Ausgabe 02 | 2018

Fokus "Testen und prüfen"

Schulnoten oder Soft Skills?

Mehrere Studien haben sich mit der Frage befasst, wie Lernende ausgewählt werden. Welche Kriterien stehen für die Arbeitgeber im Vordergrund? Welche Rolle spielen die Schulnoten, die Eignungstests und die Motivation?

Von Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

Gemäss dem jüngsten Lehrstellenbarometer des SBFI wurden 2017 bis Ende August rund 90'000 Lehrstellen vergeben. Trotzdem ist es für Jugendliche nicht leicht, eine Lehrstelle zu ergattern. Sie müssen zahlreiche Bewerbungen einreichen, Eignungstests absolvieren, Bewerbungsgespräche meistern und die mit Absagen verbundene Frustration überwinden. 2017 mussten Jugendliche durchschnittlich zehn Bewerbungen schreiben, wobei der Durchschnitt in der Deutschschweiz bei acht bis zehn, in der Westschweiz und im Tessin bei zwölf Bewerbungen lag. Nationalität und Geschlecht fielen dabei stark ins Gewicht: Schweizer Jugendliche mussten sich durchschnittlich neunmal, ausländische 16-mal bewerben, und männliche Jugendliche schrieben im Durchschnitt acht, weibliche elf Bewerbungen. Häufen sich die Absagen, kann das zu einer Negativspirale führen: Die Jugendlichen bewerben sich für Lehrstellen, die weit von ihrem Berufswunsch oder Wohnort entfernt sind, verlieren ihr Selbstvertrauen oder ziehen sich sogar ganz vom Lehrstellenmarkt zurück.

Kriterienbündel

Die Selektionsverfahren für Lernende unterscheiden sich je nach Branche, aber auch je nach Bewerbung, wie das Nationale Forschungsprogramm «Integration und Ausschluss» (NFP 51) bereits 2007 feststellte. Zu den Selektionsetappen gehören etwa ein Telefongespräch, eine Schnupperlehre, das Bewerbungsdossier, ein Eignungstest, ein Bewerbungsgespräch oder eine zweite Schnupperlehre. Diese Schritte erfolgen jedoch nicht systematisch und nicht zwingend in dieser Reihenfolge. Jeder vierte Selektionsprozess beginnt mit einer Schnupperlehre. Danach können je nach Selektionsphase unterschiedliche Kriterien im Vordergrund stehen. Grundsätzlich scheint die Entscheidung der Lehrbetriebe aber eher von einem ganzen Bündel an Kriterien als von einzelnen Elementen abzuhängen. Dabei werden die Produktivitätsanforderungen der Betriebe höher gewichtet als die Kompetenzanforderungen der Berufsfachschulen.

Motivation und Unterstützung

Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts «Governance in Vocational and Professional Education and Training» hat die Universität Lausanne 2017 eine experimentelle Studie zur Rekrutierung von Lernenden für die Berufe Kaufmann/-frau EFZ und Detailhandelsassistent/in EBA im Kanton Waadt durchgeführt. Das Ziel der Studie war, die Einstellungspraxis besser zu verstehen und die Entscheidungsfaktoren zu identifizieren. Insgesamt wurden 811 Berufsbildende mittels Online-Umfrage zu fiktiven Profilen befragt. In der Analyse erwiesen sich die Schulnoten in der Lokalsprache und in Mathematik, die Multicheck-Ergebnisse und das Schulniveau als entscheidende Faktoren, wobei ein durchschnittliches oder gutes Multicheck-Ergebnis sich deutlicher in einer positiven Bewertung niederschlug als die Noten oder das Schulniveau. Das Geschlecht, die Nationalität, der sozioökonomische Status und Hobbys hatten hingegen keinen Einfluss auf die Bewertung. Die Umfrage kam folglich zum Schluss, dass die Rekrutierungspraxis nicht diskriminierend ist. Anschliessend nahmen 355 der 811 befragten Berufsbildenden an einer qualitativen Nachfolgestudie teil. Diese zielte darauf ab, ein vertieftes Verständnis der Rekrutierungskriterien und ihrer gegenseitigen Verknüpfung zu erlangen. Es zeigte sich, dass die Studienteilnehmer sich der Grenzen des Multichecks bewusst sind und annehmen, dass die damit verbundenen Kosten für Jugendliche aus wirtschaftlich schwachen Familien ein Hindernis sein können. Rund 64 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Jugendlichen mit der geringsten Eigenmotivation das grösste Risiko haben, in der beruflichen Grundbildung zu scheitern. 41 Prozent glauben, dass diese Gefahr bei Jugendlichen mit der geringsten familiären Unterstützung am grössten ist.

Die Bedeutung der Soft Skills

Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften der Universität Freiburg, stellte in einem Forschungsprojekt die Rekrutierungskriterien für Lernende infrage. Sie zeigte auf, dass Lernende mit durchschnittlichen oder schlechten Schulnoten dank der dualen Berufsbildung erfolgreich ins Berufsleben starten können. Für die Studie wurden 200 Lernende befragt, die an den SwissSkills 2014 auf dem Siegerpodest standen. Ein Drittel von ihnen gab an, dass ihre Schulnoten mittelmässig oder sogar schlecht waren. Für sie stellte die Berufsbildung eine zweite Chance dar. Rund 64 Prozent der Medaillengewinner stammen aus sozial eher schlechter gestellten Familien. Weiter zeigte sich, dass für den beruflichen Erfolg auch ausserschulische Kompetenzen entscheidend sind. Dazu gehören vor allem die Soft Skills wie Gewissenhaftigkeit, Fleiss, Einsatzbereitschaft, Selbstständigkeit, Ausdauer und der Wille, Neues auszuprobieren. Margrit Stamm empfiehlt den Betrieben deshalb, sich nicht mehr auf das Schulniveau oder das Bewerbungsdossier zu fokussieren. Stattdessen sollten sie sich stärker auf die intrinsische Motivation und die Persönlichkeitsmerkmale (Durchhaltevermögen, Stressresistenz, Selbstkompetenz) der Kandidatinnen und Kandidaten konzentrieren. Die Rekrutierungspraxis müsse so angepasst werden, dass die Soft Skills stärker gewichtet und somit Potenziale entdeckt und Talente gefördert würden. Die Unterstützung durch das familiäre Umfeld bleibt jedoch auch dann entscheidend.

Links und Literaturhinweise

Imdorf, Ch. (2007): Lehrlingsselektion in KMU. Universität Freiburg.
Fossati, F., Wilson, A., Bonoli, G. (2017): What signals do employers use when hiring? Evidence from a survey experiment in the apprenticeship market. Universität Lausanne.
Stamm, M. (2017): Die Top 200 des beruflichen Nachwuchses. Was hinter Medaillengewinnern an Berufsmeisterschaften steckt. Bern, Swiss Education.

Kasten

Eignungstests – ein kontroverses Thema

Eignungstests sind ein Hilfsmittel für die Selektion von Lernenden. Sie prüfen die schulischen Fähigkeiten (Sprachen, Mathematik, Allgemeinwissen) am Ende der obligatorischen Schulzeit, psychologische Kriterien und Persönlichkeitsmerkmale. Oft handelt es sich um Aufgaben, die innerhalb einer bestimmten Zeit gelöst werden müssen. Die Tests können in Form von Fragebögen oder Online-Tests, Gruppenworkshops, praktischen Arbeiten, persönlichen Portfolios oder Gesprächen durchgeführt werden und dauern zwischen einer Stunde und einem ganzen Tag. Einige Tests sind gratis, andere kosten bis zu 150 Franken. Sie können meist das ganze Jahr über abgelegt werden. Die Lehrbetriebe entscheiden, ob sie einen Test verlangen und welcher es sein soll (Basic-Check, Multicheck, Login usw.). Die Meinungen zu den Eignungstests gehen auseinander. Christine Flitner, Zentralsekretärin beim Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), betont: «Der VPOD hat die Tests immer kritisiert, einerseits weil die Unternehmen dadurch die Zeugnisse der Schulen entwerten, andererseits weil die Jugendlichen oder ihre Eltern für die Tests bezahlen müssen. Letzteres verstösst gegen den Grundsatz einer kostenlosen obligatorischen Bildung.» Und Flitner zeigt noch einen anderen wichtigen Aspekt auf: «Es gibt viele Jugendliche, die erst in der Ausbildung den Knopf aufmachen und durch die Freude an der Arbeit und das neue Umfeld ihre Fähigkeiten richtig ausschöpfen können. Wenn sie Pech haben, bleiben diese Jugendlichen aufgrund der Eignungstests auf der Strecke und landen in Ausbildungen, die ihnen gar nicht entsprechen.» Aufseiten der Lehrbetriebe ist man anderer Ansicht. Ein Artikel, den die Genfer Sektion des Unternehmerverbands Fédération des entreprises romandes im Januar 2015 in ihrer Verbandszeitung veröffentlichte, lobt die Tests als «ausgezeichnete Möglichkeit für künftige Lernende, ihre Erfolgsaussichten zu belegen». Die Testergebnisse hätten zum Ziel, die Kandidaten in die Verantwortung zu nehmen und ihnen eine Grundlage für die Berufswahl zu bieten, so der Artikel: «Dadurch können die Tests Fehlentscheidungen bei der Berufswahl verhindern.»

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