Ausgabe 05 | 2018

BERUFSBERATUNG

«Hirschi-Bericht»

Die BSLB soll vielfältiger werden

Im Auftrag des SBFI hat Andreas Hirschi einen Bericht zur Zukunft der schweizerischen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) verfasst. PANORAMA hat den Autor, das SBFI, die KBSB und die EDK zu ausgewählten Aspekten befragt.

Von Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Andreas Hirschi, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Bern, hat im Auftrag des SBFI einen Bericht über die zukünftige Rolle der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) verfasst. Hintergrund ist der Strategieprozess «Berufsbildung 2030», den die Verbundpartner der Berufsbildung 2016 lanciert haben. «Es freut mich sehr, dass die BSLB in diesem Prozess eine eigene strategische Leitlinie erhalten hat und diese sogar priorisiert wird», sagt Katrin Frei, Ressortleiterin Berufsbildungspolitik im SBFI. Im Zusammenhang mit der Frage, wie das Bildungssystem für die Bevölkerung begreifbar gemacht werden könne, ist die BSLB in den Fokus der Überlegungen der Verbundpartner gerückt.

Von der Wiege bis zur Bahre

«Der Bericht zeigt in einer guten Synthese den Paradigmenwechsel von Information und Entscheidungshilfe zur umfassenden und aktiven Förderung der Laufbahnkompetenzen», sagt Daniel Reumiller, Präsident der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB) und Leiter der BIZ des Kantons Bern. Gemäss Bericht wird die BSLB bei Megathemen wie der alternden Bevölkerung, Digitalisierung, Immigration und Integration eine wichtige Rolle spielen. «Diese Rolle kann die BSLB nur dann einnehmen, wenn sie die ganze Breite der Klientel, sowohl altersbezogen als auch thematisch bedient», sagt Autor Andreas Hirschi. Wenn man schaue, wie viele über 50-Jährige tatsächlich beraten würden, werde diese Idee noch nicht konsequent umgesetzt. Die Breite müsse in der BSLB und in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Selbstverständlichkeit werden und sich in Angeboten zeigen. Sabina Giger, Projektleiterin BSLB im SBFI, sagt dazu: «Kompetenzen zur Laufbahngestaltung können bereits Kindergartenkindern auf spielerische Art vermittelt werden, indem die Aufmerksamkeit gegenüber den eigenen Fähigkeiten gefördert wird.» Daniel Reumiller findet, dass «es das ganze Spektrum braucht, insbesondere auch zielgruppenspezifische Angebote, zum Beispiel für Leute über fünfzig», und Katrin Frei fasst zusammen: «Es geht um die ganze Lebensspanne, sozusagen von der Wiege bis zur Bahre.»

Die Rolle des Bundes

Hirschi findet, dass die potenzielle Vielfalt der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung im Gesetzestext abgebildet werden sollte. Susanne Hardmeier, Generalsekretärin der EDK, unterstützt diesen Vorschlag nicht: «Es ist an den Kantonen, die für sie richtigen Entscheidungen zu treffen und in ihren Rechtsgrundlagen zu verankern.» Bisher hat der Bund nur sehr allgemeine Grundsätze festgelegt, die Verantwortung und Umsetzung sowie die Finanzierung der BSLB liegen bei den Kantonen und beim SDBB. Daniel Reumiller sagt dazu: «Es wäre vielleicht hilfreich, wenn das Gesetz auf Bundesebene expliziter wäre. Das aktuelle Gesetz ermöglicht aber auch einen grossen Gestaltungsspielraum. Bei einer gesetzlichen Anpassung würde sich die Frage stellen, welche Rolle dem Bund zukommt und unter welchen Bedingungen er sein Engagement ausbauen würde.» Katrin Frei stellt fest, dass im SBFI die Bereitschaft vorhanden ist, über Anpassungen zu diskutieren. Chancen und Risiken müssen jedoch mit allen Verbundpartnern abgesprochen werden.

Zukunftsgerichtete Leistungen

Der Bericht betont, dass für die Unterstützung von Jugendlichen die intensive Zusammenarbeit zwischen der BSLB, den Lehrpersonen und den Eltern elementar und zielführend ist. Neben der Frühsensibilisierung zur Berufswahl soll bereits bei Jugendlichen auf das Erlernen von Kompetenzen zur Laufbahngestaltung geachtet werden. Diese Kompetenzen lauten: Ziele setzen und deren Umsetzung planen, mit Rückschlägen umgehen, persönliche und soziale Ressourcen identifizieren, Informationen einholen und gewichten. Für die Beratung von Erwachsenen empfiehlt Hirschi einen holistischen Ansatz. Die BSLB solle Erwachsene beim Umgang mit Informationen, Unsicherheiten und Belastungen unterstützen und die Arbeitsmarktfähigkeit (Kompetenzen, soziale und psychologische Ressourcen) fördern. Zur Erreichung dieser Ziele fordert der Autor Vielfalt in Bezug auf die Instrumente (z. B. Gespräche, Tests), die Formate (z. B. Online-Angebote, Kurse) und in Bezug auf Zeit und Ort der Beratung. Damit die BSLB als Kompetenzzentrum wahrgenommen werde, müsse ausserdem die Neutralität gewährleistet bleiben. Dies stehe nicht im Widerspruch zu einer aufsuchenden Beratung innerhalb von Unternehmen. Weiter empfiehlt Hirschi virtuelle Beratungsangebote sowie das Nutzen von Algorithmen und automatisierten Beratungssystemen. Schliesslich brauche es vermehrt eine systematische Konzeption von Leistungen, die auf spezifische Bedürfnisse und Zielgruppen zugeschnitten sind.

Prioritäten noch offen

Noch ist nicht definiert, welche Angebote prioritär behandelt werden sollen. Vorher brauche es den Abgleich mit der Realität, sagt Sabina Giger. Erste Ansätze lassen sich aber erkennen: «Für das SBFI ist lifelong guidance parallel zu lifelong learning ein wichtiges Thema, mit entsprechenden Angeboten für jedes Alter», sagt Katrin Frei. Man wolle aber keine Abhängigkeiten schaffen und die Leute nicht zwingen, jährlich in die Laufbahnberatung zu gehen. Die Begleitung von Menschen, die sich Bildungsleistungen anerkennen lassen möchten, ist ihr ein Anliegen, und sie könnte sich auch vorstellen, dass die BSLB als Ansprechpartner für die Personalentwicklung in KMU wirken könnte. Sabina Giger ergänzt: «Man muss die Angebote zielgruppenorientiert definieren, die Methodenvielfalt ausbauen und vermehrt digitale Beratung und Gruppenprozesse einfliessen lassen».

Nicht stehen bleiben

Daniel Reumiller bilanziert: «Wir haben in der BSLB viele Angebote entwickelt, auf die wir stolz sein können, aber das darf uns nicht davon abhalten zu fragen: Wie viel ist das in fünf oder zehn Jahren noch wert?» Gefordert seien gemeinsame Überlegungen der Kantone, was wichtig sei. Und nicht alles müsse in jedem Kanton angeboten werden. So brauche es etwa im Bereich Social Media gemeinsame Strategien. Reumiller verweist in diesem Zusammenhang auf das aktuelle KBSB-Projekt «Information Beratung 4.0», das Grundlagen für neue Settings schaffen soll. Die skizzierten Entwicklungen der Angebotspalette hätten auch Auswirkungen auf die Ausbildung der Beratungspersonen. Alle Befragten sind sich darin einig, dass bei einer Erweiterung des Angebots eine Spezialisierung der Beratungspersonen notwendig werde. Diskutiert wird, dass sich Beratungspersonen nach einer Grundausbildung in Modulen spezialisieren könnten.

Kostenpflicht: ja oder nein?

Der Bericht von Hirschi äussert sich auch zur Frage der Kostenpflicht. «Wirtschaftlich lässt sich nicht argumentieren, was Luxus und was Grundangebot ist», sagt der Autor und empfiehlt, dass die Angebote der BSLB für die Bevölkerung kostenlos seien. Katrin Frei findet, dass Angebotskosten zielgruppenorientiert definiert werden sollten und eventuell mit Online-Angeboten Geld gespart werden könnte. Ausserdem sagt Frei: «Die Kostenpflicht hängt mit den gesetzlichen Grundlagen zusammen.» Susanne Hardmeier hält fest: «Die Kostenpflicht ist ein politischer Entscheid, die Zuständigkeit liegt daher bei den Kantonen.» Das föderale System fördere einen zweckmässigen und kompetitiven Ansatz. Hardmeier weist zudem darauf hin, dass in den Kantonen sehr viele Akteure in die Lösungen einbezogen werden müssen, beispielsweise Arbeitsmarktbehörden, soziale Ämter und Anbieter aus der Privatwirtschaft.

Bestandesaufnahme geplant

«Wir planen als nächsten Schritt, zusammen mit der EDK ein Mandat zum Entwicklungs- und Koordinationsbedarf der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung zu vergeben. Wenn die Resultate vorliegen, können wir die künftigen Stossrichtungen bestimmen und schauen, was das für die Zukunft der BSLB und für die Ausbildungen bedeutet», beschreibt Sabina Giger die nächsten Schritte. Katrin Frei ergänzt: «Der Hirschi-Bericht zeigt eine Vision auf. Eine Bestandesaufnahme wird klären, welche Themen und Projekte man in Angriff nehmen muss.» Diese Bestandesaufnahme unterstützt auch Daniel Reumiller: «Wir müssen mit Experten das bestehende Angebot überkantonal prüfen und Rahmenbedingungen wie die Finanzierung, die Weiterbildung und die Kommunikation klären.»

Links und Literaturhinweise

www.sbfi.admin.ch/berufsbildung2030

Kasten

Die Empfehlungen des «Hirschi-Berichts»

1. Die BSLB soll als eine methodisch und inhaltlich vielfältige Dienstleistung verstanden werden, welche alle Personen bei der aktiven Gestaltung ihrer individuellen Erwerbsbiografie über das ganze Erwerbsleben hinweg unterstützt und begleitet.
2. Die BSLB muss nebst Bedürfnissen der Informationsvermittlung und Hilfe bei Ausbildungs- und Berufsentscheidungen auch Bedürfnisse zur Entwicklung und Aufrechterhaltung einer nachhaltigen Arbeitsmarktfähigkeit und Arbeitsfähigkeit, der flexiblen Gestaltung einer individuell sinnvollen Erwerbsbiografie und der persönlichen Potenzialentfaltung erfüllen können.
3. Die BSLB sollte für wesentliche Zielgruppen bei Jugendlichen, Erwachsenen und Unternehmen interkantonal koordinierte, systematisch geplante und evaluierte Angebote entwickeln, welche vielfältige Instrumente, Methoden und Formate einsetzen, inklusive eines vermehrten Einsatzes von internetbasierten Angeboten.
4. Die Kostenpflicht für Leistungen der BSLB sollte abgeschafft werden, da diese zu einer systematischen Unterversorgung von bestimmten Personengruppen führen kann. Anstelle von Kostenpflicht für gewisse Leistungen sollte ein bedürfnisorientiertes Leistungsangebot entwickelt und angewendet werden.
5. Die BSLB sollte als ein breit aufgestelltes Kompetenzzentrum mit vielfältigen Dienstleistungen in der Öffentlichkeit und bei Unternehmen positioniert werden. Hierzu wird eine Anpassung der gesetzlichen Grundlagen für die BSLB empfohlen.
6. Aufgrund einer weiter zunehmenden Systemrelevanz der BSLB sollten vermehrte Investitionen und Anstrengungen zur (Weiter-)Entwicklung von diversen Leistungen der BSLB erfolgen.
7. Es sollte ein national getragenes Rahmenprogramm für Ziele, Dienstleistungen und Ausbildungen in der BSLB entwickelt werden, das die vielfältigen Aufgaben und Leistungen der BSLB im schweizerischen Kontext berücksichtigt.

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