich schneller und abrupter, als dies bei jungen Erwachsenen mit abgeschlossener Ausbildung der Fall ist. Doch in die Wirtschaftswelt hineinwachsen bedeutet auch, dass man selbst die eigenen Bedürfnisse formulieren kann, dass man die geeignetsten Formen findet und aushandelt, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Den Umgang mit Finanzmitteln lernen Kinder in der Familie schon früh, etwa anhand von Taschengeld, Geld- oder Sachgeschenken. Wirtschaftliche Transfers innerhalb der Familie zugunsten von Kindern und Jugendlichen hatten noch nie einen so hohen Stellenwert wie heute. Die Familie ist damit ein wichtiger Ort, an dem Kinder und Jugendliche wirtschaftliches Handeln erlernen, indem sie Verhaltensweisen imitieren und mit ihnen experimentieren. Später, im Jugendalter, ist das wachsende Autonomiestreben in Sachen Freizeit und Sozialleben (Freundschaften, Sexualität, Vorlieben, Konsum usw.) untrennbar verbunden mit einer gewissen wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Familie, was Anlass für umfassende Verhandlungen gibt. Dieser Zeitraum der anhaltenden Spannungen zwischen Unabhängigkeitsstreben und finanzieller Abhängigkeit von der Familie dauert heute aufgrund des späteren Eintritts in den Arbeitsmarkt und des späteren Auszugs aus dem Elternhaus tendenziell länger als früher. In diesem Zeitraum findet folglich auch eine gewisse finanzielle Eingliederung statt. Heute ist es allen jungen Menschen möglich, Bankkonten zu eröffnen, Debit- und Kreditkarten zu nutzen, Einkäufe oder Spieleinsätze übers Internet zu tätigen, bevor sie finanzielle Unabhängigkeit durch ein stabiles Erwerbseinkommen erlangt haben. Die Teilnahme am wirtschaftlichen Leben und die Nutzung von Finanzierungsmöglichkeiten stehen ihnen damit offen, noch bevor sie ins Erwerbsleben eingetreten sind.

Desynchronisierung zwischen Einkommen und Konsum

Gerade bei jungen Menschen ohne Ausbildung und in prekären Arbeitsverhältnissen lässt sich eine Desynchronisierung von Einkommen und Konsum beobachten. Ihr wirtschaftliches und finanzielles Verhalten ist teilweise losgelöst von einem Erwerbseinkommen, das sie entweder gar nicht oder nur unregelmässig beziehen. Für diese jungen Menschen ist Arbeit nicht mehr die einzige Möglichkeit, um an finanzielle Ressourcen zu kommen. Im Sinne einer Finanzialisierung des Alltags sind für sie insbesondere staatliche Sozialhilfe, aber auch Darlehen aus dem Familien- oder Freundeskreis ebenso Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, wie es für beruflich gut integrierte junge Menschen die Arbeit ist. Einige greifen zum Teil auch auf Alternativen zur Arbeit zurück: Online-Börsengeschäfte, Online-Glücksspiele, Poker, Kauf und Verkauf von Waren auf Secondhand-Plattformen, improvisierter Handel, der Preisunterschiede zwischen verschiedenen Kontinenten nutzt, sowie Plattformen für die Beschaffung von Finanzmitteln sind nur ein paar der zahlreichen Möglichkeiten, die es hier gibt. Dieser kreative Kapitalismus an der Grenze zwischen kostenlos und kostenpflichtig mischt sich in den Alltag der jungen Menschen und schafft verschiedene Betätigungsfelder, die dazu führen, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Arbeit einen anderen Stellenwert beimessen. Die Beschäftigung mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen am Rande des Arbeitsmarkts und ihren Praktiken zeigt, dass die frühzeitige finanzielle Integration dieser Bevölkerungsgruppe immer wichtiger wird (wobei das Phänomen natürlich mit dem Wachstum der Finanzwirtschaft gegenüber der Realwirtschaft verknüpft ist). Und sie zeigt auch, dass die jungen Menschen, die unter anderen Voraussetzungen als frühere Generationen in die Wirtschaftswelt eintreten, das traditionelle Verhältnis zur Arbeit infrage stellen.

Links und Literaturhinweise

Plomb, F. (2018): Le rapport au travail face à la diversité des mondes économiques des jeunes. Insertion financière et professionnelle des jeunes sans formation en Suisse. In: Agora débats/jeunesses (N° 79, pp. 103-118).
Henchoz, C., Coste, T. (2017): Endettement problématique des jeunes et solidarité familiale. In: Recherches familiales (N° 14, pp. 37-48).

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