Ausgabe 05 | 2018

BERUFSBILDUNG

Laufbahnstudie

Der Ausbildungsberuf ist wegweisend

1978 wurden 15-jährige Jugendliche aus der Deutschschweiz ein erstes Mal zu beruflichen Themen befragt – und seither zehnmal wieder, letztmals 2015 im Alter von 52 Jahren. Heute lassen sich aus den Erhebungen berufliche Laufbahnmuster erkennen.

Von Kurt Häfeli und Claudia Schellenberg, Hochschule für Heilpädagogik, Zürich

Die Analyse der rund 800 Lebensläufe zeigte für Frauen und Männer je sechs unterschiedliche Laufbahnmuster.

Berufliche Laufbahnmuster bei Frauen

Bei den Frauen verlaufen vier der sechs Muster kontinuierlich. So steigen viele Frauen früh in den Dienstleistungssektor ein und bleiben meist in Berufen der Gesundheit, des Sozialwesens oder von Büro und Verkauf. Viele Frauen unterbrechen die Berufstätigkeit wegen ihrer Mutterschaft; manche tun dies sogar sehr lange. Nach solch längeren Unterbrüchen gestaltet sich der Wiedereinstieg nicht immer einfach und es können Einstiege in tiefer qualifizierte Tätigkeiten notwendig sein. Im Einzelnen können die Laufbahnmuster der Frauen wie folgt beschrieben werden:
Stabilität 1: Anspruchsvolle Berufe: Diese grösste Gruppe umfasst 32% aller Frauen. Die meisten starten ihre berufliche Karriere in einem anspruchsvollen Beruf (kaufmännische Berufe, Gesundheitsberufe) und behalten diesen; rund ein Viertel gelangt über anforderungsreiche Zweitausbildungen in diese Gruppe. Manche Frauen dieser Gruppe schalten für kürzere Zeit eine Familienphase ein und steigen dann wieder in denselben Beruf oder dasselbe Berufsfeld ein.
Stabilität 2: Verkauf, Dienstleistungen: In dieser Gruppe (20%) finden sich viele Verkäuferinnen, aber auch Coiffeusen, Servicefachangestellte, Kleinkindererzieherinnen und Berufe im administrativen oder gewerblichen Bereich. Die Familienphase dieser Gruppe ist am ausgeprägtesten, sieht man von den «Familienfrauen» ab. Danach nehmen viele ihre vorherige oder eine ähnliche Tätigkeit wieder auf.
Stabilität 3: Lehr- und Sozialberufe: In dieser Gruppe (14%) finden sich viele Lehrerinnen oder Angehörige sozialer Berufe sowie einzelne Akademikerinnen. Die Gruppe zeichnet sich durch eine grosse Kontinuität in der beruflichen Tätigkeit aus. Wenn überhaupt, unterbrechen die meisten ihre Berufstätigkeit nur kurz oder reduzieren ihr Pensum vorübergehend aufgrund familiärer Verpflichtungen. Manche bilden sich weiter und spezialisieren sich (zum Beispiel in Richtung schulische Heilpädagogik).
Stabilität 4: Bürokräfte und verwandte Berufe: Diese kleine Gruppe (7%) hat meist eine Ausbildung als Büroangestellte, Betriebsassistentin bei der Post oder bei den SBB oder im Schalterdienst bei der Post absolviert. Manche unterbrechen ihre Berufstätigkeit wegen Mutterschaft und steigen später wieder ein. Mit 52 Jahren sind fast alle noch in ihrem Berufsfeld tätig.
Familienfrauen: Jede fünfte Frau unterbricht für längere Zeit die Berufstätigkeit. Vor und nach der Familienphase ist diese Gruppe meist berufstätig, und zwar in einem breiten Spektrum an Berufen: Verkauf/Dienstleistungen, KV/Büroangestellte, Gesundheit. Viele steigen im selben Beruf wieder ein, einige aber auch in weniger qualifizierte Tätigkeiten; ein Viertel bleibt dauerhaft zuhause.
Führungskräfte: Diese heterogene Gruppe (7%) startet ihre Karriere mit einer Berufslehre (vor allem kaufmännische Grundbildung, Gesundheit, Gastgewerbe und Verkauf). Zwei Drittel bilden sich danach weiter und übernehmen ab dem Alter von 30 bis 35 Jahren Leitungspositionen. Wichtige Determinanten für dieses Muster sind ein grösseres Arbeitspensum, eine tiefere Anzahl Kinder und höhere Investitionen in die Aus- und Weiterbildung.

Berufliche Laufbahnmuster bei Männern

Bei Männern sind bei vier der sechs Muster Berufs- und Tätigkeitswechsel häufig. Die meisten Männer starten mit einer Lehre in einem handwerklichen oder technischen Beruf, viele von ihnen bewegen sich dann zwischen 20 und 35 Jahren in Richtung Spezialisierung oder Aufstieg (mittleres oder höheres Kader). Entscheidend sind dabei die schulischen Voraussetzungen und die kognitiven Fähigkeiten, aber auch Durchsetzungsfähigkeit und berufliche Anpassungsfähigkeit. Viele Männer bilden sich weiter. Knapp ein Drittel aller Männer bleibt in Berufen mit tiefen oder mittleren Anforderungen und weist ein eher problematisches Profil mit tiefen Löhnen und entsprechender Unzufriedenheit auf. Die Gruppe der handwerklich-technischen Berufe beklagt sich zudem über gesundheitliche Probleme, wahrscheinlich mitverursacht durch jahrzehntelange körperliche Beanspruchung. Im einzelnen können die Laufbahnmuster der Männer wie folgt beschrieben werden:
Aufstieg 1: Führungskräfte: 28% der Männer gehören zu diesem Laufbahnmuster. Fast alle von ihnen starten mit einer Berufslehre, viele davon in einem anspruchsvollen Beruf: Kaufmann, Zeichner/Konstrukteur, Chemielaborant, mechanische Berufe, aber auch gewerblich-handwerkliche Berufe. Fast drei Viertel absolvieren dann zwischen 20 und 30 Jahren eine weitere Ausbildung (höhere Berufsbildung oder Fachhochschule).
Aufstieg 2: Professionals/akademische Berufe: Diese Gruppe (20%) ist heterogen zusammengesetzt: Neben Lehrpersonen und sozialen Berufen finden sich Inge-nieure, Architekten, Informatiker oder Ärzte in Positionen wie Projektleiter, Teamleiter, Dienstchef oder Fachexperte. Nur 20% steigen über eine Maturität und ein Studium in ihren Beruf ein. Die anderen absolvieren zuerst eine – meist anspruchsvolle – Berufsbildung. Später studieren sie dann vorwiegend an einer Fachhochschule.
Aufstieg 3: Mittleres Kader (Techniker und andere anspruchsvolle Berufe): Auch in dieser Gruppe (23%) wird meist in einer anderen Berufskategorie gestartet als in der später eingenommenen Position: Handwerkliche, gewerbliche und technische Lehren stehen meist am Anfang. Anschliessend absolviert knapp die Hälfte eine Zweitausbildung. In der zweiten Hälfte der Berufskarriere werden dann Positionen wie Vorarbeiter, Werkmeister, Polier oder technischer Spezialist eingenommen.
Wechsel: Diese kleine Gruppe (6% aller Männer) umfasst vor allem Chauffeure (Lastwagen, Bus, Tram) und Lokomotivführer. Diese Berufe können nicht direkt nach der obligatorischen Schule erlernt werden, bedingen also eine Erstausbildung in einem anderen Beruf – häufig im technischen oder handwerklichen Bereich.
Stabilität 1: Handwerkliche und verwandte gewerblich-technische Berufe: Die Berufe dieser Kategorie sind bei den Männern zu Beginn der Laufbahn mit Abstand am beliebtesten. Allerdings verlassen viele ihren Lehrberuf, um sich zu spezialisieren, weiterzuqualifizieren oder aufzusteigen. So verbleiben nur gerade 17% aller Männer in ihren ursprünglichen Berufen wie etwa Maurer, Gärtner oder Elektromonteur.
Stabilität 2: Bürokräfte und verwandte Berufe: Diese kleine Gruppe (6%) hat meist eine erste (oder auch zweite) Ausbildung als Büroangestellter, Betriebsassistent bei der Post oder den SBB, als Briefträger oder Logistiker absolviert. Mit 52 Jahren sind viele noch in ihrem Beruf tätig, einzelne als Vorgesetzte. Ein paar wenige haben den Beruf gewechselt oder sind krank oder arbeitslos geworden.

Wichtige Rolle der beruflichen Grundbildung

Die meisten Personen entwickeln sich positiv und zeichnen sich durch eine grosse Anpassungsfähigkeit aus. Die Zufriedenheit ist praktisch in allen Lebensbereichen hoch und die Work-Life-Balance gelingt zumeist. Dennoch fällt die Bilanz bei den Laufbahnmustern mit Aufstieg oder hohen Anforderungen deutlich positiver aus als bei den eher stabilen, tiefer qualifizierten Mustern. Führungskräfte und Professionals fallen besonders positiv auf; vor allem im beruflichen Bereich können sie ihre teilweise besseren Startchancen (kognitive Fähigkeiten, höhere Bildungsabschlüsse) in objektiven und subjektiven Berufserfolg umsetzen. Sie erreichen angesehene Positionen mit entsprechenden Salären. Und sie berichten von motivierender Arbeit und sind bereit für berufliche Herausforderungen. Diese Aussagen gelten für beide Geschlechter. Die beruflichen Verläufe vieler Frauen sind jedoch durch das Thema «Familienverträglichkeit» – die Balance von Beruf und Familie – geprägt, was häufig Teilzeitarbeit und den Verzicht auf Führungspositionen bedeutet; oder es wird voll auf Familie (20%) oder Karriere (7%) gesetzt. Die Familienfrauen haben traditionellere Geschlechtsrollenvorstellungen, mehr Kinder und ein tieferes Arbeitspensum als andere Gruppen. Zusammen mit der Gruppe Verkauf/Dienstleistungen, welche ebenfalls eine ausgeprägte Familienphase aufweist, berichten sie von einer deutlich schlechteren Arbeitssituation mit tieferen Löhnen, tieferem Berufsprestige und weniger motivierender Arbeit. Dennoch gibt es keine Unterschiede im Wohlbefinden zwischen den Gruppen und auch keine gesundheitlichen Auffälligkeiten. Bei den Männern sind viele berufliche Verläufe durch das Thema Karriere und Aufstieg mit Vollzeitarbeit charakterisiert: In zwei Dritteln der Fälle findet sich ein Aufstieg in mittlere oder höhere Führungspositionen. Zudem fallen bei den Männern, die in handwerklich-technischen Berufen bleiben, die besorgniserregenden gesundheitlichen Probleme auf. Die Ergebnisse bestätigen die wichtige Rolle der beruflichen Grundbildung; sie bildet in vielen Fällen eine gute Basis für die weitere Entwicklung. Im Unterschied zu anderen, eher allgemeinbildenden Bildungssystemen stellen wir in der Schweiz eine erstaunliche Folgerichtigkeit der Berufslaufbahnen fest, auch wenn sie durchaus unterschiedlich verlaufen können: So sind im Produktionssektor (Industrie, Gewerbe) immer wieder Anpassungen in Form von Weiterbildungen notwendig. Die höhere Berufsbildung hat hier eine wichtige Funktion; sie vermittelt gleiche Chancen für alle, denn Top-Positionen im Management und höchste Löhne sind nicht nur Universitätsabsolventinnen und -absolventen zugänglich. Auch die berufliche und allgemeine Zufriedenheit sind bei beiden Gruppen ähnlich. Die höhere Berufsbildung sollte daher weiter gestärkt werden.

Links und Literaturhinweise

www.hfh.ch

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

Nr. 6 | 2018
Mobilität

In der kommenden Ausgabe widmen wir uns der geografischen Mobilität: Was bedeutet es für Berufsleute, ständig unterwegs zu sein? Täglich zu pendeln? Dank «mobile devices» das Büro immer dabeizuhaben? Ausserdem im Heft: Ein Einblick in Austauschprogramme der Berufsbildung und Fakten zur studentischen Mobilität.