PANORAMA Ausgabe 92

Editorial

Fokus

Der Begriff «Arbeitsagogik» existiert erst seit 25 Jahren. Entsprechend jung sind der Berufsstand und die Ausbildung, die im November 2008 als Höhere Fachprüfung anerkannt worden ist. Arbeitsagogik richtet sich an Menschen, die – vorübergehend oder dauernd – nicht im ersten Arbeitsmarkt tätig sein können. Nachfrage und Bedeutung wachsen rasant.

Arbeitsagogik basiert auf der Erfahrung, dass Arbeit zur Sozialisation von Menschen beiträgt. Diese Beobachtung hat eine lange Geschichte mit Vorläufern, die mit der heutigen Praxis kaum mehr etwas gemeinsam haben. Zwischen dem Kampf gegen das «Vagantentum» und den Qualifizierungsprogrammen für Stellensuchende liegen Welten. Eine gewisse Kontinuität besteht im Obligatorium solcher Arbeitsleistungen.

Arbeitsagoge ist in der Westschweiz ein praktisch unbekannter Beruf. Natürlich wird auch hier Integration über Arbeit praktiziert; doch werden die Westschweizer Fachleute, die sich damit befassen, in einer Höheren Fachschule ausgebildet und ihre Tätigkeit unterscheidet sich von derjenigen des Arbeitsagogen, der Arbeitsagogin.

Walter Lanz, selbständiger Berater, Coach und Dozent für Arbeitsagogik, ist einer der Begründer der Arbeitsagogik in der Schweiz. Sein persönlicher und beruflicher Werdegang ist eng mit dem Aufbau der Arbeitsagogik verknüpft, die heute erfolgreich in verschiedensten Bereichen eingesetzt wird. Die Weiterentwicklung der einstigen «Arbeitstherapie» sei noch längst nicht abgeschlossen, ist Lanz überzeugt. Ausbaumöglichkeiten sieht er zum Beispiel im Strafvollzug.

Im Strafvollzug ist die Arbeitsagogik nicht mehr wegzudenken. Sie trainiert Schlüsselqualifikationen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt unabdingbar sind. Zudem wird der Eingewiesene bei der Arbeit direkt mit den Folgen seines Handelns konfrontiert. Der arbeitsagogische Alltag kann deshalb entscheidend zum Resozialisierungsprozess beitragen.

Berufsbildung

Das «Instrument Fragen zum Lernen» (FzL) ermöglicht die genauere Erfassung der Stärken und Schwächen des Lernenden. Mit dem FzL konzentrieren wir uns vor allem auf die Lernmotivation, auf kognitive Strategien (wie systematisches Vergleichen, Zeichnen eines Schemas) und auf metakognitive (Antizipieren, Planen, Überprüfen), schliesslich auch auf die äusseren Arbeitsbedingungen (wie Einrichtung des eigenen Arbeitsplatzes).

Im Kanton Bern wird jeder dritte Lehrvertrag mit einem ausländischen Jugendlichen vorzeitig aufgelöst. Welche interkulturellen Kompetenzen brauchen Lehrmeisterinnen und -meister, wenn sie ausländische Jugendliche erfolgreich ausbilden wollen? Zehn Betroffene wurden zu diesem Thema befragt. Die überraschende Quintessenz der Gespräche: Wichtiger als nationale Identitäten sind soziale Prägungen.

Die Niederlande und die Schweiz haben ähnliche Berufsbildungssystem: In beiden Ländern können Jugendliche ihre berufliche Grundbildung auf zwei Wegen erwerben: Entweder in einer Betriebslehre oder durch den Besuch einer Vollzeitschule. Ein Vergleich der Wege via Vollzeitschule zeigt die Schlüsselrolle der praktischen Bildung beim Eintritt in die Arbeitswelt.

Berufsbildung in Kürze

Berufsberatung

Berufsberatung in Grenzregionen ist mit speziellen Problemen verbunden. Häufig fragen Ratsuchende nach Informationen, die für mehrere Länder oder Kantone gelten. Ein überregionales Projekt bietet in einem gemeinsamen Online-Portal Antworten auf die spezifischen Fragen der Berufsberatung in der Grenzregion Genf/Frankreich.

In Zukunft können Interessierte mit mehrjähriger Berufserfahrung und einschlägigen Kompetenzen ein Qualifikationsverfahren durchlaufen und den vom BBT anerkannten Abschluss «Dipl. Berufs-, Studien- und Laufbahnberater/in» erlangen. Das Pilotprojekt läuft seit Ende 2008. Bis 2010 sollen Erfahrungen gesammelt und anschliessend das definitive Verfahren festgelegt werden. PANORAMA sprach mit Isabelle Zuppiger, der Präsidentin der Projekt-Steuergruppe.

Die wenigsten Jugendlichen wissen schon mit 13 Jahren, welchen Beruf sie ergreifen wollen. Die Zahl der Jugendlichen, die ihre Berufswahl über die obligatorische Schulzeit hinausschieben, wird immer grösser, gleichzeitig nimmt die Zufriedenheit mit der Berufswahl ab. Dies zeigen Auswertungen der eidgenössischen Jugendbefragungen von 1979, 1994 und 2003.

Wie finde ich einen Praktikumsplatz in der EU? Kann ich mein Studium in einem anderen europäischen Land fortsetzen? Ist es möglich, nach einem Sprachaufenthalt in Portugal einen Teil der Ausbildung in Deutschland zu absolvieren? Das Netzwerk Eurogidance hilft Berufsberatenden solche Fragen zu beantworten.

Berufsberatung in Kürze

Arbeitsmarkt

Mehr als ein Drittel aller Arbeitslosen im Kanton Bern sind Ausländerinnen und Ausländer. Das beco – Berner Wirtschaft hat gemeinsam mit den zuständigen Behörden den Zugang zu Arbeitsmarktmassnahmen (AMM) für vorläufig Aufgenommene genau festgelegt. Bei den zuständigen RAV-Beraterinnen und -Beratern ist nun interkulturelle Kompetenz gefragt. Der Kanton Bern hat sie mit Erfolg geschult.

Arbeitsmarkt in Kürze

Service