Ausgabe 05 | 2018

BERUFSBERATUNG

Kanton Genf

Die obligatorische Ausbildung bis 18 Jahre ist lanciert

Zum Schuljahresbeginn 2018 hat der Kanton Genf die Ausbildungspflicht bis 18 Jahre eingeführt. Begleitet wird sie von mehreren Massnahmen und neuen Strukturen, die Ausbildungsabbrüchen vorbeugen und Jugendliche in schwierigen Situationen unterstützen sollen.

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Léna hat letztes Jahr eine Vorbereitungsklasse für eine Fachmittelschule besucht. Es gelang ihr jedoch nicht, die schulischen Lücken zu schliessen oder sich für ein Berufsziel zu entscheiden. So stand sie am Ende des Schuljahrs ohne Anschlusslösung da. Im Hinblick auf die Ausbildungspflicht erfassten die Genfer Bildungsinstitutionen der Sekundarstufe II im Januar 2018 alle Jugendlichen in schwierigen Situationen, um sicherzustellen, dass diese im nächsten Schuljahr eine Ausbildung aufnehmen oder weiterführen können. Auch Léna gehörte zu dieser Gruppe und wurde mit ihren Eltern an eine Beratungsstelle verwiesen, die Jugendliche bei der Suche nach passenden Anschlusslösungen unterstützt. Seit Schuljahresbeginn besucht Léna nun eine Praktikumsklasse für Schülerinnen und Schüler, die noch kein Berufsziel haben. Während sechs Monaten absolviert sie jeweils zweiwöchige Schnupperlehren in verschiedenen Berufsbildungszentren. An einem Tag pro Woche geht sie in die Schule, wo sie ihre Kenntnisse in Französisch, Mathematik und Allgemeinbildung erweitert, an Berufswahlworkshops teilnimmt und von einem Berufsberater begleitet wird. Nach diesem ersten Halbjahr absolviert Léna dann Vertiefungspraktika in den Bereichen, die sie am meisten interessieren. Das Ziel ist, dass sie ein Berufsziel erarbeitet, ihr Grundwissen ausbaut und letztlich den Weg in eine Ausbildung findet.

Vorberufliche Bildung in Modulen

28 Prozent der Jugendlichen unter 18 Jahren, die im Kanton Genf ein Brückenangebot besuchen, brechen ihre Ausbildung danach ab. Im Schuljahr 2015/16 hatten laut einer Erhebung 530 Minderjährige auf Sekundarstufe II keine Ausbildungslösung für das folgende Schuljahr. 290 von ihnen besuchten ein Brückenangebot (Vorbereitungs-, Übergangs- oder Integrationsklasse) und 233 eine qualifizierende Ausbildung (100 eine Fachmittelschule, 48 eine gymnasiale Mittelschule und 85 eine duale berufliche Grundbildung oder eine Handelsmittelschule). «Sie hatten das erste Jahr nicht geschafft oder schon mehrere verschiedene Ausbildungen angefangen und standen nun ohne Lösung da», erläutert Aurore Duteil, stellvertretende Generalsekretärin des Genfer Departements für Erziehung, Bildung und Jugend (DIP). Die betroffenen Jugendlichen sind mit ganz unterschiedlichen Schwierigkeiten konfrontiert, die meist mehrere Ebenen umfassen (Schule, familiäre und sozioökonomische Situation, körperliche oder psychische Gesundheit usw.). «Bisher waren Brückenangebote auf ein Jahr beschränkt», erinnert Duteil. «Wir haben diese Beschränkung aufgehoben, damit Schülerinnen und Schüler, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, die Vorbereitungszeit verlängern können.» Das bisherige Zentrum für Brückenangebote (Centre de la transition professionnelle) wurde in Zentrum für vorberufliche Bildung (Centre de formation préprofessionnelle) umbenannt. Der neue Name ist Programm: Die Schüler/innen befinden sich nicht mehr in einer unbestimmten Überbrückungssituation, sondern in einem Vorkurs, der in eine Ausbildung mündet. «Unser Ziel ist, dass die Vorkurse tatsächlich zu einem Abschluss, mindestens aber zu einem Kompetenznachweis führen», erklärt Duteil. «Wir setzen auf einen individualisierten Ansatz mit regelmässigen Standortbestimmungen: vom Einstiegskurs, in dem ein Berufsziel erarbeitet wird, über verschiedene Schnupperlehren und Praktika bis zum Abschluss eines passenden Lehrvertrags.» Dank der modularen Kursstruktur können auch während des Schuljahrs neue Jugendliche aufgenommen werden. Dadurch wird das Angebot sehr durchlässig und die Schülerinnen und Schüler können die Abfolge der Kurse und Module auf ihr Profil und ihre Bedürfnisse abstimmen.

Bessere Prävention

In keinem anderen Kanton haben so wenige Jugendliche mit 25 Jahren eine Erstausbildung auf Sekundarstufe II abgeschlossen wie in Genf: Während der Schweizer Durchschnitt 2015 bei fast 90 Prozent lag, waren es im Kanton Genf nur 83 Prozent. «Dafür zu sorgen, dass mehr Jugendliche einen Abschluss auf Sekundarstufe II erlangen, ist ein Hauptgrund für die Einführung der Ausbildungspflicht bis 18 Jahre», sagt Duteil. Deshalb liegt der Schwerpunkt der Massnahmen auch auf der Prävention von Schul- oder Lehrabbrüchen und auf der Unterstützung von Jugendlichen in schwierigen Situationen. So wurde in jeder Bildungsinstitution der Sekundarstufen I und II eine Ansprechperson für die Umsetzung der neuen Ausbildungspflicht benannt, in der Regel ein Mitglied der Schulleitung. Diese Ansprechperson unterstützt die Klassenlehrer, Berufsberaterinnen und Sozialarbeiter bei der Begleitung von gefährdeten Schülerinnen und Schülern. Die Fachmittelschulen und das Zentrum für vorberufliche Bildung haben zudem Eingliederungsberater eingestellt. Auf Sekundarstufe I läuft in Schultypen mit Grundanforderungen ein Pilotprojekt, bei dem rund 20 Jugendliche in schwierigen Situationen Unterstützung erhalten. Ab Mitte des letzten Volksschuljahres erhalten sie nicht nur individuellen Nachhilfeunterricht, sondern auch Begleitung bei der Erarbeitung eines Berufsziels. Sie absolvieren Stützunterricht in Mathematik und Französisch, drei dreiwöchige Schnupperlehren in einem Berufsbildungszentrum sowie eine Schnupperlehre in einem Betrieb. Daneben wurde das Projekt «Go-Apprentissage», bei dem die Schüler/innen des neunten Schuljahrs von einem Lehrstellenberater oder einer Lehr- stellenberaterin betreut werden (siehe PANORAMA 1/2018), von vier auf acht Schulen erweitert. Schliesslich soll ab 2019 auch der Berufswahlunterricht ausgebaut werden und schon im achten Schuljahr beginnen.

Hilfe für Abbrecher/innen

Ebenfalls ausgebaut wurde die institutionsübergreifende Massnahme «CAP Formations». Das 2013 eingeführte Programm, in dem 15- bis 25-jährige Jugendliche nach einem Ausbildungsabbruch betreut werden, hat drei zusätzliche Beratende eingestellt. «Dadurch konnten wir eine Kontaktstelle schaffen und den Jugendlichen schon beim Erstkontakt ein Gespräch mit einem Berufsberater ermöglichen», erklärt Harold Martin, Leiter von CAP Formations. So erfolgt gleich zu Beginn eine individuelle Standortbestimmung, bei der die Hürden für eine Ausbildung, die persönlichen Voraussetzungen und Schwierigkeiten analysiert und in Zusammenarbeit mit anderen Ämtern oder Fachleuten passende Massnahmen vorgeschlagen werden. «Wir suchen für alle Teilnehmenden die beste Lösung, begleiten und beraten sie individuell. Die zuständige Beratungsperson koordiniert die Massnahmen. Das Ziel ist die Unterzeichnung eines Lehrvertrags innerhalb von vier Monaten», ergänzt Martin. Zwei Drittel der von CAP Formations betreuten Personen sind 17 Jahre alt oder älter. Nach der Pilotphase im Jahr 2017 wird das Programm nun weitergeführt. Es umfasst eine Auffrischung der Schulbildung, individuelle Begleitung sowie gemeinsame Workshops zu Themen wie «Mit Stress umgehen», «Selbstvertrauen aufbauen», «Vorstellungsgespräche trainieren» usw. Die Workshops werden vom Berufsberatungszentrum «Cité des métiers» in Zusammenarbeit mit externen Kursleiterinnen und Berufsberatern angeboten. Im Oktober 2018 beginnen 40 Jugendliche die Massnahme, im Januar und März 2019 steigen je 40 weitere Jugendliche ein. Das Programm arbeitet auch mit Institutionen und Gemeinden zusammen, die berufliche Unterstützungs- und Eingliederungsmassnahmen anbieten.

Die Arbeitswelt einbeziehen

Um die Umsetzung dieser Massnahmen sicherzustellen, verfügt das DIP für das Schuljahr 2018/19 über ein zusätzliches Budget für 400 Schüler/innen, das heisst für neue Lehrer-, Erzieher- und Beraterstellen im Umfang von 34 Vollzeitäquivalenten. Zudem konnte das Departement drei weitere Beratende für CAP Formations und vier Beratende für Go-Apprentissage einstellen. Die neuen Dienstleistungen werden vom Amt für Bildungsforschung fortlaufend evaluiert. Ansonsten wird das Projekt mit dem bestehenden Personal bestritten: mit Lehrern, Schulleiterinnen, Berufsberatern, Sozialarbeiterinnen und Heilpädagogen. Die Arbeitswelt ist noch sehr wenig in die Massnahmen eingebunden. Das Projekt sei noch in der Anfangsphase und werde nach und nach weiterentwickelt, sagt Duteil. Der Dialog mit den Arbeitgebern wurde aber im Rahmen eines tripartiten Bildungsrats (mit Vertretungen des Kantons, der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerschaft) bereits aufgenommen. Schliesslich leisten Unternehmen und Berufsverbände durch die Bereitstellung von Lehrstellen einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Ausbildungspflicht bis 18 Jahre. Und auch für die Betreuungsangebote für Jugendliche, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, sind sie wichtige Partner.

3 Fragen

«Das EBA-Potenzial nutzen»

Jean-Pierre Cattin, Amt für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung (OFPC) des Kantons Genf

(Bild: zvg)

Wie ist die Berufsberatung in die neuen Angebote involviert? Die Berufsberater/innen begleiten alle Schüler/innen in schwierigen Situationen, die sich neu orientieren müssen. Vier Beratende sind an einem Tag pro Woche für das modulare Angebot des Zentrums für vorberufliche Bildung tätig. Wir arbeiten auch schon länger mit dem Programm CAP Formations zusammen, das Jugendliche ohne Ausbildungsplatz oder mit unklarem Berufsziel an unsere Fachstelle Tremplin-Jeunes verweist.

Verfügen Sie dafür über zusätzliche Mittel?
Wir konnten das Angebot Go-Apprentissage ausbauen und vier zusätzliche Lehrstellenberatende mit 70 Stellenprozenten einstellen. Für das Modulprogramm mit den Schnupperlehren ist bis 2018 eine 80-Prozent-Stelle garantiert. Doch an den gymnasialen Mittelschulen verfügen wir mit einem Beratungspensum von 20 Prozent nicht über ausreichend Kapazität, um alle Schüler/innen zu betreuen.

Welche weiteren Massnahmen schlagen Sie vor?
Es ist sicher hilfreich, Eingliederungsberatende beizuziehen. Die wahre Herausforderung ist jedoch, das Potenzial der EBA- Ausbildung besser zu nutzen. Die Brückenangebote bieten eine schulische Vollzeitausbildung, die von den Jugendlichen und ihren Eltern oft als attraktiver wahrgenommen wird. Das senkt die Motivation, eine duale berufliche Grundbildung aufzunehmen.

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