Ausgabe 05 | 2018

Fokus "Digitalisierung"

Bildungskonzept des EHB

Digitale Transformation an den Berufsfachschulen

Per 1. Januar 2019 führt das EHB ein neues Bildungskonzept ein, mit dem die Berufsfachschulen für die digitale Transformation fit gemacht werden sollen. Es hat zum Ziel, digitale Kompetenzen in den Unterricht zu integrieren und unter Berücksichtigung regionaler Bedürfnisse weiterzuentwickeln.

Von Patrick Vuilleumier, Dozent am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB)

Aufgrund ihrer Nähe zur Arbeitswelt sind Berufsfachschulen dem digitalen Wandel besonders stark ausgesetzt. Die sich daraus ergebenden pädagogischen, technologischen, ethischen und rechtlichen Fragen werden immer systematischer angegangen. Seit mehreren Jahren werden als Reaktion auf die digitale Transformation ebenso umfangreiche wie vielversprechende Unterrichtsmethoden erprobt, die oft auch von den Schulleitungen begrüsst werden. Dazu gehören der umgedrehte Unterricht, der Einsatz von Videos, Tablets, Zusammenarbeitstools, Fernlernplattformen usw. Die Projekte sind vielfältig, wie etwa ein Blick auf die Website menucreme.ch zeigt, die ein laufend aktualisiertes Verzeichnis solcher Experimente führt. Ausprobieren allein reicht aber nicht, vielmehr gilt es, die Voraussetzungen zu schaffen, damit alle beteiligten Akteure innerhalb einer Institution einen konsistenten Ansatz verfolgen und gemeinsam voranschreiten können. Damit dies gelingt, muss die Entwicklung von digitalen Kompetenzen mit pädagogischen Überlegungen verknüpft werden. Im Rahmen seiner Strategie «Digitale Schweiz» will der Bundesrat die notwendigen Voraussetzungen schaffen, damit die Schweiz die Vorteile der Digitalisierung vollumfänglich nutzen kann. Vor diesem Hintergrund hat der Bundesrat das EHB damit beauftragt, digitale Kompetenzen an den Berufsfachschulen zu fördern und die Berufsfachschulen bei der Integration und der Weiterentwicklung digitaler Medien im Unterricht zu unterstützen. Das erarbeitete Ausbildungskonzept ist als Hilfsmittel gedacht, das die Integration digitaler Instrumente und Kompetenzen in die Berufsfachschulen ermöglicht und dabei auf Reflexionen und Erfahrungen zurückgreift, die auf regionalen Gegebenheiten und Besonderheiten basieren. Das Konzept geht von den Bedürfnissen der Berufsfachschulen aus und stellt die Begleitung von entsprechenden Projekten in den Vordergrund. Es ermutigt die Schulen, zukunftsträchtige Initiativen aufzugleisen, und bietet ihnen neben punktuellen Kursen auch gezielte, bedarfsorientierte Schulungen.

Vorgehen in mehreren Schritten

Die Begleitung von Projekten, etwa in Form von Coachings, Praxisanalysen oder Erfahrungsaustauschen, gehört zu den Schwerpunkten der Arbeit des EHB. Die Forschung auf dem Gebiet der Integration von Informations- und Kommunikationstechnologien hat gezeigt, dass deren Integration in Etappen erfolgt und je nach Situation und Lehrpersonen in unterschiedlichem Tempo abläuft. Lehrpersonen durchlaufen verschiedene Stadien (Sensibilisierung, persönliche Nutzung, berufliche Nutzung, Nutzung im Unterricht) und verschiedene Etappen (indirekter Kontakt, Sichvertrautmachen, Erkunden, Setzenlassen, Aneignen). Diese Schritte erfordern Zeit. Die Idee ist es, die Schulen bei ihrer eigenen Entwicklung zu begleiten, um ihnen den Übergang ins nächste Stadium zu erleichtern. Ausgangspunkt dieser Begleitarbeit bilden die Gegebenheiten und Probleme der jeweiligen Berufsfachschule. Das vom EHB erarbeitete Konzept (siehe Grafik) umfasst verschiedene Schritte; es beginnt mit einer Bestandesaufnahme und der Erfassung der Bedürfnisse. In der ersten Phase gilt es, zusammen mit der Schulleitung die aktuelle Situation der Schule und ihre Absichten zu erfassen, Ziel und Zweck der Vorhaben festzulegen sowie die betroffenen Personen und Teams zu identifizieren. Anschliessend können die möglichen Handlungsansätze im sogenannten Digi-Check-Workshop gemeinsam mit den betroffenen Lehrpersonen und/oder anderen beteiligten Personen geplant werden. In diesem Workshop werden in einem ersten Schritt die Erfahrungen, Visionen und Haltungen sowie die Bedürfnisse, Befürchtungen und Ängste aller beteiligten Personen ermittelt. Anschliessend werden Problemfelder und Handlungsmöglichkeiten festgehalten, die in ein Projekt oder mitunter auch in ein weniger umfassendes Vorhaben münden können. Am Ende des Workshops wird ein Massnahmenplan erarbeitet, der die Zielsetzungen, einen Terminplan sowie den Unterstützungsbedarf umfasst. Bedarf an Unterstützung kann es auf verschiedenen Ebenen geben: Begleitung des geplanten Projekts, Schulungen einzelner oder aller Lehrpersonen, Erarbeitung von didaktischen und pädagogischen Konzepten in Zusammenarbeit mit den betroffenen Teams. Sobald die Massnahmen mit der Schulleitung priorisiert wurden, wird ein Aktionsplan erarbeitet. Er wird je nach Projektumfang begleitet von Interventionen im Umfang von rund zehn Arbeitstagen. Damit können die spezifischen Bedürfnisse der Berufsfachschulen abgedeckt werden. Die Massnahmen können auch zur Schaffung von Lern- und Austauschplattformen führen, je nachdem, was für das erarbeitete Projekt notwendig ist. Denkbar sind überdies nicht nur schulinterne Projekte, sondern auch Projekte zwischen Lehrpersonen verschiedener Berufsfachschulen, die den Austausch von Best Practices zum Ziel haben.

Vier Themenbereiche

Je nach den Bedürfnissen der Berufsfachschulen können verschiedene Kursblöcke vorgeschlagen werden. Diese Kurse können die Schulen aus einem Katalog mit vier Themenbereichen, von allgemeineren bis hin zu spezifischeren Kursen, auswählen. Die Kurse dauern unterschiedlich lang und umfassen verschiedene Lernsettings, vom Präsenzunterricht bis zum Fernlernen. Die Themen können den folgenden vier Schwerpunkten zugeteilt werden:
1. Gesellschaftliche Herausforderungen: Dieser Schwerpunkt bezieht sich auf den sozialen Wandel und die gesellschaftlichen Entwicklungen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Zum breit gefassten Themengebiet gehören etwa die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Herausforderungen und die grossen Veränderungen, die die Digitalisierung und ihr Stellenwert in der Bildungslandschaft herbeiführen. Internationale Trends und die Veränderungen in der Arbeitswelt werden ebenso behandelt wie Fragen und Überlegungen zu den rechtlichen und ethischen Aspekten der Digitalisierung.
2. Psychosozialer Kontext: Dieser Schwerpunkt befasst sich mit den Auswirkungen neuer Technologien auf kognitive und soziale Prozesse, auf Identitätsfragen und psychosoziale Veränderungen, vor allem auf der Kommunikations- und Beziehungsebene. Ein weiteres Thema sind potenzielle Krankheitsbilder, die mit diesen neuen Kommunikations- und Austauschmöglichkeiten auftreten können. Weiter in diesen Themenbereich fallen generationsspezifische Fragen und die damit verbundenen Mythen, die digitale Kluft, der Zugang zu Bildungsressourcen und die Beziehung zum Bild in all ihren Facetten.
3. Pädagogische und didaktische Herausforderungen: Dieser Schwerpunkt befasst sich mit der Frage, welchen pädagogischen Mehrwert die Nutzung digitaler Hilfsmittel bei der Vermittlung von Kompetenzen hat. Die Rolle von Lehrpersonen und Lernenden sowie der tatsächliche Nutzen von digitalen Instrumenten werden anhand von konkreten Lernsituationen beleuchtet. Ein weiteres Thema ist die Art und Weise der Lernbegleitung. Dazu gehören etwa Fragen rund um die Zusammenarbeit beim Fernlernen, bei Zusammenarbeitstools und sonstigen digitalen Plattformen.
4. Mediengestützte Lernarrangements: Hier ermöglicht ein Learning-by-Doing-Ansatz den Erwerb von fachlichen Kompetenzen, die für den konkreten Umgang mit digitalen didaktischen Instrumenten notwendig sind, wobei der pädagogische und didaktische Nutzen dieser Instrumente systematisch beleuchtet wird. Die Themen können sämtliche Bedürfnisse im Zusammenhang mit den laufenden Projekten abdecken (Recherche mit digitalen Medien, Kommunikation im Zeitalter des Internets, Erarbeitung von pädagogischen Hilfsmitteln mit den Lernenden usw.).

Höhere Professionalisierung

Das geplante Konzept ermöglicht den Berufsfachschulen einen kritischen Blick auf das, was sie bereits tun, und gibt ihnen die nötigen Mittel in die Hand, um Lernarrangements, die ihnen sinnvoll erscheinen, zu festigen. Die Analysen, die Kurse und die Begleitung werden über das Programm finanziert. Lediglich die Stellvertretungskosten für die beteiligten Lehrpersonen gehen zulasten der Partnerschulen.

Links und Literaturhinweise

www.ehb.swiss/digitalisierung
Kontakt: patrick.vuilleumier@iffp.swiss

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