Ausgabe 06 | 2018

Fokus "Mobilität"

Reisen, um zu arbeiten

Viele Beschäftigte pendeln bloss, um fix an einem Ort ihre Arbeit zu verrichten. Andere aber reisen viel und weit für ihre Arbeit. Und Dritte machen sogar eine Philosophie daraus.

Von Andreas Tschopp, freier Journalist, und Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

«Unterwegs sein heisst, den Horizont zu erweitern und frei zu sein», sagt Angela Beltrame, 50. Sie ist Pilotin, Bergsteigerin und Reiseleiterin, und für sie ist das Unterwegssein «längst zu einem Virus geworden». Dafür gebe es nur eine Therapie: unterwegs zu sein. Genau das tut die Tochter eines Italieners aus Südtirol und einer Schweizerin seit gut 30 Jahren. Angela Beltrame machte eine Ausbildung zur Arztgehilfin und lernte gleichzeitig fliegen. Später lernte sie in den USA Englisch und bildete sich als Pilotin weiter, erwarb die Lizenz als Fluglehrerin und stieg dann bei der damaligen Crossair ein. Zuerst flog sie nur in Europa, dann auch Langstrecken. Sie lernte Afrika und Asien kennen und lieben und wurde irgendwann als Reiseleiterin tätig. Ihre erste Expedition führte Angela Beltrame 2003 nach Nepal für eine Erstbesteigung mit ihrem künftigen Ehemann – ein Abenteuer, auf das viele andere folgten. Weil sie ihre Reisen aber immer schlechter mit den Flugplänen unter einen Hut bringen konnte, hörte sie 2013 als Linienpilotin auf. Im Folgejahr führte die passionierte Bergsteigerin eine SAC-Hütte im Berner Oberland und machte «das, worauf ich schon lange Lust hatte». Aber die Arbeit in den Bergen liess sie merken, dass ihr etwas fehlte, sagt Angela Beltrame: «Die täglichen Herausforderungen, der Austausch im Team und die damit verbundene Verantwortung.» So nahm die ausgebildete Fluglehrerin eine neue Arbeit als Dozentin für Aerodynamik und Flug-mechanik in Kloten an. Sie bildet dort für die Swiss Piloten aus – Frauen seien auch heute noch selten dabei –, in einer 60%-Anstellung. «Das passt gut», meint sie mit Blick auf ihre vertraglich festgelegte Jahresarbeitszeit. So arbeitet sie manchmal mehr und verschafft sich damit freie Zeit fürs Reisen. Nächstens steht wieder ein Trekking auf einen 6000er in Nepal an; Angela Beltrame führt im Auftragsverhältnis zwei bis drei solche mehrwöchigen Touren pro Jahr durch. «Die Abwechslung ist das Spannende», beschreibt Angela Beltrame ihre berufliche Situation. Rund 9000 Flugstunden weist ihr Flugbuch aus, und ungezählt sind die Höhenmeter auf ihren Bergtouren und die Kilometer unterwegs. «Nur durch Sehen kann man verstehen», sagt die 50-Jährige. Für Angela Beltrame ist das Reisen «ein Privileg und Luxus».

Digitaler Nomade

Für Cédric Waldburger, 30, ist das Reisen dagegen beruflicher Alltag – und zugleich eine Metapher für die Art, wie er derzeit lebt. Der gelernte Elektrotechniker hat vor bald drei Jahren seine Wohnung aufgegeben und hält sich jetzt kaum je länger als drei bis vier Tage an einem Ort auf. Er schläft im Hotel und bei Freunden, in seiner Reisetasche finden sich gerade mal 49 Dinge, darunter Kleider für eine Woche. Mehr braucht er nicht. Alte Fotos hat er digitalisiert, von anderen Dingen trennte er sich, indem er bewusst losliess. «Viele Menschen setzen sich materielle Ziele und kleben an den Dingen. Ich will vor allem glücklich sein», sagt er. So macht Cédric Waldburger mobiles Arbeiten auch zur Lebensphilosophie: «Zu Hause bin ich dort, wo ich Zeit mit Menschen verbringe, die mir viel bedeuten. Ich brauche kein Nest dafür.» Die Dinge hingegen seien noch nie so rasch verfügbar gewesen, man müsse sie nicht mehr besitzen. Bei Cédric Waldburger ist nicht nur die Arbeit mobil, die Dinge sind es auch. Cédric Waldburger arbeitet derzeit für rund ein Dutzend Projekte oder Firmen. Fünf eigene Start-ups hat er schon gegründet, bei zwölf weiteren half er mit. Immer wieder zog es ihn aber weiter, lernte er neue Leute kennen. «Ich bin extrem neugierig, will neue Dinge ausprobieren, Projekte aus dem Nichts lancieren. Glück bedeutet für mich lernen.» Ein solches Projekt ist auch die Firma Sendtask, die eine App entwickelt, mit der man komplexe Arbeit organisieren kann. Die App ist fast schon selbstreferenziell: Das Team von Sendtask besteht aus zehn Mitarbeitenden aus neun Ländern und hat keine Büros. Man trifft sich auf Sendtask. «Ein Experiment», sagt Cédric Waldburger. Mindestens einmal im Jahr aber treffen sich alle irgendwo auf der Welt und lernen sich kennen, privat, in Teambildungsübungen, beim Entwickeln von neuen Ideen. «Firma heisst auf Englisch company, Gesellschaft», sagt Cédric Waldburger. Ausgerechnet er, der alle drei Tage woanders schläft. Aber das ist für ihn kein Widerspruch, im Gegenteil. Unterwegs sein heisse, sich aufs Wesentliche zu fokussieren. Aber wenn das Wesentliche einmal Kinder seien, nehme er wieder einen festen Wohnsitz. «Dann ist der Nestbau das Wesentliche.»

Explosiv reinigend unterwegs

Nochmals anders unterwegs ist Urs Steiner, 56, der bei der Firma «Bang & Clean» tätig ist. Sie ist spezialisiert auf das Reinigen mit Gasexplosionen – ein Prinzip, das weltweit in über 500 Industrieanlagen angewandt wird. Urs Steiner ist seit elf Jahren für Bang & Clean tätig, zuständig für Verkauf und Lizenzen. Diese Aufgabe führt ihn regelmässig in die USA und nach China zur Schulung von Lizenznehmern. Der gelernte Maschinenschlosser fährt zudem selber für Reinigungseinsätze mit einem Team nach Südspanien oder nach Tschechien. «Es ist ein interessanter Job, der mir immer wieder neue Eindrücke vermittelt», sagt Urs Steiner. Die langen Fahrten ins Ausland – jährlich rund 35'000 Kilometer – findet er allerdings anstrengend. Da die Einsätze vor Ort aber meist nur etwa vier Tage dauerten, hätten sie keine grosse Auswirkung auf die Familie. Nachteilig bei seiner Arbeit sei einzig, kein Hobby pflegen und in keinem Verein mitmachen zu können, der eine regelmässige Anwesenheit bei Trainings oder bei Anlässen erfordere.

Links und Literaturhinweise

Giannelli. V. (2016): Mobil-flexibles Arbeiten – Selbstverwirklichung oder Selbstgefährdung? Masterarbeit. FHNW.
Majkovic, A.-L., Werkmann-Karcher, B., Gundrum, E., Birrer, J., Genner, S., Probst, L., Huber, R., Pfister, A. (2018): IAP Studie 2017 – Teil 2. Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0. Ergebnisse der qualitativen Interviews. Zürich, ZHAW.
Schlatter, Ch. (2018): «Arbeiten im Raum braucht Regeln». In: VPOD-Magazin.

Kasten

Gefühl von Autonomie und Freiheit

Gefährdet man sich selbst, wenn man mobil-flexibel arbeitet? Oder kann man sich so selber verwirklichen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Vanessa Giannelli an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). In ihrer Masterarbeit wollte sie herausfinden, ob Zusammenhänge zwischen mobil-flexiblem Arbeiten und Erschöpfung, Schlafqualität, Work-Life-Balance und beruflicher Isolation bestehen und ob die Persönlichkeit dies beeinflusst. Zusammenfassend lassen die Ergebnisse «darauf schliessen, dass mobil-flexibles Arbeiten sich insgesamt eher positiv auf das Wohlbefinden der Angestellten auswirkt», schreibt die Forscherin. Es sei möglich, «dass schon das blosse Wissen, frei entscheiden zu können, wo oder/und wann man arbeitet, ein Gefühl von Autonomie oder Freiheit vermittelt und so zu weniger Erschöpfung und einer besseren Schlafqualität führt». Sich die Zeit selbstständig einteilen zu können und alleine zu entscheiden, wann und wo man arbeitet, scheine es den Mitarbeitenden tatsächlich zu erleichtern, Arbeit und Freizeit in eine Balance zu bringen, so Giannelli. Sie schränkt ein, dass die Resultate ihrer Studie, bei der die meisten der 499 Befragten zwischen 21 und 30 Jahre jung und kinderlos waren, «mit Vorsicht genossen werden» sollen. Trotzdem sei Flexibilität im Arbeitsalltag für das Wohlbefinden der Mitarbeitenden von grosser Bedeutung, Arbeitgebende sollten «diese Arbeitsform unterstützen sowie im Personalmarketing berücksichtigen». Der Befund wird in einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) bestätigt. Sie ergab, dass für 75 Prozent der Befragten (Fach- und Führungskräfte im Durchschnittsalter von 45 Jahren) die Möglichkeit, mobil-flexibel zu arbeiten, positiv oder eher positiv ist. Nur sieben Prozent empfinden sie als negativ. An der FHNW wird weiter zum Thema geforscht. So schilderte Professor Hartmut Schulze in einem Interview, dass 40 Prozent aller Erwerbstätigen auch zu Hause oder unterwegs arbeiteten. Gleichzeitig wisse man, dass sich knapp 70 Prozent genau dies wünschten. «Bedürfnis und Realität klaffen also auseinander», so Schulze. Klar sei aber auch, dass man beim Homeoffice immer nur über anteiliges Homeoffice spreche. So habe sein Team gefragt: «Nach wie viel Zeit im Homeoffice möchten Sie in die Firma zurückkehren?» Das Ergebnis liegt zwischen einem und anderthalb Tagen.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 3 | 2019 mit dem Fokus «Fachkräftemangel» erscheint am 21. Juni.