Ausgabe 06 | 2015

ARBEITSMARKT

Integration von Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf

Gestiegene Anforderungen, flexiblere Ausbildungsmodelle

Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf gelingt der Übergang in eine weiterführende Schule oder in den Arbeitsmarkt heute eher besser als vor zehn Jahren. Gute Erfahrungen werden mit Ausbildungsmodellen wie «supported education» im ersten Arbeitsmarkt gemacht. Es gibt aber immer noch Jugendliche, die institutionell zwischen Stuhl und Bank fallen.

Von Claudia Schellenberg, Dozentin, und Claudia Hofmann, Mitarbeiterin an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH)

Der zweite Arbeitsmarkt ermöglicht jungen Erwachsenen mit Beeinträchtigungen, einen Beruf zu lernen – zum Beispiel bei altra Schaffhausen. (Bild: altra Schaffhausen/Diego Bally)

Der zweite Arbeitsmarkt ermöglicht jungen Erwachsenen mit Beeinträchtigungen, einen Beruf zu lernen – zum Beispiel bei altra Schaffhausen. (Bild: altra Schaffhausen/Diego Bally)

Der Übergang von der Schule in den Beruf ist für viele Jugendliche mit besonderem Förderbedarf eine Herausforderung: Manchen gelingt der Übertritt in die Ausbildung nicht direkt, andere scheitern während der Ausbildung. Eine abgeschlossene Ausbildung und Arbeit sind jedoch für die soziale Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit einer Beeinträchtigung zentral. So fordert die UNO-Behindertenrechtskonvention ein Recht auf Arbeit. In diesem Beitrag gehen wir der Frage nach, wie gut den Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf der Übertritt von der Schule in die Arbeitswelt gelingt.

Ausbildungs- und Begleitangebote

Jugendliche haben nach der obligatorischen Schulzeit die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Ausbildungsformen auf der Sekundarstufe II zu wählen. Jugendliche mit besonderem Förderbedarf haben aber eingeschränkte Auswahlmöglichkeiten und kommen nicht darum herum, sich mit ihrer Beeinträchtigung auseinanderzusetzen. Bewährt hat sich bei der Berufsfindung ein enger Bezug zur Arbeitswelt: Jugendliche lernen sich und ihre Fähigkeiten am besten beim Schnuppern oder in Praktika kennen. Es ist aber schwierig, entsprechende Plätze im ersten Arbeitsmarkt zu finden, sagen viele Lehrpersonen. Zudem wünschen sie sich besser geeignete und sprachlich einfachere Arbeitsmittel, die mehr Informationen zu niederschwelligen Ausbildungsgefässen und Begleitangeboten enthalten. Die Bildungsangebote im niederschwelligen Bereich haben sich mit der Einführung der Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) vor zehn Jahren stark verändert. Mit der zweijährigen Grundbildung war die Hoffnung verbunden, dass sich dank standardisierter Ausbildungsinhalte die Arbeitsmarktfähigkeit und die Durchlässigkeit zu weiterführenden Ausbildungen verbessern würden. Die bisherigen Evaluationsergebnisse sind weitgehend positiv. Aber trotz der angebotenen fachkundigen individuellen Begleitung (FiB) sind manche Jugendliche überfordert. Für sie wurde vom Branchenverband INSOS die Praktische Ausbildung (PrA) lanciert. Sie setzt aber eine Anmeldung bei der IV voraus; zudem kann das zweite Ausbildungsjahr nur absolvieren, wer gute Aussichten auf eine Integration im ersten Arbeitsmarkt hat. Die Zahl der PrA-Lehrverhältnisse hat in den letzten Jahren stetig zugenommen (von rund 350 im Jahr 2007 auf heute 700). Demgegenüber setzt das Ausbildungsmodell «supported education» bereits während der Ausbildung auf eine Integration im ersten Arbeitsmarkt. Diese Ausbildungsform hat in den letzten Jahren sehr stark zugenommen. Im Gegensatz zum geschützten Rahmen gilt «first place, then train»: Zuerst wird ein passender Ausbildungsplatz gesucht und dann die Unterstützung durch einen Jobcoach (Beratung bei Arbeitsplatzanpassungen, Begleitung in der Berufsfachschule oder Vermittlung bei Konflikten). In der Praxis wird das meist von der Invalidenversicherung finanzierte Modell unterschiedlich umgesetzt: So gibt es Lernende, die direkt im ersten Arbeitsmarkt starten, während andere im Verlauf der Ausbildung vom geschützten Rahmen in den ersten Arbeitsmarkt wechseln. Zudem kann bei einer ärztlich attestierten Beeinträchtigung ein Nachteilsausgleich angefordert werden. Dieser hilft, das Bildungsangebot und insbesondere die Qualifikationsverfahren den spezifischen Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen anzupassen (z. B. Zeitzuschläge, technische Hilfsmittel), ohne dabei die Lernziele zu verändern. An der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) wird zurzeit ein Forschungsprojekt zum Nachteilsausgleich auf der Sekundarstufe II durchgeführt (hfh.ch/de/forschung/projekte).

Von der Berufsausbildung in die Arbeitswelt

Bei der sogenannten «zweiten Schwelle» gibt es erneut Brüche: Die betroffenen Jugendlichen müssen sich auf ein neues Arbeitsumfeld einstellen. Gleichzeitig fallen vertraute Bezugspersonen weg. Wie dieser Schritt gelingt, zeigen verschiedene Studien. Von EBA-Lernenden, die drei Jahre nach Abschluss von der HfH befragt wurden, sind rund 85 Prozent beruflich integriert. Demgegenüber findet nur rund ein Drittel der Lernenden einer PrA-Ausbildung eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt, teilweise mit einer IV-Rente. Sie haben zudem oft wenig attraktive Anstellungsbedingungen (z. B. befristete Verträge, tiefe Löhne). Erfolgversprechender sind die Verläufe nach einer Ausbildung mit «supported education»: Rund zwei Drittel dieser Personen sind im ersten Arbeitsmarkt integriert, wie die Studie «Berufliche Integration durch Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt und Gelingensbedingungen» zeigt.

Menschen mit Behinderungen haben aufgeholt

Menschen mit Behinderungen haben bei der beruflichen Bildung zwar aufgeholt, sind aber immer noch stärker von Ausschluss, Erwerbslosigkeit und Armut betroffen und weiterhin bestehen Barrieren beim Übergang von der Schule in den Beruf. Die Berufsbildung in der Schweiz entwickelte sich im letzten Jahrzehnt weg von einem System, das sich an den Möglichkeiten der einzelnen Lernenden orientierte (IV-Anlehre, BBT-Anlehre), hin zu einer stärkeren Standardisierung der Abschlüsse mit Blick auf die Anschlussfähigkeit im Arbeitsmarkt (EBA und PrA INSOS). Der Spielraum für Individualisierung ist damit kleiner geworden. Zugleich sind die Ausbildungsinstitutionen dank Modellen wie «supported education» offener und flexibler bei der Gestaltung der Ausbildungen geworden. Dass gerade Jugendliche mit Beeinträchtigungen am wenigsten Zeit für ihre berufliche und persönliche Entwicklung erhalten, stösst bei vielen Ausbildungsverantwortlichen allerdings auf wenig Verständnis. Besonderes Augenmerk ist auf Jugendliche zu legen, für welche die EBA zu anspruchsvoll ist, die aber ohne IV-Verfügung keinen Zugang zur PrA haben. Sie drohen zwischen Stuhl und Bank zu fallen. Hier braucht es weitere Angebote mit niederschwelligem Zugang (z. B. Vorlehre oder Praktika).

Übergang in Arbeitswelt bleibt kritisch

Die EDK hat das Ziel, dass mindestens 95 Prozent der Jugendlichen einen nachobligatorischen Abschluss erwerben. Das ist sinnvoll. Zu wenig beachtet wird aber, ob die jungen Erwachsenen auch eine Anschlusslösung im Arbeitsmarkt finden. Jugendliche mit besonderem Förderbedarf können sich in dieser Situation oft nur noch auf die Eltern stützen. Hier sind eine frühzeitige Planung des Übergangs und eine längerfristige Begleitung durch ein professionelles Netzwerk geboten. Verbessert werden sollte auch das Know-how bei den wichtigen Bezugspersonen. Auch die Konzepte der Berufswahlvorbereitung an der Schule und die Lehr- und Arbeitsmittel für die Berufswahlvorbereitung müssen sich für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf eignen. So hat die Bildungsdirektion des Kantons Zürich 2013 eine für die Sonderschulung angepasste Orientierungshilfe zum Berufswahlfahrplan herausgegeben. An der HfH wird zudem ein Projekt zur Entwicklung eines angepassten Lehrmittels für Jugendliche mit einer geistigen Behinderung durchgeführt. Es soll 2016/17 vorliegen. Seitens der Wirtschaft sind oft flexible Lösungen betreffend Arbeitsanforderungen und -abläufen gefordert. Betriebe müssen dabei verstärkt mit anderen Akteuren (z. B. Jobcoach, IV) in einen Dialog treten. Für Branchen mit Lehrlingsmangel könnte eine weitere Öffnung gegenüber Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf auch eine Chance sein, zumal diese gemäss Arbeitgebenden viele geschätzte Eigenschaften mitbringen, wie zum Beispiel Treue zum Betrieb.

Links und Literaturhinweise

Schellenberg, C., Hofmann, C. (2013): Fit für die Berufslehre! Bern, Verlag SZH/CSPS.
Hofmann, C., Häfeli, K. (2013): Zweijährige Grundbildung mit Berufsattest: Eine Chance für Jugendliche aus Sonderschulen oder -klassen? In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik (Nr. 11-12 [19], S. 26–33). Bern, SZH.
Hofmann, C., Schaub, S. (2015): Berufliche Integration durch Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt und Gelingensbedingungen. Schlussbericht. Zürich, HfH.
Bildungsdirektion Kanton Zürich (2013): Berufswahl- und Lebensvorbereitung von Jugendlichen in der Sonderschulung, Rahmenkonzept.
Doose, S. (2014): «I want my dream!» Persönliche Zukunftsplanung. Neue Perspektiven und Methoden einer personenzentrierten Planung mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Neu-Ulm, AG SPAK.
Hofmann, C., Schellenberg, C. (2015): Die Rolle der Eltern bei der beruflichen Integration. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik (Nr. 11-12[21], S. 6-13). Bern, SZH.
Kammermann, M., Amos, J., Hofmann, C., Hättich, A. (2009): Integriert in den Arbeitsmarkt? Personen mit Berufsattest im Detailhandel und im Gastgewerbe ein Jahr nach Ausbildungsabschluss. Zürich, HfH.
Moser, C. (2012): Einflussfaktoren zur Verminderung von Lehrvertragsauflösungen in der Grundbildung mit Berufsattest aus Sicht von Berufsbildungsinspektorinnen und Berufsinspektoren. Masterarbeit. Zürich, HfH.
Parpan-Blaser, A., Häfeli, K., Studer, M., Calabrese, S., Wyder, A., Lichtenauer, A. (2014): «Etwas machen. Geld verdienen. Leute sehen.» Arbeitsbiografien von Menschen mit Beeinträchtigungen. Bern, Verlag SZH/CSPS.
Schnyder, S., Jost, M. (2013): Der Nachteilsausgleich: Ein Schritt in Richtung inklusiver Schule. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik (Nr. 9, S. 5-12). Bern, SZH.
Sempert, W., Kammermann, M. (2010): Evaluation Pilotprojekt Praktische Ausbildung (PrA) INSOS. Bericht im Rahmen des mehrjährigen Forschungsprogramms zu Invalidität und Behinderung (FoP-IV). Bern, Bundesamt für Sozialversicherungen.
Stalder, B. E., Schmid, E. (2006): Lehrvertragsauflösungen, ihre Ursachen und Konsequenzen. Ergebnisse aus dem Projekt LEVA. Erziehungsdirektion des Kantons Bern.
Stern, S., Marti, Ch., von Stokar, Th., Ehrler, J. (2010): Evaluation der zweijährigen beruflichen Grundbildung mit EBA. Schlussbericht. Zürich/Lausanne, INFRAS/Idheap.

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