Ausgabe 04 | 2018

BERUFSBERATUNG

Berufsinformationszentren

Ein Lifting für die Infotheken

Braucht es überhaupt noch Infotheken, wenn sich die Informationsvermittlung immer mehr in den virtuellen Raum verschiebt? Ja, aber sie müssen modernisiert werden, finden verschiedene Kantone.

Von Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Mit 200 Fotokarten will das BIZ Zug den Besucherinnen und Besuchern neue Impulse geben. (Bild: pascal weber photography)

Mit 200 Fotokarten will das BIZ Zug den Besucherinnen und Besuchern neue Impulse geben. (Bild: pascal weber photography)

Es ist der 24. März 2018, Tag der offenen Tür im BIZ Uster, dem Prototyp der neuen Infotheken im Kanton Zürich. Besucher und Besucherinnen strömen herein, darunter viele interessierte Kolleginnen und Kollegen aus angrenzenden Städten und Kantonen. Drei Jahre lang wurde im Kanton Zürich auf diesen Moment hingearbeitet. Das BIZ Uster nimmt im Kanton Zürich die Vorreiterrolle ein, das neue Konzept wird getestet. Was im Prototyp funktioniert, soll von den übrigen sechs Standorten bis 2021 übernommen werden. Auch in anderen Kantonen hat sich einiges getan: 2014 hat das BIZ Luzern umgebaut, 2016 wurden das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich und die Infozentren von «ask!» im Aargau erneuert, 2017 das BIZ Zug. Auslöser für die Umgestaltungen sind die durch die Digitalisierung veränderten Informationsbedürfnisse und -möglichkeiten, Sparmassnahmen der Kantone sowie die Zunahme der Kurzberatungen in den Infotheken.

Inspiration aus dem Norden

Bei ihren Überlegungen zur Umgestaltung orientierte sich Luzern am Genfer Cité des métiers und deren breitem Veranstaltungskalender, Zug an der Ergebnis-Matrix der nationalen Fachtagung «Berufsberatung 4.0» und Zürich am nordischen Vier-Räume-Modell für öffentliche Bibliotheken. Gemäss diesem Modell erfüllen Infotheken der Zukunft im virtuellen und physischen Raum folgende Funktionen:
– Anregungs- und Informationsraum
– Beratungs- und Vermittlungsraum
– Treffpunkt und Eventraum
– Arbeits- und Gestaltungsraum
Trotz der kantonal unterschiedlichen Konzepte, Herangehensweisen und Resultate sind sich im Hauptziel alle einig: Die Infotheken müssen die Information der Bevölkerung über die Berufs- und Arbeitswelt optimieren. Das Konzept des Kantons Zürich hält dazu fest, dass bei beruflichen Übergängen der soziale Kontakt und die Inspiration zentral sind. Die Infotheken sollen deshalb möglichst niederschwellige Kontaktmöglichkeiten und intuitive Informationszugänge anbieten, «sie wandeln sich vom reinen Beratungs- und Informationszentrum zum Begegnungsort mit Werkstattcharakter», sagt Rico Loppacher, Projektleiter im Kanton Zürich. Ausserdem sollen sie mit einem Medienmix aus physischen und digitalen Medien den Anforderungen verschiedener Zielgruppen entgegenkommen. Unter anderem deshalb ist die Umgestaltung der Infotheken anspruchsvoll. Unterschiedliche (und unterschiedlich informierte) Zielgruppen wollen bedient sein, von technikaffinen Jugendlichen über Erwachsene auf Stellensuche oder in der Umorientierung bis hin zu Menschen aus anderen Kulturen, die das Schweizer Bildungssystem noch nicht kennen. Ausserdem sind auch die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatenden selbst eine wichtige Zielgruppe der Infotheken. Die Beteiligten aller Kantone betonen denn auch die Bedeutung, die der Austausch zwischen Fachleuten aus allen Hierarchiestufen und Abteilungen im Veränderungsprozess hatte: «Die Frage, ob konzeptionelle Überlegungen im Alltag funktionieren, verlief immer von der Projektleitung bis zum Team und wieder bis zur Geschäftsleitung, es wurde viel diskutiert, die Zusammenarbeit war super», bilanziert Michel Morf, Infotheksleiter in Uster.

Medien radikal reduziert

Alle Kantone haben den Bestand der physischen Medien reduziert: «Lieber weniger, dafür aktuell», sagt Susanna Häberlin, Abteilungsleiterin Information und Kommunikation von ask!. Man könne nicht mehr den Anspruch haben, alles zu wissen, sondern müsse wissen, wo man aktuelle Informationen holen könne. «So viele Medien wie nötig, so wenige wie möglich», sagt Lotti Niederberger, Bereichsleiterin Informationszentrum BIZ Luzern. Auch wenn beobachtet wird, dass sich vor allem Gymnasiasten und Gymnasiastinnen sowie Erwachsene gerne in physische Medien vertiefen und alle BIZ-Besuchenden gerne etwas mit nach Hause nehmen, wurde der Bestand an physischen Medien in den BIZ bis auf einen Viertel reduziert. Kantonal unterschiedlich fielen die Entscheidungen für die Ordnungsprinzipien der Infotheken aus. Die einen kürzten die 22 auf neun Berufsfelder, andere orientieren sich an der Aufteilung der drei Felder von berufsberatung.ch, weitere an Tätigkeiten. Überzeugt sind jedoch alle vom hohen Stellenwert der Chancen- und Per-spektiven-Hefte des SDBB. Der Bildanteil der Covers sei essenziell, sagt Häberlin. Sie hätte gerne mehr visuelle Medien im Info-Zentrum, bewegte Bilder, digitale Lösungen bis hin zu Virtual Reality und hofft auf entsprechende Innovationen. Bilder wirken emotional, schaffen einen intuitiven Zugang zur Information oder, wie Heidi Brun, Mitarbeiterin Information und Dokumentation vom BIZ Zug, sagt: «Bilder machen gluschtig. Wir nutzen das Visuelle als Transportmittel und Einstieg in die Berufsfindung.» Das BIZ Zug hat sich deshalb für eine überraschende Variante entschieden: BIZ-Besuchende sehen sich einer Wand mit rund 200 A6-Fotokarten auf Augenhöhe gegenüber. Viel Gedankenarbeit verlangte die dazu passende Systematik. Sie orientiert sich nun an sechs Themenfeldern, entlang den Aussagen von Jugendlichen: «Ich will gestalterisch arbeiten, ich will mit Menschen arbeiten» usw. «Durch diese Anordnung der Fotokarten sehen sie nicht nur den Informatiker vor sich, sondern auch den Gebäudetechnikplaner, die Zeichnerin, man wird angeregt, breiter zu denken», erklärt Urs Brütsch, Leiter BIZ Zug. Heidi Brun ist vom Nutzen der Kartenwand überzeugt. Sie erzählt von einem Schreiner, der sich eine Weiterbildung im kaufmännischen Bereich überlegte und vor der Kartenwand hängen blieb. «Er schaute sich die Karten immer wieder an und merkte plötzlich, dass er eigentlich immer sehr gerne draussen gearbeitet hat. Die Bilder gaben einen Impuls und haben seine Ideen in eine neue Richtung gelenkt.»

Schnitzeljagd und Lounge

Auf der digitalen Schiene bieten die BIZ Uster und Zug Tablets, öffentliche WLAN-Zugänge oder BIZ-Clouds an. In Zug wird beobachtet, dass Jugendliche fast lieber ihre Handys als die Tablets nutzen. Für Führungen mit Schulklassen setzen manche Berufsberatende in Uster und Zug die Actionbound ein, eine virtuelle Schnitzeljagd per App. Diese führt die Jugendlichen durch die analogen und digitalen Medien der Infothek, quer durch alle Regale, sie finden Antworten auf berufsberatung.ch ebenso wie in SDBB-Faltblättern. Sie habe mit der Actionbound die Jugendlichen als sehr engagiert erlebt, viel im Austausch, unruhig in einem guten Sinne, sagt eine Beraterin aus Uster. Ein ähnliches Instrument wird auch im Laufbahnzentrum Zürich eingesetzt, PANORAMA berichtete (Ausgabe 4/2017). BIZ-Besuchende können in Uster auch über den digitalen Empfang, einen gros-sen Bildschirm mit Touchscreen, in die On- und Offline-Informationssuche eintauchen (www.hoi.bizzh.ch/uster). Für Events stehen in mehreren BIZ interaktive Whiteboards zur Verfügung. Zum Hauptmehrwert von Infotheken gehört der direkte Kontakt von Mensch zu Mensch, wird im Konzept des Kantons Zürich festgehalten. Dieser Überzeugung schliessen sich alle Kantone an. Folgerichtig werden dem Kundenempfang und den kostenlosen niederschwelligen Kurzgesprächen besonderes Augenmerk geschenkt. Aarau hat besonders nutzerfreundliche Öffnungszeiten eingeführt. Luzern bezieht andere Fachstellen wie die Fachstelle Stipendien mit ein. Sehr unterschiedlich hingegen erfolgte die Raumgestaltung für die Kurzgespräche: Die Bandbreite führt von Stehpulten mit Computern, klassischen Arbeitstischen, engen Beratungsnischen bis wie in Uster hin zu Sitz-Landschaften und «cosy» Beratungsnischen, beleuchtet von sanftem Lampenlicht. «Eine angenehme Raumatmosphäre und eine flexible multifunktionale Einrichtung waren wichtige Zielsetzungen», sagt Rico Loppacher.

Kasten

Projekt «Berufsberatung 4.0» der KBSB

Die Plenarversammlung der KBSB hat im Mai 2018 ein Projekt lanciert, das sich mit den technologischen Aspekten der zukünftigen Beratung sowie der Informationsaufbereitung und -vermittlung auseinandersetzen soll. Die Projektziele lauten:
1. Szenarien entwerfen, die beschreiben, in welche Richtungen sich die Informationsvermittlung und Beratung in den nächsten zehn Jahren entwickeln könnte (unter Berücksichtigung aller Gesellschaftsgruppen und der Ergebnisse der Studie von Andreas Hirschi).
2. Ausarbeiten von Vorschlägen, wie die kantonalen BSLB-Stellen diesen Trends begegnen könnten.
Eine nationale Arbeitsgruppe der KBSB wurde gebildet, die im Herbst 2019 Empfehlungen zum weiteren Vorgehen formulieren soll. Im Rahmen des Projekts vergibt die Arbeitsgruppe Aufträge an Dritte und diskutiert die Ergebnisse in den Regionalkonferenzen. Externe Sichten werden eingeholt, Good Practice beispielsweise aus nordischen Ländern einbezogen.

Kommentare
 
 
 
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Eliane Leutenegger | 16. Okt 2018, 14:02

Die 185 A6-Fotokarten zu den Grundberufen, die das BIZ Zug auf seiner Wand präsentiert, stammen übrigens vom Laufbahnzentrum Zürich, bestellbar über https://shop.sdbb.ch/grundset-postkarten-zur-grundbildung.html, Einzelkarten auch über laufbahnzentrum@zuerich.ch.

Freundliche Grüsse
Eliane Leutenegger
Abteilungsleiterin Fachinformation & Publikation
Laufbahnzentrum Zürich

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Nr. 6 | 2018
Mobilität

In der kommenden Ausgabe widmen wir uns der geografischen Mobilität: Was bedeutet es für Berufsleute, ständig unterwegs zu sein? Täglich zu pendeln? Dank «mobile devices» das Büro immer dabeizuhaben? Ausserdem im Heft: Ein Einblick in Austauschprogramme der Berufsbildung und Fakten zur studentischen Mobilität.