Ausgabe 06 | 2018

BERUFSBILDUNG

Interview

«Die Verwaltung erschien mir wie eine kafkaeske Maschine»

Seit 2013 steht Mauro Dell’Ambrogio an der Spitze des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Ende 2018 tritt er in den Ruhestand. Der vielseitige Tessiner hat der akademischen und der beruflichen Bildung in den letzten elf Jahren seinen Stempel aufgedrückt. Für PANORAMA macht er einen Rück- und einen Ausblick.

Interview: Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Staatssekretär Mauro Dell’Ambrogio: «Das Schweizer Modell setzt mehr auf Erfolg im Leben als auf schulischen Erfolg.» (Bild: SBFI)

Staatssekretär Mauro Dell’Ambrogio: «Das Schweizer Modell setzt mehr auf Erfolg im Leben als auf schulischen Erfolg.» (Bild: SBFI)

PANORAMA: Das SBFI entstand 2013 aus dem Zusammenschluss des Staatssekretariats für Bildung und Forschung (SBF) und dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT). Wie sehen Sie die Fusion fünf Jahre später? Mauro Dell’Ambrogio: Die Fusion ist gelungen. Man sprach damals von zwei unterschiedlichen internen Kulturen. In der Realität gab es aber vor allem zwei unterschiedliche Klientenkreise mit unterschiedlichen Erwartungen. Während meiner ganzen Laufbahn traf ich auf diese zwei verschiedenen Welten. Ich selbst komme aus der akademischen Welt, einige meiner Kinder haben eine Lehre gemacht. Ich habe eine Fachhochschule geleitet, war aber auch, was nur wenige wissen, an der Redaktion des Tessiner Berufsbildungsgesetzes beteiligt. Im ersten Jahr wohnte ich vielen Sitzungen von Berufsverbänden bei. Unparteilichkeit ist bei der Konsensfindung eine wichtige Voraussetzung.

Wie entstand das SBFI?
Der Bundesrat brauchte vier Jahre, um über den Zusammenschluss zu entscheiden, und ein Jahr für die Ernennung des Staatssekretärs. Es gab Spannungen und Rivalitäten zwischen dem BBT und dem SBF. Im Zuge der Fusionsvorbereitungen entstand ein Ideal-Organigramm, nach dem alle Stellen der Reihe nach neu ausgeschrieben worden wären. Nach Gesprächen mit der Führungsebene liess ich diese Idee fallen. Meine Führungserfahrung hat mich gelehrt, dass es bei der Stellenbesetzung besser ist, den bestehenden Mitarbeitenden den Vorzug zu geben. So gab ich allen die Chance, mehr oder weniger in ihrer bisherigen Funktion zu verbleiben. Bei jedem Austritt habe ich den Betrieb neu organisiert, um ihn effizienter zu gestalten. Die aktuelle Organisation gleicht mit 25 Prozent weniger Führungskräften stark dem damaligen Fusionsprojekt. Gleichzeitig sind die Mitarbeitenden, die noch da sind, sehr motiviert.

Was hat Sie bei Ihrem Eintritt in die Bundesverwaltung am meisten erstaunt?
Ich hatte 30 Jahre Führungserfahrung auf Gemeinde- und Kantonsebene und in der Privatwirtschaft. Die Bundesverwaltung erschien mir wie eine kafkaeske bürokratische Maschine. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Entweder ich liess die Maschine laufen und kümmerte mich nur um die Politik oder ich kümmerte mich auch um die administrativen Abläufe und nahm die endlosen Kämpfe mit den kleinen Machtzentren, die überall in den Departementen verteilt waren, in Kauf. Ich habe mich für einen Mittelweg entschieden. Ich wollte keine Konflikte austragen, die ich nicht gewinnen konnte, aus anderen als Sieger hervorgehen und mich mit allem anderen arrangieren.

Welches ist Ihrer Meinung nach die Rolle des Staates?
Der Staat muss sicherstellen, dass Gesetze eingehalten werden, er muss Gewalt verhindern und den Schwächsten helfen. Er verfolgt weitere sinnvolle Ziele, etwa in den Bereichen Bildung und Wissenschaft, doch tendenziell wird vom Staat zu viel erwartet, und das gefährdet den allgemeinen Wohlstand und die Demokratie. Ideologische Auswüchse der Linken rufen eine aggressive Rechte auf den Plan – das hatten wir in der Vergangenheit schon mal.

Gibt es im BFI-Bereich zu viele Gesetze?
In den letzten elf Jahren hat die Zahl der eidgenössischen Vorschriften nicht zugenommen. Bei den Querschnittsgesetzen – Datenschutz, Transparenz, Chancengleichheit, Sprachen, Personalstatute, Planung, Finanzkontrolle usw. – sieht es anders aus, sie werden immer umfassender, und deshalb braucht es wieder neue Beamte. Das Problem dabei ist: Man reduziert die Tätigkeit der bestehenden Beamten auf Einzelbereiche und zwingt sie dadurch in die Rolle von Fachidioten.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit zwischen dem Bund und den Kantonen?
Die wichtigste Rolle im Bildungswesen spielen die Kantone. Die Zusammenarbeit hat Höhen und Tiefen. Wenn sich die EDK unter Druck fühlt, neigt sie dazu, einen internen Konsens anzustreben und sich den Bund zum Gegner zu machen. Doch zum Glück passiert das nur selten. Es ist die Subsidiarität, die den Erfolg der Schweiz ausmacht. 1852 lehnte das Parlament eine «eidgenössische Universität» ab und beschloss, nur die Bereiche Technik und Ingenieurwesen zu unterstützen und das Eidgenössische Polytechnikum zu schaffen, das später zur ETH Zürich wurde. Ein Jahrhundert später unterstützte das Parlament die Gründung der ETH Lausanne, weigerte sich aber nach wie vor, bei den anderen kantonalen Hochschulen mitzumischen. Die Zentralmacht muss sich auf das konzentrieren und das gut machen, was auf ihrer Ebene gemacht werden muss.

Was macht den Erfolg der Berufsbildung aus?
Ihre Wirkung. Im Vergleich mit anderen Ländern steigt in der Schweiz die soziale Mobilität von Generation zu Generation. Die Lehre ermöglicht allen eine berufliche Perspektive. Wir kommen ohne die Utopie aus, Chancengleichheit durch Zugang zum Studium für alle zu schaffen. Schauen wir doch ins Ausland: Jugendliche, die ihr Studium abbrechen, haben keine Qualifikationen und bei der – zu hohen – Anzahl derjenigen, die das Studium erfolgreich abschliessen, entscheidet die soziale Herkunft über die berufliche Laufbahn. Das Schweizer Modell setzt mehr auf Erfolg im Leben als auf schulischen Erfolg. Man kann mit Arbeit schon in jungen Jahren etwas erreichen. Wie der Kolonialismus und der Kommunismus gehört auch die «Demokratisierung des Studiums» zu den Katastrophen, die mit besten Absichten ausgelöst wurden.

Geniesst die Berufsbildung in allen Sprachregionen der Schweiz das gleiche Ansehen?
Der Einfluss der Nachbarländer ist schon spürbar. In Kantonen wie Basel-Stadt, Genf und Tessin hat die Berufsbildung einen tieferen Stellenwert, vermutlich, weil es dort einfacher ist, Grenzgänger einzustellen. Warum sollte man ausbilden, wenn man qualifizierte Erwachsene zu tiefen Löhnen einstellen kann?

Welche Rolle spielen die OdA in der Berufsbildung?
Der Schlüssel für den Erfolg des Systems liegt in der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Sozialpartner haben natürlich unterschiedliche Interessen. Wichtig ist aber, dass nicht die Bildung darunter leidet. Nehmen wir als Beispiel den Schutz von Jugendlichen vor gefährlichen Arbeiten. Ein internationales Übereinkommen verbietet gefährliche Arbeiten für Jugendliche unter 16 Jahren. Das steht im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Berufsbildung. Die Arbeitswelt hat einen Kompromiss gefunden und dabei einen Pragmatismus an den Tag gelegt, wie ihn Verwaltung und Politik alleine kaum erreicht hätten.

Welche Erfolge schreiben Sie der Verbundpartnerschaft zu?
In den letzten Jahren wurde viel unternommen, um die höhere Berufsbildung zu stärken. Ein Beispiel ist die Einführung von Finanzbeiträgen an die Vorbereitungskurse auf eidgenössische Prüfungen. Ein weiteres Beispiel ist das Projekt «Berufsbildung 2030», das in vollem Gange ist. Es ist aber noch zu früh, um über Ergebnisse zu sprechen.

Welches sind die grössten Herausforderungen, denen sich die Berufsbildung in Zukunft stellen muss?
Am Ziel der Berufsbildung hat sich nichts geändert. Es gilt, die Bürgerinnen und Bürger für den ständigen Wandel in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu rüsten. In der Schweiz funktioniert das besser als anderswo. Das verdanken wir der betrieblichen Ausbildung, der Qualität unserer Hochschulen und der Nähe zu den regionalen Unternehmen. Die wahre Herausforderung besteht darin, das Bildungssystem so zu gestalten, dass es sich auch weiterhin aus sich selbst heraus verändern kann und nicht ständig von neuen technokratischen Visionen über den Haufen geworfen wird. Dafür braucht es qualifizierte Personen, die sich an vorderster Front engagieren. Und es erfordert Autonomie, Flexibilität und Finanzmittel.

Die Schweiz beteiligt sich an den Programmen der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Welche Rolle spielt dabei das SBFI?
Die Faszination für das Universum und seine Rolle in der Geschichte des wissenschaftlichen Denkens lässt sich nicht leugnen. Bei der Zusammenarbeit mit der ESA betreibt das SBFI hauptsächlich Industriepolitik, indem es Technologievorhaben unterstützt. Die Trägerraketen und Satelliten werden von den Staaten betrieben. Es handelt sich also um Industrielieferungen, die Arbeitsplätze und Fachwissen erfordern.

Auf welche verwirklichten Vorhaben sind Sie stolz?
Ich bin froh, dass ich der Versuchung nie nachgegeben habe, selbst etwas verwirklichen zu wollen. Es sind die Lehrpersonen, die Forschenden und die Unternehmer, die etwas verwirklichen und erreichen. Die Rolle des SBFI besteht darin, einen Rahmen zu schaffen, der sie nicht ausbremst. Das an sich ist eine enorme Leistung.

Gibt es Bildungsmomente, die Ihre Laufbahn geprägt haben?
Ich habe Tessiner Mittelschüler in Griechisch und Mathematik unterrichtet, um mein Studium zu finanzieren. Später leitete ich an der Polizeischule Kurse zum Waffeneinsatz und vermittelte dabei Nichtjuristen komplexe Begriffe wie rechtfertigende Notwehr oder Amtspflicht im Zusammenhang mit dem Risiko einer Tötung. So lernte ich die verschiedenen Facetten des theoretischen und berufsorientierten Unterrichtens selbst kennen.

Haben Sie eine besondere Leidenschaft?
Seit 50 Jahren verfasse ich regelmässig politische Kommentare für Tessiner Leserinnen und Leser: 1968 schrieb ich gegen die marxistische Linke und heute gegen die nationalistische Rechte. In den letzten elf Jahren habe ich weiterhin für eine begrenzte Anzahl Leser geschrieben, manchmal auch unter einem Pseudonym, um meine Funktion verdeckt zu halten.

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