Ausgabe 05 | 2018

ARBEITSMARKT

Motivationssemester SEMO Plus

Erste Schritte in Richtung Arbeitswelt

Es gibt Jugendliche, die trotz vieler Bewerbungen keine Lehrstelle finden. Häufig mehrfach belastet, sind manche von ihnen auf niederschwellige Angebote angewiesen, die sie ins Berufsleben führen. Im Kanton Bern gibt es für sie das Motivationssemester SEMO Plus.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Serkan und Jasmin können bald ins SEMO Standard übertreten. Sie haben ihre Grundarbeitsfähigkeit schon fast erreicht. (Bild: Daniel Fleischmann)

Serkan und Jasmin können bald ins SEMO Standard übertreten. Sie haben ihre Grundarbeitsfähigkeit schon fast erreicht. (Bild: Daniel Fleischmann)

Es schmeckt nach Oregano, Basilikum und sieben anderen Kräutern, das «Bieler Kräutersalz». Aber das Salz schmeckt auch nach einer ziemlich guten Idee: Es ist eines der Produkte, die die BioSuisse-zertifizierte Wildstaudengärtnerei der Stifung «Equipe Volo» herstellt. Und hier arbeiten Jugendliche und junge Erwachsene, die nach der obligatorischen Schule oder nach dem Abbruch einer Lehre eine Anschlusslösung benötigen. Ein Brückenangebot also, das Motivationssemester SEMO Plus. Es ist das niederschwelligste der acht Brückenangebote des Kantons Bern (siehe Kasten).

Mehrfach belastete Jugendliche

Jasmin und Serkan sind zwei der derzeit 18 Teilnehmenden in diesem zweisprachigen Programm. Sie arbeiten nicht ungern in der Gärtnerei, auch wenn sie bisher andere Lehrstellen suchten. «Das Arbeiten tut mir gut», sagt Serkan, der sich zwei Jahre lang erfolglos um eine Lehre als Koch bemüht hatte. «Es bringt einfach nichts, zuhause zu bleiben; das Gefühl, nichts zu erreichen, ist schlimm.» Jasmin geht es ähnlich, sie hatte nach einer Lehrstelle im Detailhandel gesucht. Aber sie verliert immer wieder den Boden unter den Füssen: «Manchmal habe ich eine Scheisslaune und es ist für alle besser, wenn ich zuhause bleibe.» Jasmin und Serkan sind psychisch belastet, beide sind in therapeutischer Begleitung, das Netz ihrer Familien ist nicht so stark. Sie haben «Mehrfachproblematiken», wie es im Jargon heisst. Im Motivationssemester SEMO Plus des Kantons Bern werden vor allem Personen unterstützt, die den direkten Berufseinstieg nicht schaffen und nur geringe Selbst- und Sozialkompetenzen besitzen. Zugewiesen werden sie über Triagestellen, die seit 2014 den Überblick über die Profile der Berner Brückenangebote haben. Serkan zum Beispiel stuft sich als sehr sensibel ein: Dass andere schlecht über ihn reden oder denken könnten, findet er verletzend. Jasmin fühlt sich oft unsicher. Nun arbeiten sie drei Tage in der Wildstaudengärtnerei, werden bei der Herstellung der Produkte und der Administration gebraucht oder sind an einem der sechs externen Plätze im Einsatz – im Hausdienst des Bieler Kongresszentrums zum Beispiel. Dabei werden sie von ihrem Coach Jan von Wurstemberger begleitet. Er sagt: «Für die meisten Jugendlichen geht es darum, wieder Freude und Motivation zu finden.» Auch ausdauernd zu sein, sei für viele ein Problem. «Wir ermutigen und trösten, fördern und konfrontieren», sagt von Wurstemberger – und lässt ahnen, wie viel Geduld das oft braucht. «Wir kämpfen immer wieder mit Absenzen.» Eine noch grössere Herausforderung sei zudem die heterogene Zusammensetzung der Gruppe – unterschiedliche Sozialisationen, unterschiedliche Fähigkeiten, unterschiedliche Wohn- und Lebenssituationen. «Keiner der Teilnehmenden ist wie der andere, und wir gehen auf alle individuell ein.» Neben den Praxiseinsätzen erhalten die jungen Leute schulischen Unterricht. Christine Gfeller, Co-Leiterin des Angebots: «Auch hier fördern wir vor allem die alltagspraktischen und persönlichkeitsbezogenen Fähigkeiten. Wir unterstützen die Teilnehmenden, sich Strategien zur Bewältigung des Alltages und Lern- und Arbeitstechniken anzueignen.» Wenn sie motiviert sind und es Sinn ergibt, können die Teilnehmenden zudem individuell an sprachlichen oder mathematischen Themen arbeiten.

Die Hälfte mit Anschlusslösung

SEMO Plus gibt es an vier Standorten im Kanton Bern mit insgesamt 70 Plätzen. 2016/2017 zählte man 125 Teilnehmende. «Im Durchschnitt bleiben sie sechs Monate bei uns, aber das variiert im Einzelfall stark», sagt Christine Gfeller. Jasmin zum Beispiel ist bereits im elften Monat, Serkan erst im vierten. Das minimale Pensum beträgt zu Beginn der Teilnahme 40 Prozent und sollte dann steigen. Ziel des Programms ist das Erreichen einer «Grundarbeitsfähigkeit», die den Jugendlichen ermöglicht, in eine weiterführende Ausbildung oder in ein höherschwelliges Brückenangebot, in der Regel SEMO Standard, einzusteigen. Massgebend sind dabei eine Reihe von Schlüsselkompetenzen, die mehrheitlich erreicht werden müssen: Zuverlässigkeit, Ausdauer, Umgangsformen, Selbsteinschätzung, Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit und Leistungsbereitschaft. Diese Kompetenzen werden via Selbst- und Fremdeinschätzung regelmässig erfasst und mit den Teilnehmenden besprochen. Die maximale Teilnahmedauer (inkl. SEMO Standard) beträgt 22 Monate. Finanziert wird das Angebot für anspruchsberechtigte Jugendliche und junge Erwachsene durch die Arbeitslosenversicherung (ALV). Für nicht anspruchsberechtigte Personen werden die Kosten je hälftig von der ALV und dem Kanton Bern übernommen. Ein Platz bei SEMO Plus kostet 180 Franken pro Tag, bei SEMO Standard 120 Franken. Beim Kanton Bern ist man mit dem Programm zufrieden. Rund die Hälfte der Absolvierenden erreicht das Ziel und findet Anschluss in einem weiteren Brückenangebot, einer Ausbildung oder im Einzelfall im Arbeitsmarkt. Die andere Hälfte bricht das Programm vorzeitig ab – um manchmal nach Monaten wieder zurückzukehren. Anna Leuenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Fachstelle Brückenangebote, sagt: «Durch das SEMO Plus erreichen wir Jugendliche und insbesondere auch junge Erwachsene, die vorher in keinem anderen Brückenangebot Aufnahme fanden oder dort scheiterten. Nach Einschätzung von Fachpersonen würden viel weniger Teilnehmende die Grundarbeitsfähigkeiten erreichen, wenn sie anstelle des SEMO Plus das SEMO Standard besuchen würden.» Eine Evaluation von 2015 ermittelte weitere Vorteile: So sind die Teilnehmergruppen in den SEMO Standard dank SEMO Plus homogener. Zudem konnten die Absolvierenden des SEMO Plus in fünf von sieben dokumentierten Schlüsselkompetenzen Fortschritte erzielen. Auch das Kompetenzraster von Jasmin und Serkan sieht schon ganz gut aus. Beide sind nahe daran, in das SEMO Standard übertreten zu können, sagt Jan von Wurstemberger. Aber noch seien sie zu wenig konstant, und so ganz parat fühlen sie sich auch selber nicht. Jasmin sagt, sie sei nicht sicher, ob sie die Absagen vertrage, die sie auf ihre Bewerbungen erhalten werde. Und Serkan empfindet die Klassenzusammensetzungen des SEMO Standard als zu wenig unterstützend. Schon wahr: Es ist besser, kleine Schritte zu machen als zu fallen.

Links und Literaturhinweise

www.equipe-volo.ch
www.erz.be.ch
www.biz.erz.be.ch
www.edudoc.ch/record/131334

Kasten

Niederschwellige Brückenangebote in anderen Kantonen

Auch in anderen Kantonen gibt es niederschwellige Brückenangebote für Jugendliche mit Mehrfachproblematiken. Dies zeigt eine Zusammenstellung des Informations- und Dokumentationszentrum IDES der EDK zu den kantonalen Brückenangeboten:
– Das Werkjahr im Kanton Aargau nimmt Schülerinnen und Schüler (der obligatorischen Schule) auf, welche wegen zu schlechten Leistungen weder in die 3. Realschulklasse noch in ein Berufswahljahr eintreten können (www.ag.ch/de/bks/bks.jsp > Suche: Zusätzliche Angebote).
– Im Kanton Basel-Stadt gibt es die Kombi-Brückenangebote «Prima» und «Praxis» für Jugendliche mit einer Empfehlung der IV oder Jugendliche, die zusätzliche Unterstützung benötigen (www.mb.bs.ch > Schulen > Brückenangebote).
– Im Kanton Freiburg gibt es das Brückenangebot «Avenir 20–25» (www.fr.ch/pfj/fr/pub/avenir-20-25.htm).
– Im Kanton Solothurn gibt es das Brückenangebot «Startpunkt Wallierhof» (www.startpunktwallierhof.ch). Im Gegensatz zum Kanton Bern werden diese Angebote aber nirgends über die Arbeitslosenversicherung mitfinanziert. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Kasten

Wie Bern seine Brückenangebote bündelte

Im Kanton Bern existieren acht verschiedene Brückenangebote – vom berufsvorbereitenden Schuljahr «Praxis und Integration» über die Vorlehre bis zum Motivationssemester SEMO. Für die Zuweisung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind in der Regel Klassenlehrpersonen sowie regionale Triagestellen zuständig, die Teil des Case Managements Berufsbildung sind. Diese Angebots- und Organisationsstruktur ist das Ergebnis des Projekts «Koordination Brückenangebote Kanton Bern (KoBra)» der Erziehungsdirektion, Volkswirtschaftsdirektion und Gesundheits- und Fürsorgedirektion, das 2014 abgeschlossen wurde. Damit konnten sämtliche Brückenangebote unabhängig von ihrer Finanzierung in einer Hand gebündelt werden. KoBra zielte zudem auf eine Steigerung der Zahl der Jugendlichen, die den Direkteinstieg in die Sekundarstufe II schaffen. Diese Zahl ist von gut 70 Prozent (2008) auf 82 Prozent (2018) gestiegen.

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