Ausgabe 04 | 2018

BERUFSBILDUNG

Berufsabschluss für Erwachsene

Die MEM-Industrie fördert Umschulungen

Um dem Fachkräftemangel in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) entgegenzuwirken, haben die Sozialpartner im GAV eine Zweitausbildung für Erwachsene eingeführt. Die ersten Bildungsmassnahmen sind für 2019 geplant.

Von Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Der technologische Fortschritt und die Digitalisierung stellen die MEM-Industrie vor grosse Herausforderungen. Zudem ist die Branche mit einem Fachkräftemangel konfrontiert, der sich in Zukunft noch verschärfen wird. Gleichzeitig sind heute viele Arbeitnehmende gezwungen, den Beruf und das Berufsfeld zu wechseln, doch das aktuelle System macht ihnen diese berufliche Neuorientierung nicht immer leicht. Das hat den Verband Swissmem und die Gewerkschaft Unia veranlasst, Umschulungsmodelle für Erwachsene zu entwickeln.

Umschulungsmodell von Swissmem

Die Veränderungen und Herausforderungen in der MEM-Industrie bieten Chancen, lösen aber auch Ängste aus. Laut Robert Rudolph, Bereichsleiter Bildung und Innovation bei Swissmem, fehlt es der Branche an Informatikerinnen, Technikern und Ingenieurinnen. Berufliche Mobilität könnte dem abhelfen, immerhin arbeiten 59 Prozent der Angestellten nicht mehr im Berufsfeld, in dem sie ihre Erstausbildung absolviert haben. Doch die Mobilität wird dadurch behindert, dass das aktuelle Bildungssystem nicht auf berufliche Veränderungen auf der gleichen Qualifikationsstufe ausgelegt ist und damit Quereinsteigenden den Wechsel in ein neues Berufsfeld erschwert. Das heutige System bringt vor allem Verlierer und Verliererinnen hervor, denn berufliche Veränderungen erfolgen oft aus einer Krise heraus, etwa wenn jemand arbeitslos ist. Das belastet die Sozialversicherungen. Ein weiteres Problem ist, dass Arbeitnehmende, denen die Neuorientierung gelungen ist, oft mit einer Stelle mit niedrigerem Qualifikationsprofil Vorlieb nehmen müssen. «Angesichts dieser Problemstellung haben wir uns entschieden, ein neues Umschulungsmodell zu entwickeln. Es soll zur Behebung des Fachkräftemangels in der MEM-Industrie beitragen, die berufliche Mobilität erleichtern und so dem Arbeitsmarkt als Ganzes dienen», erklärt Robert Rudolph. Das erarbeitete Modell schliesst eine Lücke im heutigen Bildungssystem: Es ermöglicht Arbeitnehmenden jeden Alters eine Zweitausbildung auf der gleichen Qualifikationsstufe. Trotzdem handelt es sich nicht um eine Berufslehre im herkömmlichen Sinn. Das Umschulungsmodell richtet sich an Erwachsene mit Berufs- oder Tertiärabschluss, die einen zweiten anerkannten Abschluss erlangen möchten (zum Beispiel an Polymechaniker, die sich zu Datenanalysten weiterbilden möchten). Bislang mussten Erwachsene, die eine solche Weiterqualifikation erlangen wollten, mangels Alternativen häufig mit jungen Lernenden zusammen die Schulbank drücken. Beim Umschulungsmodell von Swissmem dagegen handelt es sich um ein Angebot, das sich gezielt nach den Bedürfnissen von Erwachsenen richtet und den Erhalt oder die Erhöhung ihres Qualifikationsniveaus zum Ziel hat. Das neue Bildungsangebot soll ihnen die berufliche Mobilität erleichtern und zugleich auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts eingehen: «Mit der Umschulungsinitiative können Personen, die von einem Verlust der Arbeitsmarktfähigkeit bedroht sind, besser im Arbeitsprozess gehalten werden und gleichzeitig kann das inländische Fachkräftepotenzial besser genutzt werden», betont Rudolph. Nach dem neuen Modell erfolgt der Berufs- oder Branchenwechsel in sechs Schritten (vgl. Kasten). Die Bildungsmassnahmen beschränken sich auf das absolut Notwendige. Ein Teilabschluss mit Branchenzertifikat erleichtert einen allmählichen beruflichen Aufstieg und führt schliesslich zu einem anerkannten Bildungsabschluss. Bis Ende 2018 werden in den ersten Kantonen Pilotstrukturen eingeführt, die ersten Bildungsserien sind für 2019 geplant. «Die grösste Herausforderung dieses Modells besteht in seiner Finanzierung», hält Robert Rudolph fest. «Im aktuellen System gibt es keine finanzielle Unterstützung für berufliche Zweitausbildungen auf der gleichen Qualifikationsstufe. Die Finanzierung der direkten und indirekten Kosten kann sich für Personen mit Unterhaltspflichten als problematisch erweisen. Deshalb müssen wir Lösungsansätze finden. Die Finanzierung darf keine unüberwindbare Hürde sein, denn die Sozialkosten, die aus einem Scheitern resultieren, sind deutlich höher.» Da die Ausgangslage für jede Person anders ist, muss jeweils ein individuelles Finanzierungspuzzle zusammengestellt werden. Dabei gilt es, die Möglichkeiten der umschulungswilligen Person (Sparpotenzial), des Arbeitgebers (Lohn), der Branche (Bildungsfonds) und der öffentlichen Hand (Bildungsfonds, Stipendien, Ausbildungsdarlehen) zu prüfen. Letztlich kann das System nur funktionieren, wenn alle Akteure am gleichen Strick ziehen.

«Berufspasserelle 4.0» der Unia

Die Gewerkschaft Unia legte eine weitere Möglichkeit vor, um die Beschäftigten der MEM-Industrie zu qualifizieren: die «Berufspasserelle 4.0». Corrado Pardini, Leiter Sektor Industrie bei der Unia, erklärt: «Mit dem vorgeschlagenen Modell soll das Qualifikationsniveau der Beschäftigten erhalten oder erhöht werden. Es stellt den Menschen ins Zentrum und soll Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern neue persönliche und berufliche Perspektiven eröffnen. Die Berufspasserelle 4.0 ermöglicht es zudem, den Herausforderungen zu begegnen, die mit der demografischen Entwicklung und dem Fachkräftemangel in der MEM-Industrie einhergehen.» Die auf dem bestehenden System der dualen Berufslehre basierende Lösung soll den Einstieg in ein neues Berufsfeld erleichtern und damit eine Lücke im bestehenden Berufsbildungssystem schliessen. Konkret soll die Passerelle Beschäftigten jeden Alters die Möglichkeit bieten, sich durch entsprechende Bildung für die Anforderungen der Digitalisierung zu rüsten. Das Angebot soll zu einem anerkannten Abschluss (analog EFZ) führen und eine mindestens sechsmonatige Anschlusslösung in einer neuen Funktion oder einem neuen Betrieb garantieren. Möglich sind vier Transfersituationen:
1) von MEM-Betrieb A zu MEM-Betrieb B
2) von Funktion I zu Funktion II im gleichen MEM-Betrieb
3) von MEM-Betrieb A zu Nicht-MEM-Betrieb B
4) von Nicht-MEM-Betrieb A zu MEM-Betrieb B
Laut Corrado Pardini hat die Unia Anfang 2017 mit der Erarbeitung des Konzepts für die Passerelle begonnen, um sie schliesslich in die GAV-Verhandlungen mit der MEM-Industrie einfliessen zu lassen. Die Gewerkschaft strebte eine partnerschaftliche Lösung mit den Sozialpartnern der Branche an. Sie schlug eine Lösung mit der Bezeichnung «Berufspasserelle 4.0» vor, zum Beispiel in Form einer Stiftung. Dieser Stiftung sollten alle Betriebe angehören, die in den Geltungsbereich des GAV der MEM-Industrie fallen. Alle anderen Betriebe könnten sich der Stiftung freiwillig anschliessen. Nach seiner Vorstellung sollte diese Stiftung einen paritätischen Fonds äufnen, der aus Beiträgen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gespeist wird. «Die Sozialpartner der MEM-Industrie müssten für den Aufbau und den Betrieb dieser Passerelle zusätzliche Finanzmittel beim Bund, bei den Kantonen oder den Gemeinden auftreiben», erklärt Pardini. Anschliessend sollten Pilotprojekte in Kantonen mit grossen MEM-Betrieben durchgeführt werden. «Mit der Passerelle 4.0 schliessen wir nicht nur Lücken im Schweizer Bildungssystem, sondern bringen auch erstmals ein konkretes Instrument auf den Tisch, das die Arbeitenden angesichts der Herausforderungen der Digitalisierung tatsächlich unterstützt und begleitet», ist Pardini überzeugt. Für bildungswillige Personen würde sich der Ablauf wie folgt gestalten: Nach Annahme ihres Antrags unterzeichnen sie einen Ausbildungsvertrag. Dieser regelt den Inhalt der Ausbildung und die Transfersituation und garantiert ihnen die Lohnfortzahlung, den Kündigungsschutz und die Weiterbeschäftigung. Danach absolvieren sie die vereinbarten Bildungsmassnahmen und legen eine praktische und theoretische Prüfung ab, um den angestrebten Abschluss zu erlangen. Am Ende der Umschulung erfolgt der Transfer in den neuen Betrieb oder die neue Funktion.

Die gemeinsame Lösung

Anfang Juni 2018 gaben die Sozialpartner bekannt, dass eine Einigung zum neuen GAV für die MEM-Industrie erzielt wurde. Der neue GAV tritt am 1. Juli 2018 in Kraft. Zu den Neuerungen gehört unter anderem die «MEM-Passerelle 4.0», eine Zweitausbildung für qualifizierte Erwachsene aus der MEM-Industrie. In dieser Passerelle sind das vorgeschlagene Umschulungsmodell von Swissmem und das Konzept der Unia zu einer gemeinsamen Lösung verschmolzen. Laut den GAV-Verantwortlichen handelt es sich beim neuen Instrument um eine Lösung, von der alle Beteiligten nur profitieren können. Sie betonen überdies, das gemeinsam erarbeitete Instrument zeuge von einer funktionierenden Sozialpartnerschaft.

Links und Literaturhinweise

www.swissmem.ch
www.unia.ch

Kasten

Die sechs Etappen des Umschulungsmodells von Swissmem

1) Die betroffene Person muss motiviert und umschulungsbereit sein.
2) Sie bekommt die Möglichkeit, eine Standortbestimmung ihrer beruflichen Situation zu machen und ihr Kompetenzprofil in Beziehung zum Arbeitsmarkt zu setzen, um so eine Berufswahl zu treffen.
3) Der Vergleich des persönlichen Profils mit dem erforderlichen Kompetenzprofil des angestrebten Berufs hilft dabei, die anrechenbaren Kompetenzen festzustellen und den zusätzlichen Bildungsbedarf zu ermitteln.
4) Die betroffene Person absolviert die festgelegten Bildungsmassnahmen im Rahmen einer Umschulung. Existieren keine erwachsenengerechten Bildungsangebote, werden neue geschaffen. Diese Angebote müssen attraktiv und effizient sein, berufsbegleitend absolviert werden können und somit abends, an Wochenenden oder in Kursblöcken stattfinden. Sie müssen praxisorientiert und modulartig aufgebaut sein und eine gezielte, bedarfsorientierte Ausbildung ermöglichen. Die Bildungsangebote sind so kurz wie möglich zu halten.
5) Die Bildungsmassnahme führt zu einem anerkannten Abschluss der beruflichen Grundbildung, der höheren Berufsbildung, einer höheren Fachschule oder Fachhochschule oder zu einem branchenanerkannten Abschluss.
6) In einer Ausbildungsvereinbarung mit dem Arbeitgeber werden der Lohn und die Weiterbeschäftigung nach der Umschulung geregelt.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

Nr. 6 | 2018
Mobilität

In der kommenden Ausgabe widmen wir uns der geografischen Mobilität: Was bedeutet es für Berufsleute, ständig unterwegs zu sein? Täglich zu pendeln? Dank «mobile devices» das Büro immer dabeizuhaben? Ausserdem im Heft: Ein Einblick in Austauschprogramme der Berufsbildung und Fakten zur studentischen Mobilität.