Ausgabe 06 | 2018

ARBEITSMARKT

Erwerbsarmut in der Schweiz

Zu wenig zum Leben

Viele Menschen in der Schweiz arbeiten und sind trotzdem auf Sozialhilfe angewiesen. Das Ausmass dieser Erwerbsarmut wird kontrovers beurteilt. Klar aber ist, dass die Politik bisher keine befriedigenden Antworten darauf gefunden hat. Eine neue Studie rückt das Thema wieder ins Scheinwerferlicht.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Wenn sie von der Arbeit heimkommt, ist es noch Nacht. Sandra M. arbeitet täglich von etwa vier bis sechs Uhr, ausser am Sonntag. Sie trägt Zeitungen aus, seit sie 17 Jahre alt ist. Wenn sie fertig ist, legt sie sich noch einmal hin und isst dann Frühstück. Pro Stunde verdient sie 17 Franken, 800 Franken im Monat. Weil das zu wenig ist, verteilt sie an manchen Tagen auch Werbung, sechs Touren, das bringt weitere 800 Franken. Aber auch das reicht nicht. Allein schon ihre Wohnung kostet gut 900 Franken.

Statistische Konzepte

In der Schweiz gibt es viele Menschen wie Sandra M. Früher nannte man sie «Working Poor», Leute, die arm sind, obwohl sie arbeiten. Heute spricht man von Erwerbsarmut. Es heisst zwar, dass eine Erwerbstätigkeit das wichtigste Mittel zur Reduktion des Armutsrisikos darstelle. Aber bei diesen Menschen funktioniert das nicht. 140'000 waren es laut «Armutsquote der Erwerbstätigen» des Bundesamtes für Statistik (BFS) 2016, das entspricht 3,8 Prozent der Bevölkerung. Fünf Jahre vorher waren es 3,6 Prozent gewesen. Das BFS definiert Erwerbstätige als Personen, «die im Vorjahr der Erhebung während mehr als der Hälfte der Monate einer selbstständigen oder unselbstständigen Erwerbstätigkeit nachgingen». Es gibt Autoren, die diese Zahlen – auch wegen dieser engen Definition – für zu tief halten. So beziffert der Sozialwissenschaftler Eric Crettaz in einer vor wenigen Monaten publizierten Studie das Ausmass der Erwerbsarmut auf 8,6 Prozent. Hauptgrund für die Differenz: Crettaz verwendet den Indikator der «Armutsgefährdung», wie er in der europäischen Fachliteratur zu den «Working Poor» meist herangezogen werde. Danach gelten Menschen als armutsgefährdet, die ein deutlich tieferes Einkommen als die Gesamtbevölkerung haben (60% des verfügbaren Medianäquivalenzeinkommens [mittleres Einkommen, von dem die Hälfte der Erwerbsbevölkerung mehr und die andere Hälfte weniger verdient]). Sie sind somit dem Risiko des sozialen Ausschlusses ausgesetzt. Dieses Konzept hat die Eigenschaft, dass es für jede Gesellschaft – unbesehen, wie reich sie ist – eine Schicht von Personen stipuliert, die «arm» ist. Das klingt problematisch, wird aber dem relativen Charakter der Armut gerecht. An anderer Stelle verwendet auch das BFS dieses Konzept und errechnet für 2016 eine «Armutsgefährdungsschwelle» für einen Einpersonenhaushalt von 29'796 Franken pro Jahr (nach Abzug der Steuern, der Sozialbeiträge und der Krankenkassenprämien). 2016 waren gemäss dieser Definition rund 290'000 erwerbstätige Personen armutsgefährdet (7,8%).

Risiko- und Auslösefaktoren

Wie immer man Armut definiert: Fakt ist, dass in der Schweiz eine beträchtliche Anzahl von Menschen zwar arbeitet, aber mit ihrem Lohn ihr Leben nicht bestreiten kann. Wenn man wissen will, warum das so ist, kann man mit Sandra M. reden. Sie lebt in einem Einpersonenhaushalt, weil sie geschieden ist, hat drei Töchter grossgezogen, arbeitet nur etwa 40 Prozent und kann nicht mehr als den obligatorischen Schulabschluss vorweisen. Ihre Eltern hätten sie damals kaum gefördert, sagt sie, und sie weiss, dass diese Vernachlässigung schwerer wiegt als ihr Wagen voller Zeitungen. Manchmal zweifelt sie, ob sie noch bis 65 solche Wege laufen kann. Das Profil von Sandra M. entspricht den Risikofaktoren für «Working Poor», wie sie die Statistik ausweist (Kasten). In seiner Studie untersucht Eric Crettaz darüber hinaus die Frage, was Erwerbsarmut konkret auslöst. Er nennt die folgenden vier Faktoren:
1. Zu geringer Lohn pro Arbeitsstunde: Von einem niedrigen Stundenlohn spreche man, wenn dieser weniger als zwei Drittel des medianen Äquivalenzeinkommens beträgt (2015: 38.80 Franken). Ein Lohn von über 35 Franken anstatt von unter 25 Franken senke die Wahrscheinlichkeit der Einkommensarmut um über 10 Prozentpunkte (Referenzquote 12,5%).
2. Zu geringes Arbeitsvolumen auf Haushaltsebene, etwa wegen kleiner Kinder oder aufgrund der Arbeitslosigkeit anderer Erwachsener im Haushalt. Die Wahrscheinlichkeit der Einkommensarmut sinke um 7 Prozentpunkte (Referenzquote: 15,9%), wenn statt weniger als 20 Stunden pro Woche 20 bis 29 Stunden (pro Erwachsenem im Haushalt) gearbeitet wird.
3. Überdurchschnittlicher Bedarf eines Haushalts. Ein Paar hat zusätzliche Kosten in der Höhe von 1310 Franken pro Monat zu decken, wenn es zwei Kinder hat. Die Wahrscheinlichkeit der Einkommensarmut steige in einem Haushalt mit einem Kind pro Erwachsenem um rund 1 Prozentpunkt (Referenzquote 4%), bei drei und mehr Kindern um 6 Prozentpunkte (mögliche Erklärung: Personen mit drei und mehr Kindern sind in der Regel früher Eltern geworden). Eine Scheidung und das Entstehen von zwei Haushalten verschärfe diese Situation; der neue Bedarf liege rund 33 Prozent höher als vorher.
4. Sozialtransfers. Sie spielten eine zentrale Rolle bei der Vermeidung von Erwerbsarmut. Ohne sie gäbe es fast doppelt so viele armutsbetroffene Erwerbstätige (15,4%). Dass Erwerbsarmut durch Sozialtransfers nicht gänzlich ausgemerzt werde, habe damit zu tun, dass die Sozialversicherungen keine falschen Anreize setzen wollen und nicht in erster Linie auf eine Verringerung der Armut abzielen (obwohl sie in vielen Fällen dies bewirken).

Hohe Dunkelziffer

Martin Amman ist Leiter der Abteilung Existenzsicherung im Bereich Soziales der Stadt Schaffhausen. Er kennt viele Menschen, die zwar arbeiten, aber trotzdem auf Sozialhilfe angewiesen sind. 26 Prozent aller Personen, die in der Schweiz Sozialhilfe beziehen, arbeiten. Amman weist auf zwei Aspekte der Erwerbsarmut hin:
– Viele Menschen beziehen keine Sozialhilfe oder andere Formen von Sozialtransfers, obwohl sie Anspruch darauf haben. Amman geht von einer Dunkelziffer von rund 50 Prozent aus – eine ungleich höhere Quote als der politisch so häufig thematisierte Sozialmissbrauch. Darunter fallen Personen, die ihr Vermögen aufzehren, familiäre Hilfe beziehen oder sehr bescheiden leben. Auch Sandra M. lebt so: Gerade mal eine Woche pro Jahr bezieht sie Ferien. Sie will wie viele andere dem Staat möglichst nicht auf der Tasche liegen.
– Viele erwerbsarme Personen bewegen sich knapp an der Armutsgrenze. Um ihre finanzielle Situation zu verbessern, müsste der Mehrverdienst trotzdem deutlich über der bezogenen Sozialhilfe liegen. Denn einer leichten Erhöhung des Erwerbsfreibetrags stünden nicht nur der Wegfall der Sozialhilfe gegenüber, sondern auch steigende Kosten bei der Kinderbetreuung (Staffeltarife), der Steuern, bei den Krankenkassen (Prämienverbilligung) und weiteren Positionen. «500 Franken zusätzlich werden in der Regel aufgefressen», so Martin Amman. Um solche frustrierenden Effekte zu vermeiden, sollte man die Grenzwerttabellen flexibilisieren, findet Amman.

Auch Angehörige betroffen

Bettina Fredrich, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik der Caritas Schweiz, macht auf weitere Aspekte des Phänomens aufmerksam. Sie erinnert daran, dass von Erwerbsarmut nicht nur die Erwerbstätigen selber betroffen sind, sondern auch Angehörige im gleichen Haushalt – das seien dann statt der erwähnten 140'000 rund 240'000 Personen. Für ein so reiches Land wie die Schweiz sei diese Zahl «empörend». Bettina Fredrich fordert eine bessere Existenzsicherung ausserhalb der Sozialhilfe – über einen Mindestlohn, wie ihn der Kanton Neuenburg eingeführt hat, oder über Familienergänzungsleistungen, wie sie die Kantone Tessin, Genf, Solothurn oder Waadt kennen. Daneben seien aber auch Bildungsmassnahmen wesentlich: «Gute Erfahrung hat man mit existenzsichernden Stipendien im Kanton Waadt gesammelt.» Gleichzeitig müssten kostengünstige Angebote zur Tagesbetreuung von Kindern ausgebaut werden. «Da investiert die Schweiz eindeutig zu wenig», so Fredrich. Sie weist auf den Kanton Tessin hin. Hier sei der Kindergarten schon für Kinder ab drei Jahren zugänglich – und das seit bald 100 Jahren. Dieses Angebot würde von fast allen Eltern genutzt. Ob sie arm ist oder nicht, weiss Sandra M. nicht. Sie fühle sich nicht so, ihr gehe es «schon gut», sagt sie, denn sie habe Arbeit, die ihren Tag strukturiert, und drei Töchter, die in der Nähe wohnen. Beunruhigend findet sie aber, dass sie nächstes Jahr vielleicht den Job mit der Werbung verliere. Dass sie dann einfach mehr Sozialhilfe bekommen würde, ist ihr kein Trost. Sie will keine Sozialhilfe, sie will arbeiten. Wie früher, als sie noch in einer Fabrik, einer Küche oder einer Metzgerei geholfen habe. Aber auf dem Sozialamt habe man gesagt, dass sie nicht mehr vermittelbar sei.

Links und Literaturhinweise

BFS (2012): Armut in der Schweiz: Konzepte, Resultate und Methoden. Neuenburg.
Crettaz, E. (2018): Working Poor in der Schweiz: Ausmass und Mechanismen. In: Social Change in Switzerland (Nr. 15).

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