Ausgabe 06 | 2018

BERUFSBILDUNG

Tagung

HBB: Zwischenstand zur Subjektfinanzierung

Seit 2018 können Personen, die sich im Rahmen eines Kurses auf eine eidgenössische Berufs- oder höhere Fachprüfung vorbereiten, beim Bund um finanzielle Unterstützung anfragen. Eine Veranstaltung von «dualstark» zeigte: Das Modell funktioniert. Um die höhere Berufsbildung aber nachhaltig zu stärken, braucht es mehr als zusätzliches Geld.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Die höhere Berufsbildung erfreut sich einer anhaltenden Nachfrage. 2017 wurden 27'938 Diplome oder Fachausweise vergeben, praktisch so viele wie sieben Jahre vorher (28'262). Aber so positiv diese Zahlen klingen: Man kann sie auch kritisch sehen. So zeigt der jüngste Bildungsbericht, dass die höhere Berufsbildung Terrain an die Fachhochschulen verloren hat: 2002 betrug die Zahl der Abschlüsse der höheren Berufsbildung noch das Fünffache der Diplome und Bachelortitel an Fachhochschulen, 14 Jahre später betrug sie nur noch das Eineinhalbfache. «Die höhere Berufsbildung verliert an Dynamik», kommentierte der Projektleiter des Bildungsberichts, Stefan C. Wolter, in PANORAMA 3/2018. Diese fehlende Dynamik der höheren Berufsbildung war einer der Gründe, warum der Bundesrat 2014 ein «Massnahmenpaket zur Stärkung der höheren Berufsbildung» beschloss. Es bestand aus drei Teilprojekten:
1. Massnahmen für eine bessere nationale und internationale Positionierung der Abschlüsse der höheren Berufsbildung.
2. Massnahmen, um das heute teilweise fehlende Steuerungswissen zur höheren Berufsbildung durch bessere statistische Grundlagen zu erweitern.
3. Neue Bundesfinanzierung zugunsten der Kandidierenden von eidgenössischen Prüfungen. Diese Unterstützung ergänzt die schon bestehende Subventionierung der höheren Berufsbildung des Bundes zur Entwicklung und Durchführung von Prüfungen. Zudem beteiligt sich der Bund mit der Pauschalfinanzierung auch an den Kosten der Kantone für die höheren Fachschulen.
Mit der finanziellen Unterstützung von Kandidierenden (Subjektfinanzierung) sollten folgende Ziele erreicht werden:
– Angleichung der finanziellen Belastung der Studierenden auf Tertiärstufe;
– Einrichtung einer schweizweit einheitlichen Unterstützung für Absolvierende vorbereitender Kurse;
– Beitrag zur Deckung des Fachkräftebedarfs (Fachkräfteinitiative);
– Stärkung der höheren Berufsbildung.
Die Einrichtung der Subjektfinanzierung war konzeptionell neu. Sie stiess in der Vernehmlassung auf gewisse Skepsis, so beim Schweizerischen Gewerbeverband, der eine angebotsbezogene Finanzierung forderte. Angezweifelt wurde insbesondere, ob das mit der Selbstdeklaration verbundene Vertrauen in die Anbieterinnen und Nachfrager von vorbereitenden Kursen gerechtfertigt sei.

Gelungener Systemwechsel

Trotz solcher Zweifel hat der Bundesrat die Subjektfinanzierung am 15. September 2017 verabschiedet und Anfang 2018 in Kraft gesetzt. Nach einem knappen Jahr ist eine erste Bilanz möglich, wie eine Veranstaltung des Vereins dualstark vom 23. Oktober 2018 deutlich machte. Als erste Rednerin präsentierte Carole Egger, Projektleiterin Subjektfinanzierung im SBFI, aktuelle Zahlen. Bis Ende September 2018 haben 2150 Personen finanzielle Unterstützung beantragt (76% deutsche Schweiz, 23% Romandie, 1% Tessin). Diese Nachfrage entspricht noch nicht den langfristigen Erwartungen (15'000 bis 18'000 Anträge jährlich). Grund dafür ist, dass in der Übergangsphase noch kantonale Subventionen ausgerichtet werden und die neue Bundesfinanzierung erst für Kurse mit Beginn im Jahr 2017 greift. Da die Kurse in der Regel eineinhalb Jahre dauern, werden die meisten Absolvierenden frühestens im Herbst 2018 zur Prüfung antreten und Bundesbeiträge beantragen. Rund zehn Prozent der Anträge wurden abgelehnt, meist, weil der Kurs oder die Prüfung vor Inkrafttreten der neuen Bestimmungen stattfand. Pro Monat ersuchten rund zwölf Personen um vorschüssige Finanzierung (Auszahlung nicht erst nach Prüfungsende). Diese Zahl ist so tief, weil die vorbereitenden Kurse berufsbegleitend absolviert werden und dadurch meist selbst oder vom Arbeitgeber finanziert werden. Eine Meldeliste zeigt, welche vorbereitenden Kurse es überhaupt gibt. Die Zahl der auf dieser Liste registrierten Bildungseinrichtungen beträgt 640; diese bieten rund 2500 unterschiedliche Kurse an (die Zahl der Einträge liegt bei 4100, da oft auch einzelne Module gemeldet werden). Carole Egger zeigte sich zufrieden mit den ersten Monaten: «Der Systemwechsel ist vollzogen, das Onlineportal funktioniert, auch wenn wir auf eine höhere Anzahl von Anträgen vorbereitet waren.» Eine Evaluation zur Benutzerfreundlichkeit und ein Monitoring, in dessen Rahmen bereits 2017 Absolventen und Absolventinnen befragt wurden, sind geplant. Bis Ende 2019 dürfte die Übergangsphase abgeschlossen sein. Auch die weiteren Referenten bezeichneten den Systemwechsel als gelungen. Daniel Rigotti (Mitglied der Geschäftsleitung KV Business School Zürich) lobte eine «extrem gute Zusammenarbeit aller Beteiligten». Positiv hob er hervor, dass der durch die kantonale Finanzierung entstandene bürokratische Aufwand mit der Bundeslösung massiv reduziert worden und durch die Aufhebung von kantonalen Einschränkungen in der Finanzierung die freie Wahl des Bildungsanbieters für die Interessierten vereinfacht worden sei. Ob das zusätzliche Geld im System das Geschäft belebe, konnte Rigotti aber so wenig wie Carole Egger sagen – für eine Beurteilung sei es noch zu früh. Sicher sei, so Rigotti, dass gewisse Schulen ihre Preise erhöht hätten und der Markt durch die Meldeliste transparenter geworden sei. Abzuwarten sei auch, ob die Quote der Prüfungsversager steigen werde. Es ist möglich, dass die Zahl der Personen, die trotz geringer Erfolgsaussichten zur Prüfung antreten, steigt, da die finanzielle Unterstützung den Prüfungsantritt voraussetzt. Diesen Einschätzungen pflichtete in seinem Referat Jürg Zellweger, Leiter Bildung beim Arbeitgeberverband, bei. Er zeigte sich eher skeptisch, ob durch die zusätzlichen Gelder die Studierendenzahlen tatsächlich steigen werden. Positiv hob er hervor, dass mit der Subjektfinanzierung der «Kantönligeist» Vergangenheit sei. Das fördere die Mobilität und damit den Wettbewerb und die Qualität. Mit der Subjektfinanzierung sei zudem die Aufgabe, Kurse zu regulieren oder Bildungsanbieter akkreditieren zu müssen, elegant vermieden worden – ein Modell, das sich auch in anderen Bereichen bewähren könnte. Zellweger wünschte, dass die Steuerbehörden es akzeptieren, wenn Kursgebühren durch die Arbeitgeber bezahlt werden – und die Subvention trotzdem an die Individuen ausbezahlt würden. Da häufig fehlende Zeit statt fehlende Finanzen einer höheren Berufsbildung im Wege stehen, empfahl Zellweger den Firmen zudem, mit den betreffenden Mitarbeitenden eine Auslegeordnung der finanziellen und zeitlichen Aspekte einer Weiterbildung zu erstellen. Klar aber sei, dass durch die Subjektfinanzierung das Instrument der Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter an die Firma zu binden, etwas schwächer werde.

Weitere Massnahmen nötig

Auch in der anschliessenden Diskussion, an der drei Vertretungen von Prüfungsorganisationen teilnahmen, wurde kaum Kritik am neuen Instrument geäussert. Christine Fürst Rodriguez (SVIT) zeigte sich «überrascht, wie einfach dieses System ist». Ebenso teilten die drei Votanten die Hoffnung des SBFI, dass durch die staatliche Unterstützung die Teilnehmerzahlen steigen. «Der Bedarf nach Qualifizierung ist da», sagte Christina Jacober (SVEB). Fürst Rodriguez erwähnte als Beispiel, dass dank der Subjektfinanzierung die Ausbildung «Immobilienbewerter/in» wieder konkurrenzfähig werde zum Fachhochschul-CAS Immobilienbewertung. Auch Chris Dunkel (HRSE) sieht das so. Er wies aber auch auf die weiteren Aufgaben hin, die die Trägerschaften der Prüfungen, die Prüfungskommissionen und die Lehrgangsanbieter zu erledigen hätten. Auf Nachfrage nannten er und Herbert Mattle, Präsident von dualstark, folgende Entwicklungsaufgaben:
– Die Zusammenarbeit zwischen Verbänden, Schulen und Prüfungskommissionen sei nicht immer gut. Dadurch fehle es oft an einer Auseinandersetzung über methodisch-didaktische Fragen. Der Verband HRSE hat aus diesem Grund 2017 ein erstes Mal einen Roundtable der drei Bildungspartner durchgeführt. «Das sollte man intensivieren», so Dunkel.
– Die eidgenössischen Prüfungen sind in weiten Kreisen noch zu wenig bekannt, nur wenige Schulen oder Verbände präsentieren ihre Bildungsangebote. «Das gilt auch für den HRSE», so Dunkel. Dadurch kennen viele Personalabteilungen die Bildungsgänge und ihre Abschlüsse nicht richtig: «Viele verwechseln HF und FH», so Herbert Mattle. Um das zu korrigieren, sei der nationale Qualifikationsrahmen (NQR) ein gutes Instrument.
– Nach Auffassung von Mattle ist die Zahl der angebotenen Prüfungen zu hoch. Das beschädige den Ruf des Systems. Eine Orientierung an den tatsächlichen Marktbedürfnissen tue in vielen Fällen not.
– Viele Prüfungen werden von mehreren Verbänden getragen. Das mache das System träge, so Mattle. Zudem hätten aufeinander folgende Bildungsstufen nicht immer die gleichen Trägerschaften – eine weitere Erschwernis. Dabei sei die höhere Berufsbildung nur so stark wie die Prüfungen es sind; und diese seien nur so stark wie die Verbände dahinter.

Links und Literaturhinweise

www.dualstark.ch

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