Ausgabe 04 | 2018

ARBEITSMARKT

Wirkung der arbeitsmarktlichen Massnahmen

Was Sinn macht, motiviert auch

Stellensuchende und Personalberatende sollen sich künftig bewusster mit den Zielen von arbeitsmarktlichen Massnahmen auseinandersetzen. Das SECO möchte darum ein Instrument gesamtschweizerisch einführen, das es in drei Kantonen getestet hat. Es soll dazu beitragen, die Wirkung der Massnahmen weiter zu verbessern.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

André Hafner, RAV Lachen, bei der Zielvereinbarung mit einer Klientin: «Die Stellensuchenden sollen erkennen, dass wir hier kein System befriedigen, sondern zu ihrer raschen Wiedereingliederung beitragen wollen.» (Bild: Daniel Fleischmann)

André Hafner, RAV Lachen, bei der Zielvereinbarung mit einer Klientin: «Die Stellensuchenden sollen erkennen, dass wir hier kein System befriedigen, sondern zu ihrer raschen Wiedereingliederung beitragen wollen.» (Bild: Daniel Fleischmann)

Die arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) gehören zu den Hauptinstrumenten der Arbeitslosenversicherung. 2016 hat sie 636 Millionen Franken in diesen Bereich investiert, und zwar erfolgreich: Eine Studie von B,S,S. von 2014 zeigte, dass vier von sieben AMM-Typen eine «sehr gute Wirkung» aufweisen: Basisprogramme, andere persönlichkeitsorientierte Kurse (APO), Beschäftigungsprogramme und «andere AMM». Dank den AMM können Stellensuchende an rund 15 Prozent mehr Vorstellungsgesprächen teilnehmen als ohne AMM. Warum das so ist, weiss man allerdings kaum. Welche Wirkung erzielen einzelne AMM auf der Ebene von bestimmten Kompetenzen? Erreicht man zum Beispiel mit einer AMM das Ziel, seinen «Auftritt und seine Selbstpräsentation marktgerecht und wirkungsvoll» zu gestalten? Oder wie gut hilft eine AMM den Stellensuchenden, ihren «Suchbereich zu klären»? Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie sind solche Fragen im Auftrag des SECO erstmals genauer untersucht worden. Sie wurde von B,S,S. in den drei Kantonen Aargau, Schwyz und Zürich durchgeführt und von einem Steuerungsausschuss sowie drei kantonalen Arbeitsgruppen begleitet. Das Projekt hatte folgende Ziele:
1. Im Rahmen der RAV-Beratung werden die Zielsetzungen des Besuchs einer AMM gemeinsam mit den Stellensuchenden vereinbart (RAV-seitiges Ziel). Dadurch werden die Verbindlichkeit sowie die Motivation der Teilnehmenden erhöht.
2. Die Auseinandersetzung mit der Wirkung der AMM wird gestärkt (RAV-seitiges Ziel). Dadurch wird die Verfügungspraxis optimiert, was die Wahl der AMM, der Teilnehmenden und des Verfügungszeitpunkts betrifft.
3. Im Rahmen eines Monitorings werden neue Erkenntnisse zu den AMM gewonnen (Ziel der Logistikstellen für arbeitsmarktliche Massnahmen [LAM] und der RAV). Dadurch können die AMM-Palette sowie die Verfügungspraxis optimiert werden.

Erfahrung aus der Praxis

André Hafner ist einer von gut 150 Personalberatenden (PB), die an dieser Studie teilgenommen haben. Er tat es mit Überzeugung – und setzt, wie der ganze Kanton Schwyz, die entstandenen Instrumente weiterhin ein. Auf seinem Bildschirm ist das zentrale Dokument aufgeschaltet, das er dabei verwendet, die «Zielvereinbarung und Beurteilung der Zielerreichung AMM». Hafner: «Dieses Dokument erlaubt es zu klären, welche Erwartungen die stellensuchende Person und ich mit einer arbeitsmarktlichen Massnahme verbinden.» Das Dokument existiert derzeit in zwei Ausführungen (Beschäftigungsprogramme und persönlichkeitsorientierte Kurse) und enthält zehn Ziele, auf die man sich festlegen kann. Zur Veranschaulichung werden hier zwei der zehn Ziele vollständig wiedergegeben:
– Standortbestimmung ist abgeschlossen: Die Rahmenbedingungen wie Verfügbarkeit (Ressourcen), Stärken, Wünsche und Motivation der stellensuchenden Person sind bekannt. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt werden realistisch eingeschätzt (aus der Zielvereinbarung für persönlichkeitsorientierte Kurse).
– Selbstreflexion ist gesteigert: Die stellensuchende Person ist selbstständiger und in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Die gesteigerte Selbstreflexion hilft ihr bei der Beurteilung ihrer Lage und beim Treffen von Entscheidungen (aus den Zielvereinbarungen für persönlichkeitsorientierte Kurse und Beschäftigungsprogramme).
André Hafner hat in den letzten 18 Monaten mit mehreren Dutzend Personen Fragen wie diese diskutiert. Er findet das gut: «Wer den Sinn einer Massnahme erkennt, nimmt motivierter daran teil. Die Stellensuchenden sollen erkennen, dass wir hier kein System befriedigen, sondern zu ihrer raschen Wiedereingliederung beitragen wollen. Dass wir das schriftlich tun, erhöht die Verbindlichkeit.» Ist eine AMM abgeschlossen, geben sich der Stellensuchende und sein Personalberater Rechenschaft darüber, ob die Ziele erreicht wurden. Das entsprechende Protokoll fliesst dann anonymisiert in ein Monitoring ein.

Ziele erreicht – grösserer Aufwand

Die Erfahrungen der Personalberaterinnen mit diesem Vorgehen sind in der Machbarkeitsstudie zusammengefasst worden. Sie ergab insgesamt, dass die genannten Ziele erreicht wurden:
1. Durchschnittlich haben die Personalberatenden mit zwischen 51 und 80 Prozent der Stellensuchenden die Zielsetzungen der AMM besprechen können. 29 bis 50 Prozent der Personalberatenden nehmen eine bessere Zusammenarbeit mit den Stellensuchenden wahr.
2. 69 bis 75 Prozent der Personalberatenden haben sich vermehrt mit der Wirkung und der Zielsetzung von AMM auseinandergesetzt; von diesen Personalberatenden haben 29 bis 50 Prozent neue Erkenntnisse zur Wirkung von AMM gewonnen. 32 bis 45 Prozent der Personalberatenden haben ihre Verfügungspraxis angepasst oder planen, diese anzupassen.
3. Es sind diverse neuartige Auswertungen zu den AMM möglich. Die Intensität der Diskussionen und Rückmeldungen aus den Sitzungen lassen vermuten, dass aus diesen Auswertungen ein Mehrwert entsteht.
Die Studie zeigt aber auch, dass die Erstellung der Zielvereinbarungen zusätzlichen Aufwand verursacht – pro Verfügung zehn bis zwölf Minuten. Diese Zeit könnte mit einer optimalen Einbettung in das Informationssystem für die Arbeitsvermittlung und die Arbeitsmarktstatistik (AVAM) auf fünf bis zehn Minuten reduziert werden (je nach Formulartyp), so die Studie. Von diesem Faktor hängen auch die Kosten-Nutzen-Einschätzungen der befragten Personen ab. Geht man von einem optimalen Ablauf aus, glaubt in einem Kanton eine klare Mehrheit der Personalberatenden an einen positiven Nutzen; im zweiten Kanton halten sich positive und negative Einschätzungen die Waage, im dritten Kanton überwiegen die kritischen Stimmen. Auf der Führungsebene wurde der Gesamtnutzen positiver eingeschätzt als an der Basis.

Weiteres Vorgehen

Das SECO hat beschlossen, dieses Instrument zur Wirkungsmessung der arbeitsmarktlichen Massnahmen in der ganzen Schweiz einzuführen. Es hat inzwischen eine Arbeitsgruppe mit Fachpersonen der Kantone und des Bundes gebildet, die in den nächsten Monaten ein Feinkonzept erarbeitet. Die entstehenden Formulare zur Zielvereinbarung und Beurteilung der Zielerreichung sollen dann ins Informationssystem AVAM eingebettet werden. Der Realisierungszeitpunkt ist noch offen. Simon Röthlisberger, Leiter Steuerung und Führungsunterstützung SECO, sieht im Projekt einen weiteren Schritt zum zielgerichteten Einsatz von AMM. Den Nutzen hätten dabei insbesondere auch die LAM-Stellen, die für die Bereitstellung und Evaluation zuständig sind. Denn dank des Monitorings komme Licht in die Wirkungskette der AMM. Das erleichtere die Entwicklung wirkungsvollerer Massnahmen und besser passende Verfügungen. Ob indes die Stellensuchenden dank der Zielvereinbarungen tatsächlich häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden oder gar rascher eine Stelle finden, dürfte letztlich schwer zu belegen sein. Der Personalberater André Hafner sagt: «Die Wirkungszusammenhänge bei der Stellensuche sind komplex. Dennoch glaube ich daran, dass die Zielvereinbarungen langfristig Wirkung zeigen werden.» Schliesslich veränderten sie auch die Rolle der Personalberatenden: «Wir agieren ja ständig im Spagat zwischen Beratung und Kontrolle. Die Gespräche zur Zielvereinbarung akzentuieren die beratende Seite.»

Links und Literaturhinweise

B,S,S. (2014): Evaluation der arbeitsmarktlichen Massnahmen. Wirkung auf Bewerbungsverhalten und -chancen. Studie der «Dritte Welle» der Evaluation der Aktiven Arbeitsmarktpolitik. Basel.
B,S,S. (2018): Wirkungsmessung AMM mittels Monitoring der Kompetenzziele. Machbarkeitsstudie. Basel.

Kasten

Projekt Optimierung RAV-Beratung

In den regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) nimmt die Beratung von Stellensuchenden einen zentralen Stellenwert ein. Sie ist bereits heute ein wichtiger Erfolgsfaktor der öffentlichen Arbeitsvermittlung und wird mit der Digitalisierung künftig noch an Bedeutung gewinnen. Das SECO hat deshalb zusammen mit 17 Kantonen ein strategisches Projekt zur Optimierung der RAV-Beratung konzipiert: Im ersten Teilprojekt geht es um die Steigerung der Beratungsqualität, im zweiten um die Erhöhung der Beratungsintensität. Beide Teilprojekte verfolgen das übergeordnete Ziel, die RAV-Beratung künftig noch individueller und wirksamer zu gestalten. Um verlässliche und praxisnahe Erkenntnisse gewinnen zu können, werden beide Vorhaben in einem randomisierten Design evaluiert. (Simon Röthlisberger, SECO)

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