Ausgabe 06 | 2018

BERUFSBERATUNG

Kontroverse

Wie wichtig sind Brückenangebote?

Sind Brückenangebote teuer und ineffizient oder eine effektive Prävention? Ein Bildungsökonom und die Co-Leitung eines Brückenangebots beziehen Position.

Kommentar

Brücken ja, Warteräume nein

Stefan C. Wolter leitet die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF).

(Bild: zvg)

Es wird immer Jugendliche geben, die aus guten Gründen am Ende ihrer obligatorischen Schulzeit einen direkten Übertritt in eine zertifizierende Ausbildung auf der Sekundarstufe II nicht sofort schaffen. Die genaue Zahl dieser Jugendlichen festzulegen, ist unmöglich. Es gibt aber mindestens acht gute Gründe, die hohe Zahl der verzögerten Übertritte zu hinterfragen: Erstens traten Anfang der 1990er-Jahre noch über 83 Prozent der Jugendlichen direkt in eine Ausbildung ein; der danach folgende Einbruch um mehr als zehn Prozentpunkte war durch die Lehrstellenkrise einfach zu erklären. Nicht aber die Stagnation in einer Zeit, in der sich die Lage auf dem Lehrstellenmarkt nicht nur entschärfte, sondern jährlich rund 10'000 Lehrstellen unbesetzt blieben. Zweitens gibt es grosse Unterschiede zwischen den Kantonen, die weder durch die Zusammensetzung der Schülerschaft noch durch sonstige Faktoren zu erklären sind. Einzelne Kantone machen es also vor: Es geht auch mit weniger Zwischenlösungen! Drittens wurde mit den Attestlehren ein Angebot geschaffen, das im Gegensatz zu früher auch vielen schulisch schwachen Jugendlichen einen erfolgreichen Sofortübertritt bietet. Viertens zeigt die Forschung, dass jene Jugendlichen, die in der Hoffnung auf eine bessere Lehrstelle ihren Übertritt verschieben, in der Regel ein Jahr später keine bessere Lehrstelle kriegen als diejenige, die sie zuvor schon gekriegt hätten. Fünftens führt eine hohe Zahl von Zwischenlösungen in einem Kanton zu einem Teufelskreis, weil die dann älteren Jugendlichen teilweise jene Jugendlichen, die gerne sofort eine Lehrstelle angetreten hätten, zu einem ungewollten Zwischenjahr zwingen. Sechstens, und auch dies muss gesagt werden, nützen gewisse Arbeitgeber ihre Stellung als Lehrmeister in besonders beliebten Lehrberufen dadurch aus, Jugendliche in völlig unnötige Praktika zu zwingen – auch solche gehören bekämpft. Siebtens schaffen sich Angebote immer zu einem Teil ihre eigene Nachfrage. Sie ziehen dabei vor allem Jugendliche an, die eine Veranlagung dazu haben, Entscheide nicht selbst treffen zu wollen. Achtens und am wichtigsten: Ein gewonnenes Lebensjahr lässt sich später in Fort- und Weiterbildung sinnvoller nutzen als ein Jahr in einer unnötigen Warteschlaufe.

Kommentar

Den Jugendlichen Zeit geben

Monika Rütsche und Jörg Fischer leiten das Zentrum für Brückenangebote in Luzern.

(Bild: zvg)

Der Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II sieht vor, dass Jugendliche nach neun obligatorischen Schuljahren nahtlos mit einer Ausbildung starten oder eine weiterführende Schule besuchen. Um diesen Übergang zu meistern, müssen sich Jugendliche als Persönlichkeit mit dem Bewusstsein ihrer Stärken und Schwächen auf dem Arbeitsmarkt bewerben und bewähren. Sie müssen noch als Schüler/in Erfahrungen in der Berufswelt sammeln und erkennen, für welche Aufgaben sie Fähigkeiten mitbringen und welcher Beruf sie stärkt, eine mündige Person zu werden. Angesichts dieser herausfordernden Situation erstaunt es wenig, dass nicht allen Jugendlichen dieser Übergang zeitgenau gelingt. In unserer Arbeit erleben wir täglich Lernende, die gewillt sind, diesen Übergang zu meistern, aber dazu noch mehr Zeit benötigen. Die Tree-Studie hat diesen Übergang bereits vor Jahren untersucht und drei Hauptgründe für den Besuch eines Brückenjahres genannt: Es geht um die Behebung von individuellen schulischen, sprachlichen oder anderen Defiziten (Kompensationsfunktion), um Entscheidungs- und Orientierungshilfen für die nachobligatorische Ausbildung (Orientierungsfunktion) und darum, dass Brückenangebote eine «strukturierte Warteschlaufe» für Jugendliche ermöglichen, die aufgrund der Angebotsknappheit nicht direkt eine zertifizierende nachobligatorische Ausbildung absolvieren können (Pufferfunktion). Diese drei Bereiche beschreiben nach wie vor passend die relevanten Handlungsfelder, wobei die Pufferfunktion aufgrund der demografiebedingten Abnahme der Lernendenzahl an Bedeutung verloren hat. In unserer Bildungs- und Beratungsarbeit mit den Jugendlichen sind wir gefordert, sie zu unterstützen, ihre Stärken und Möglichkeiten zu erkennen, das notwendige Selbstvertrauen und die entsprechenden Kompetenzen aufzubauen, um die nächsten sinnvollen Schritte zu planen und umzusetzen. Entwicklungs- und Bildungsprozesse von Menschen lassen sich nicht in Schuljahren abhandeln, sie haben keinen Jahreszyklus. Geben wir den Jugendlichen, die diese benötigen, die notwendige Zeit, und bieten wir ihnen passende Bildungsmöglichkeiten! Wir brauchen und wollen Menschen, die auf Basis einer soliden Ausbildung unsere Gesellschaft mündig mitgestalten.

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