Ausgabe 06 | 2018

BERUFSBERATUNG

Spezialisierte Beratungsangebote

OdA mischen in der Laufbahnberatung mit

Einige Organisationen der Arbeitswelt (OdA) bieten branchenspezifische Karriere- und Laufbahnberatungen an. Worin bestehen diese Angebote und wie ergänzen sie die öffentliche Berufsberatung?

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Viele Erwerbstätige wünschen sich einen beruflichen Neuanfang im Umweltbereich. Ein brancheninterner Berater hilft ihnen, die zu ihrem beruflichen Profil passenden Möglichkeiten zu identifizieren. 
(Bild: Thierry Parel)

Viele Erwerbstätige wünschen sich einen beruflichen Neuanfang im Umweltbereich. Ein brancheninterner Berater hilft ihnen, die zu ihrem beruflichen Profil passenden Möglichkeiten zu identifizieren.
(Bild: Thierry Parel)

«Ich fühlte mich gut aufgehoben und verstanden. Mein Vertrauen in meine Kompetenzen wurde bestärkt und mein Horizont hat sich erweitert», berichtet Sébastien Magnin. Das Beratungsgespräch bei der OdA half ihm, den nötigen Mut zu fassen, um seine Pläne in die Tat umzusetzen und eine neue Berufskarriere zu starten. Dank der Laufbahnberatung fand er den Weg zu einer auf ihn zugeschnittenen Tätigkeit: Er wird künftig Familienunternehmen bei Nachfolgefragen beraten. Auf diesem Gebiet kennt er sich bestens aus, denn er hatte 16 Jahre lang ein Familienunternehmen mit 40 Angestellten geleitet, das inzwischen verkauft wurde.

Kaufmännischer Bereich: Branchenerfahrung

Der Kaufmännische Verband (KV) bietet in der Deutschschweiz seit mehreren Jahren eine Laufbahn- und Karriereberatung an. In der Romandie ist ein solches Angebot auf Betreiben der Sektion Neuenburg zurzeit in Entwicklung. Es handelt sich um zwei- bis dreistündige Beratungsgespräche, die sich an einen breiten Personenkreis aus dem kaufmännischen Bereich richten: an den frisch diplomierten Kaufmann EFZ, der sich nicht entscheiden kann, ob er seine Ausbildung fortsetzen oder ins Berufsleben einsteigen soll, genauso wie an die Bankerin, die mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden ist, oder an den Manager, der sich an einem Wendepunkt in seiner Karriere befindet. «Wir verwenden PersProfile Manager, ein Instrument zur Analyse des fachlichen Profils und des Verhaltens einer Person», erklärt Laurent Comte, Geschäftsführer des KV Neuenburg. «Es orientiert sich an den positiven Punkten und ermöglicht uns, die Klienten in Bezug auf ihre Tätigkeit einzuordnen.» Die Klientinnen und Klienten haben offene Fragen zu ihrer beruflichen Laufbahn, zur Wahl einer Weiterbildung oder zu den mit der Digitalisierung verbundenen Herausforderungen. Viele seien durch die rasche Veränderung ihrer Berufswelt verunsichert und fragten sich, wie sie wettbewerbsfähig und im Arbeitsmarkt bleiben können, so Comte. «Unsere Beraterinnen und Berater sind Fachleute aus der Branche. Sie kennen die aktuelle Arbeitsmarktsituation genau und verstehen die Sorgen ihrer Klienten. Sie können diese anhand ihres Profils gezielt beraten und wenn nötig bei der Suche nach Lösungen unterstützen, die eine Arbeitslosigkeit verhindern.» Die Beratenden haben eine Ausbildung im Beratungs-, Erwachsenenbildungs- oder HR-Bereich. Sie sind zudem in Gesprächsführung und in der Anwendung des eingesetzten Testinstruments geschult. Zu Beginn werden die Klienten jeweils von Zweierteams begleitet, damit die Beratenden sich über ihre Einschätzungen austauschen und mögliche Lösungen diskutieren können.

Umweltberufe: grosse Nachfrage nach beruflicher Neuorientierung

Alle OdA leisten durch die Bereitstellung von Infomaterial sowie durch die Mitwirkung an Berufsmessen und anderen Anlässen einen Beitrag zur Berufs- und Laufbahnberatung. Wie im obigen Beispiel bieten einige Verbände daneben selber Beratungen und Coachings an. Vor allem die OdA grösserer Branchen, etwa im kaufmännischen, Gesundheits- und Sozialbereich, entwickeln zunehmend solche Angebote. So hat 2018 auch die OdA Umwelt eine Laufbahnberatung eingeführt. Patrick Lachenmeier, Geschäftsführer der OdA Umwelt, möchte damit alle Ausbildungs- und Laufbahnmöglichkeiten in dieser weit gefassten Branche mit ihren vielfältigen Arbeitswelten sichtbar machen. Im Gegensatz zu den Beratungsangeboten der Bildungsanbieter sei die Beratung der OdA anbieterneutral und erstrecke sich über die gesamte Umweltwirtschaft und nicht nur auf einzelne Sektoren. «Von der öffentlichen Berufsberatung unterscheidet sich unser Angebot insofern, als wir keine allgemeine Berufs- und Laufbahnberatung anbieten und keine Interessentests durchführen», sagt Lachenmeier, der selbst als Berater arbeitet. «Wir richten uns gezielt an Personen, die ihre Stärken und Schwächen bereits kennen, sich konkret für Umweltberufe interessieren und in dieser Branche tätig werden wollen, aber noch nicht genau wissen, wie sie dabei vorgehen sollen. In 90 Prozent der Fälle geht es um eine Neuorientierung, zum Beispiel von Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz unter grossem Druck stehen und sich beruflich verändern wollen, oder um Personen, die eine sinnstiftende Arbeit suchen. Eine Tätigkeit in den Bereichen Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung kommt diesem Bedürfnis entgegen.» Aktuell besteht das Beratungsangebot in der Deutschschweiz, es wird aber demnächst auf die Romandie ausgeweitet.

Gesundheitswesen: direkter Kontakt zur Praxis

Die Gesundheitsbranche ist ebenfalls ein komplexer Bereich, in dem die verschiedenen Bildungsniveaus und Berufsbezeichnungen für Verwirrung sorgen können. «Es geht bei uns nicht nur darum, die passende Weiterbildung zu finden», sagt Pierrette Chenevard, Leiterin des Bildungszentrums Espace Compétences. Die auf den Gesundheitsbereich spezialisierte Bildungseinrichtung bietet auch Laufbahnberatungen an. Die Klientinnen und Klienten sind vor allem Pflegefachleute mit unterschiedlichen Anliegen. Da sie in einem anspruchsvollen, aber gesellschaftlich wenig anerkannten Bereich arbeiten, leiden viele von ihnen an Erschöpfung oder Burn-out und können ihren eigenen Idealen nicht mehr gerecht werden. Einige möchten ihre Erfahrung und ihre Kompetenzen im Pflegebereich validieren lassen, andere möchten den Beruf wechseln. Pierrette Chenevard war früher selbst als Pflegefachfrau tätig. Danach hat sie Wirtschaftswissenschaften studiert, im Management gearbeitet und sich in Erwachsenenbildung und Coaching weitergebildet. Dank ihrer Branchenerfahrung und dem ständigen Kontakt zur Praxis hat sie eine sehr genaue Vorstellung von den Problemen in diesem Tätigkeitsfeld. Sie möchte die Klientinnen und Klienten nicht für die Aus- und Weiterbildungen des eigenen Bildungszentrums gewinnen, sondern ihre Bedürfnisse identifizieren. Innerlich gehegte Wünsche sollen an die Oberfläche treten, indem sich die Klientinnen in die eigene Zukunft versetzen und ihre Vorstellungen und Träume formulieren. Um Blockaden zu lösen und Zukunftsvisionen zu ermöglichen, bedient sich Chenevard der Methode des mentalen Managements («Gestion mentale» nach Antoine de La Galanderie) und des transformationalen Coachings. «Ich schliesse nichts aus, aber ich achte darauf, dass die Vorhaben realistisch und umsetzbar sind. Mit einer Klientin habe ich beispielsweise die Machbarkeit ihres Berufswunschs Bergführerin analysiert, indem sie sich alle Aspekte dieser Neuorientierung und deren Auswirkungen detailliert vorgestellt hat.»

Zusammenarbeit mit externen Partnern

Die internen Beratungsangebote der Berufsverbände beschränken sich in der Regel auf ein ausführliches Gespräch, auf das manchmal ein Austausch per Telefon oder Mail zur konkreten Umsetzung eines Vorhabens folgt. Wenn Coachings angeboten werden, erfolgen diese durch externe Fachleute. Bei Bedarf arbeiten die Beratenden auf informeller Ebene mit den Berufsberatungsstellen, der IV oder anderen Partnerinstitutionen zusammen. Laurent Comte hat festgestellt, dass Klienten über 40 oder 50 oft keine psychologisch orientierte Beratung möchten. «Mehrere Personen waren von der öffentlichen Berufsberatung enttäuscht. Sie wünschten sich eine praxisorientierte Beratung mit konkreten Lösungen in einem bestimmten Berufsbereich.» Daniel Reumiller, Präsident der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung, erinnert daran, dass die öffentlichen Berufsberatungsstellen für alle da sind: für Jugendliche und Erwachsene in allen Lebensphasen, für Menschen, die ein Laufbahn- oder Berufsziel erarbeiten, sich beruflich neu orientieren oder sich auf das Ende des Erwerbslebens vorbereiten wollen. Berufsberaterinnen und -berater analysieren die – häufig komplexe – Situation mit einem ganzheitlichen, nicht nur auf eine Branche konzentrierten Blick und gestalten die weitere Begleitung je nach den Bedürfnissen der Ratsuchenden. Sie sind branchenunabhängige Fachpersonen, deren Qualifikation den Vorgaben der eidgenössischen und kantonalen Berufsbildungs- und Berufsberatungsgesetze entsprechen. Die Beratungsangebote der Berufsverbände stehen deshalb nicht in Konkurrenz zur Berufsberatung, sie bilden vielmehr ein ergänzendes Angebot für ein spezifisches Zielpublikum, das deutlich kleiner ist als dasjenige der kantonalen Beratungsstellen. Einige Kantone hätten zudem branchenspezifische Beratungsangebote eingeführt oder würden sie derzeit entwickeln, ergänzt Daniel Reumiller. «Unsere Beraterinnen und Berater sollen sich künftig stärker auf bestimmte Branchen oder ein bestimmtes Zielpublikum spezialisieren. Zudem ist eine engere interkantonale Zusammenarbeit geplant, damit auch koordinierte Leistungen angeboten werden können.»

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