Ausgabe 05 | 2018

Fokus "Digitalisierung"

Blick aus der Zukunft

Vom BIZ zum CDDC

Der Berufs- und Laufbahnberater Gerard Blülle blickt im Jahr 2035 anlässlich seiner Pensionierung auf die Entwicklung der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung zurück.

Von Gerard Blülle

Viele von uns trauern der Zeit nach, die sie die «gute alte Zeit der Berufs- und Laufbahnberatung» nennen. Als wir vor vierzig Jahren im BIZ ehrfürchtig vor dem ersten Computer mit Internet sassen, ahnte niemand, welch schwerwiegende Umwälzungen uns noch bevorstünden. Im Nachhinein gesehen waren die Veränderungen, die damals der Einzug des Internets nach sich zogen, noch vergleichsweise harmlos. Auf einmal standen uns alle berufskundlichen Informationen, die wir vorher in Archivschränken und in unserem Gedächtnis abrufbereit hielten, auf Knopfdruck auf dem Computer zur Verfügung. Unsere Aufgabe bestand zusehends darin, die zwar schnell verfügbaren, aber verzettelten Informationen für unsere Kundinnen und Kunden zu gewichten und mit ihren Anliegen in Zusammenhang zu bringen. Manche Beratungspersonen bauten die psychologischen Aspekte in ihren Beratungen aus, da ihr detailliertes Fachwissen in den Hintergrund getreten war. «Da wird uns kein Computer ersetzen können», sagten sie. Sie sollten sich gehörig irren.

CounsOn® erobert die Beratung

Anfang der Zwanzigerjahre forderten zunächst neue Beratungskanäle unseren Berufsalltag heraus. Die Präsenzberatung erhielt ernsthafte Konkurrenz von virtuellen Distanzberatungsformen. 2021 kam die Plattform CounsOn® auf den Markt, die nicht ohne Grund «das Schweizer Taschenmesser für Onlineberatungen» genannt wurde. Ihre vielseitigen Add-Ons deckten von Notizflächen über gemeinsame Recherchemöglichkeiten bis hin zu Testverfahren das ganze Spektrum der gängigen Beratungsinstrumente ab. Die verblüffend einfache Navigation, die es den Beratenden erlaubte, den Beratungsprozess über verschiedene Kanäle zu gestalten und dennoch nie die Übersicht zu verlieren, trug zum bahnbrechenden Erfolg der Plattform bei. Schnell wurde man sich in unserer Gilde der Vorteile der neuen Beratungsform bewusst: Neben der Ortsunabhängigkeit schätzte man vor allem, dass die Beratung noch prozesshafter wurde. Statt wie früher in langen Beratungssitzungen die Kundinnen und Kunden oftmals zu überfordern, konnte man ihnen nun häppchenweise so viel Unterstützung bieten, wie sie für ihre nächsten Schritte gerade brauchten. Zwar liessen sich die Ratsuchenden anfangs auch bei CounsOn®-Beratungen noch sporadisch in einer Präsenzberatungssitzung blicken. Aber es war nicht zu übersehen, dass die Besuche von Kundinnen und Kunden in den BIZ nach und nach zurückgingen.

Aus siebenundzwanzig werden drei

Noch war die Nutzung der Plattform durch die kleinen Bildschirme eingeschränkt, und viele Beratende standen der neuen Beratungsform skeptisch gegenüber. Es bedurfte weiterer technischer Innovationen, für die man später den Begriff «Nanotisierung» fand, um der Onlineberatung endgültig zum Durchbruch zu verhelfen. 2025 brachte eine chinesische Firma OLED-Folien auf den Markt, die günstig waren und sich überall grossflächig anbringen liessen. Da in der Folie gleichzeitig auch Nanokameras integriert waren, wurde auf einmal eine 1:1-Beratung möglich, in der man den Kunden in die Augen schauen konnte. Einmal das Bild einer Kundin mit ein paar Gesten auf der OLED-Tapete in die richtige Position gebracht, konnte man ihr täuschend echt gegenübersitzen. Drei Jahre später folgte die Lancierung der Bealens® – der Kontaktlinse also, welche das Bild direkt auf die Netzhaut projiziert und, im Paar angewendet, ein perfektes 3-D-Bild erzeugt. Manche Berufsberatende, die der Überzeugung waren, die physische Anwesenheit bedeute der Kundschaft alles, mussten konsterniert mit ansehen, wie schnell diese den Beratungsstellen fernblieb, weil sie sich bequem im Wohnzimmer beraten lassen wollte. Aufgrund der sinkenden Nachfrage wurden nach und nach Beratungsstellen geschlossen, was auch den Sparbemühungen der Kantone entgegenkam. Gleichzeitig trieb man, inspiriert von den Entwicklungen im Ausland, die Schaffung der Career Diagnostics and Development Center (CDDC) voran. Bald gab es nur noch die drei heutigen CDDC in Zürich, Genf und Lugano. Viele Beratende wollten diese Entwicklung nicht mitmachen und klinkten sich als freischaffende Coachs für Kundinnen und Kunden aus, denen der Austausch in einer Präsenzberatung wichtig war. Ich selber habe zwar den Wandel mitgemacht, muss aber gestehen, dass ich mich nun mangels direkten Kundenkontakts umso mehr auf die tägliche Kaffeepause mit meinen Kollegen und Kolleginnen freue, welche noch real stattfindet. Im CDDC Zürich sind wir über zweihundert Beratende, die sich um die Laufbahnfragen der ganzen Deutschschweiz kümmern. Da kommt in der Pause einiges an Leuten zusammen.

Künstliche Intelligenz

Die Nanotisierung hat unseren Berufsstand ordentlich aufgemischt. Und doch waren deren Konsequenzen noch vergleichsweise bescheiden, verglichen mit der parallel laufenden Etablierung der künstlichen Intelligenz. Dabei hätte die Berufsberatung, ganz beschäftigt mit der Umstellung auf die Distanzberatung, diese Entwicklung beinahe verschlafen. Wir sind keine Informatikfachleute, und lange genug wurde uns eingebläut, ein Computer führe nur exakt das aus, was ihm vorher eine intelligente Programmiererin zu tun befohlen habe. Dass sich diese Datenautomaten zu selbstlernenden kreativen Support Bots wandeln, ja gar Intuition entwickeln würden, hatte uns – obwohl bereits damals absehbar – auf dem falschen Fuss erwischt. Was für uns heute selbstverständlich ist, nämlich dass ein Computer lernt, indem er Millionen von Beispielen vorgesetzt bekommt und daraus ein intuitives Verständnis der Sachverhalte ableitet, war bis Ende der Zehnerjahre nur schwer vorstellbar. Die Lancierung von u2p® (you to profession) durch den Netzgiganten Faze hat uns aus dem Dornröschenschlaf gerissen. Die Firma matchte alle Informationen, welche ihre zigmillionen User im Netz hinterlassen hatten, mit deren Berufen und liess ihr neuronales Rechennetz ein komplexes Muster der Zusammenhänge generieren. Am Ende konnte das Programm aufgrund des Datenmaterials einer beliebigen Person verblüffende Aussagen machen über deren Eignung und Neigung für Berufe. Verglichen damit kamen uns unsere alten Tests mit ihren starren Algorithmen auf einmal läppisch vor. Unser Berufsstand kann von Glück reden, dass Faze aufgrund der Verschärfung der Datenschutzbestimmungen im Jahr 2028 gezwungen wurde, ihren frei zugänglichen Dienst vom Netz zu nehmen und ihn fortan nur noch als teures Programmpaket professionellen Beratenden zur Verfügung zu stellen. Die dazugehörigen Patterns, welche man schon damals dazuerwerben konnte, analysieren nicht nur biografische Daten, sondern auch Stimme, Gestik, Mimik, Gesichtszüge, Handschrift und vieles andere mehr. Und sie lernen mit jeder Anwendung dazu.

Ghost Counseling

u2p® war zwar, wie entsprechende Programme für den HR-Bereich und die Partnervermittlung, nur ein Nebenprodukt einer Reihe von Innovationen, welche vor allem auf Marketingzwecke abzielten. Es hat aber die Methodik von Laufbahnberatungen erneut total umgewälzt. Die Software läuft heute gewöhnlich während der Beratung im Hintergrund und zeichnet diese suchfähig auf. Das Programm erfasst in Echtzeit die Befindlichkeit und die Ressourcen des Kunden sowie aktuelle Informationen aus der Arbeitswelt und macht der Beraterin laufend Vorschläge zum weiteren Vorgehen. Heutzutage möchte wohl niemand mehr auf dieses Ghost Counseling verzichten. Nicht alle Beratenden konnten damit umgehen, dass der Computer bald die Kunden intuitiv besser zu erfassen in der Lage war als sie selber und ihnen selbst fast nur noch der Part der Kommunikation übrig blieb. Gefühlsmässig auf eine Person eingehen und den richtigen Tonfall treffen: Das gelingt uns Menschen noch immer besser als dem Computer. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis die Bots uns auch darin übertrumpfen und wir Beratende gänzlich überflüssig werden.

Career Bubbles

Trotz der ausgezeichneten Treffsicherheit von u2p® haftet diesem Programm allerdings ein grosses Manko an, das als «career bubble» bekannt wurde. Weil die neuintelligenten Programmroutinen mehr noch, als es die Laufbahnberatenden früher taten, ihre Aussagen aufgrund der bisherigen Biografie treffen, bleiben Kundinnen und Kunden in dieser gefangen. Einige Beratende gründeten deshalb 2033 die Reaktionistenbewegung. Ihr Leitspruch ist: «Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Biografie.» In entdigitalisierten Zonen animieren sie ihre Kundinnen und Kunden, andere Wege einzuschlagen als den vermeintlich durch ihre digitalbiografischen Daten vorbestimmten. Der Zulauf, den die Reaktionisten verzeichnen, lässt mich zuversichtlich in die Zukunft blicken. Gleichzeitig erfüllen mich die neusten Entdeckungen in Bezug auf die Zusammenhänge zwischen menschlicher DNA und Berufseignung mit grossem Unbehagen. Wenn in naher Zukunft die berufliche Laufbahn schon vor der Geburt mittels DNA-Analyse bestimmt wird, muss sich die Berufs- und Laufbahnberatung abermals neu erfinden.

Kommentare
 
 
 
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Gerhard Jokiel | 26. Nov 2018, 11:52

Kompliment! Die Erzählanlage des Rückblicks aus der Zukunft ist raffiniert und gelungen. Sie gibt der Zukunftsprognose bereits den Touch vollendeter Tatsachen.
Der aktuelle Hype um die Digitalisierung der Arbeitswelt prophezeit radikale Umwälzungen nie dagewesenen Ausmasses - entweder mit euphorischem Klang in der Stimme oder mit düsteren Weltuntergangstönen.
Aber piano: Technologische Revolutionen mit einschneidenden Veränderungen der Arbeitswelt gab es schon immer. Und auch bei der Digitalisierung wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Was digitalisiert wirklich sinnvoll und zweckdienlich ist und was analog weiterhin am besten funktioniert, das wird sich erst nach und nach zeigen.
Um das jetzt schon zu wissen, müssten wir uns subito ins Jahr 2035 beamen können!

Egon Werlen | 19. Nov 2018, 08:15

Sehr futuristisch aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass es so oder ähnlich kommen wird. Aber wahrscheinlich etwas weniger schnell.
Ob es in Zürich 200 Beratende geben wird, weiss ich nicht. Im Home Office mit goldparts-gesicherten Datenverbinungen (inkl. Erkennung des Beratenden durch den Computer) braucht es diese Zentren gar nicht. Es wird aber trotz guter Familienunterstützung eine Vereinsamung vieler Berufsleute geben, die sich dann online beraten lassen.
In dem Moment werde ich in die Dorfbeiz ein Bier trinken gehen sofern sie noch existiert.
Aber eines ist sicher: Es wird ganz anders kommen.

Katia Wunderlin | 18. Nov 2018, 18:11

Hochinteressant!

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