Zusammenfassungen
Die Auswirkungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in der Erwachsenenbildung
Olivier Veyrat
In seinem Artikel versucht Olivier Veyrat Austausch, Überlegungen und Diskussionen über heutige und zukünftige Auswirkungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in der Erwachsenenbildung anzuregen. Für ihn genügt es nicht, den Modeströmungen und dem "ideologischen Prêt-à-porter der Neuerungen der Technologien" blind zu folgen. Von einer Raumpflegerin anstelle einer Putzfrau zu sprechen, hat die Arbeitsrealität nicht verändert. Die Informatik, allem voran das Internet, hat das Papier im Unterricht noch nicht verdrängt. Das "e-learning" hat die zwischenmenschlichen Wechselbeziehungen zwischen Auszubildenden und Ausbildenden noch nicht entthront.Der Autor zeigt vier Hauptrichtungen der möglichen Veränderungen im Bildungsbereich in den nächsten zehn Jahren auf. 1. Das "Paar" Mensch-Maschine wird die Interaktion von Mensch zu Mensch nicht ersetzen können. 2. Der Staat wird in der Erwachsenenbildung eine zentrale Rolle, zumindest in koordinierender Funktion, beibehalten. 3. Neue Bildungsarten werden Einzug halten, um neue Bedürfnisse zu decken, die neue Fertigkeiten erfordern. 4. Bildung wird sich in ihrer Eigenschaft als Vektor der politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Realität, die sich selbst voll und ganz im Wandel befindet, weiterentwickeln. Wir müssen akzeptieren, im Ungewissen zu tappen, offen und wachsam zu bleiben: Hierin liegt die Hauptherausforderung der kommenden zehn Jahre. YMR/CR
Solidarität zwischen den Generationen
Pascal Monney
Im Kanton Waadt existiert seit einigen Jahren das «Relais Inter Générations». Unter diesem Titel bieten ehemalige Berufsleute aus den verschiedensten Bereichen Jugendlichen ihre Unterstützung bei wichtigen Schritten in einen Beruf an: Suche nach einem Praktikum oder einer Lehrstelle, Zusammenstellen von Bewerbungsunterlagen, Vorbereiten auf ein Einstellungsgespräch usw. (vgl. Hinweis unter http://www.panorama.ch/files/2355.pdf). DF
Haben Berufe doch ein Geschlecht?
Dorothea Schaffner Baumann
In den letzten Jahren sind einige Projekte zur Förderung der Gleichstellung in der Berufsbildung lanciert worden. Die Umsetzungserfolge sind leider begrenzt. Fast die Hälfte der jungen Männer tritt eine vierjährige Lehre an, aber nur knapp ein Zehntel der jungen Frauen. 70 Prozent der jungen Frauen machen eine Berufslehre in den Bereichen Büro, Gastgewerbe, Hauswirtschaft und Gesundheit. Nur gerade 10 Prozent entscheiden sich für einen Beruf in den zukunftsorientierten Branchen Technik, Mechanik, Elektronik und Informatik. In einer qualitativen Studie an Realschülerinnen hat sich gezeigt, dass die Erwerbsarbeit für die Mädchen ein zentraler Orientierungswert geworden ist. Daran werden Erwartungen und Zukunftsentwürfe geknüpft - sie stellt für die Mädchen die Voraussetzung zur gesellschaftlichen Integration und Teilhabe dar. Zugleich bleibt die Orientierung an der Familie für die Mädchen zentral. Zumindest implizit antizipieren alle jungen Frauen ihre spätere Rolle als Mutter und Familienfrau. Diese Doppelorientierung führt dazu, dass die Mädchen zwar eine Berufsausbildung anstreben, die Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten aber nicht thematisieren. Ein zweiter Widerspruch ergibt sich zwischen dem gleichberechtigten Bildungs- und Berufsanspruch und den wahrgenommenen und gelebten gesellschaftlichen Geschlechterrollenerwartungen. Männerberufe sind jene, bei denen es Kraft braucht und man schmutzige Hände bekommt. Sanktionen sind: «Abwertung der Weiblichkeit», «negativ auffallen» und «ins Gerede kommen». Weil in dieser Entwicklungsphase Verunsicherungen bezüglich der Geschlechtsidentität bestehen, scheint es logisch, dass die Mädchen die Erwartungen zu erfüllen versuchen und sich an der traditionellen Frauenrolle orientieren. Berufsvorbereitung, aber auch Berufsberatung und Lehrbetriebe tragen dieser Geschlechterthematik leider viel zu selten Rechnung. Ebenso lassen die Standardwerke zur Berufswahl eine einlässliche Auseinandersetzung mit dem Thema vermissen. Schliesslich fehlt auch eine systematische Betreuung von jungen Frauen in geschlechteruntypischen Berufen, was zu Lehrabbrüchen führen kann. DF
Berufsberatung im LSB2
Daniel Fleischmann
Seit eineinhalb Jahren läuft der Lehrstellenbeschluss 2. Die im Rahmen dieses Bundesbeschlusses zur Verfügung stehenden Gelder sind zum grössten Teil vergeben. Es wurden 48 nationale und 143 kantonale Projekte bewilligt (Stand Anfang Mai 2001). Wir geben eine Übersicht über die für die Berufs- und Laufbahnberatung interessanten Projekte und ergänzen sie auf unserer Homepage www.panorama.ch/files/2358.zip mit den ausführlichen Projektbeschrieben. Ausführliche Informationen finden sich zudem auf der Homepage des BBT, http://www.lehrstellenbeschluss2.ch/pages/f/a/set_a1.html. DF
DOT: "Dictionary of occupational titels"
Koorosh Massoudi
Das DOT ist ein amerikanisches Verzeichnis, das seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1939 Berufe anhand kurzer Beschreibungen der vorgeschriebenen Arbeit, der erforderlichen individuellen Interessen, der physischen Voraussetzungen und der geeigneten Ausbildung präsentiert. In diesem Hilfsmittel sind nicht nur die wichtigsten Sektoren der Wirtschaftsaktivitäten und die daran geknüpften Berufe gut überschaubar gegliedert. Es erlaubt auch einen tieferen Einblick in die Arbeit, was die vorhandenen spezifischen Kompetenzen betrifft. Die Bedeutung des DOT liegt in seinem dynamischen Aspekt und seiner Weiterentwicklung durch die Jahrzehnte hindurch, welche die gesellschaftliche Entwicklung und die Beschaffenheit der Veränderungen im Arbeitsmarkt widerspiegeln. So zeugt etwa die bisher letzte Ausgabe von 1991 von einer ungeheuren Anstrengung hinsichtlich Forschung und Entwicklung, basiert sie doch auf nicht weniger als 75'000 Berufsanalysen. YMR/CR
NVQs: Grossbritanniens Zertifikate für berufliche Kompetenzen
Roberto Stocco
Die angelsächsischen Länder haben eine lange Geschichte bezüglich der Kompetenzproblematik. Grossbritannien hat in den 80er-Jahren das System der NVQs (National Vocational Qualifications) entwickelt, dessen Ziel es ist, berufliche Qualifikationen zu zertifizieren, ohne den schulischen Werdegang und die erreichten Diplome zu berücksichtigen. Die Nachschlagewerke NVQs sind in Einheiten gegliedert, welche Kompetenzen beschreiben, die an spezifische Berufsbereiche geknüpft sind. Jede Einheit ist in weitere Elemente unterteilt. Sie beschreiben die Leistungskriterien an sich, die Bandbreite, in der sie ausgeübt werden, die Leistungsnachweise, welche der Kandidat in seiner Berufssituation erbringen muss und die Nachweise, die attestieren, dass der Kandidat seine Leistungen auch unter veränderten Umständen erbringen kann. Das System NVQs hat sich bewährt. Bis zum 31.12.2000 sind fast 3 Millionen NVQs in der ganzen Welt ausgestellt worden. Die sich darauf beziehenden Berichte und Studien haben hauptsächlich folgende Vorteile hervorgehoben: * Die Unternehmen haben es in ihrer Personalführung eingeführt und benutzen dieses System für Einstellungen, Ausbildung, Qualifikationsgespräche oder interne Beförderungen. Der Beaumont-Bericht bestätigt, dass 91 Prozent der Unternehmen die NVQs vorbehaltlos weiterempfehlen und dass sich 95 Prozent für ein Beibehalten dieses Systems entschieden haben. * Die NVQs stärken die Selbständigkeit und das Verantwortungsbewusstsein der Arbeitnehmer. Anerkannt für ihre Leistung und richtig eingeschätzt, erlangen die Angestellten wieder Selbstvertrauen, beteiligen sich aktiv an Aus- und Weiterbildung und bleiben dem Unternehmen eher treu. Die Weiterbildung zieht insofern klare Vorteile aus dem System, als dass der Einsatz der NVQs eine spürbare Verbesserung der Ausbildung voraussetzt. YMR/CR
Berufskarten
Eivind Hoffmann
Die vom Bureau international du travail (BIT) geschaffene und laufend aktualisierte internationale Klassifizierung der Berufstypen (CITP-88) ist ein System, das Informationen über unterschiedliche Berufe liefert, die dann nach bestimmten Kriterien geordnet und wieder neu zusammengesetzt werden können. Das CITP-88 strebt drei Ziele an: Erstens soll mittels eines internationalen Massstabs die Verständigung über Berufe vereinfacht werden, indem Statistikern verschiedener Länder ein Instrument zur Hand gegeben wird, das ihnen erlaubt, die nationalen Angaben über Berufe von einem internationalen Standpunkt aus zu betrachten. Zweitens sollen diese Angaben solchermassen dargestellt werden, dass Forschung, Entscheidungsfindung und in bestimmten Fällen auch konkrete Anregungen möglich sind. Drittes Ziel ist es, denjenigen Ländern, die ihre eigene nationale Berufsklassifizierung aus- oder überarbeiten, eine Vorlage anzubieten. Das CITP-88 kann aber keine der nationalen Berufsklassifizierungen ersetzen, die die Strukturen des nationalen Arbeitsmarktes im Allgemeinen so getreu als möglich wiedergeben sollten. Der für die Konzeption und Ausarbeitung des CITP-88 notwendige Rahmen stützt sich auf zwei weit gefasste Konzepte: dasjenige für die Art der geleisteten Arbeit und dasjenige für Kompetenzen. Der zur Realisation des CITP-88 eingeschlagene Weg mündete in einer pyramidenförmigen Hierarchie. Die obersten zehn grossen Gruppen teilen sich in 28 Abteilungen, die sich wiederum in 116 Untergruppen und 390 Basisgruppen teilen. Die meisten Länder haben eine grafische Übersicht über ihre Arbeitskräfte aufgestellt, die zwar oft sehr allgemein gehalten ist und mit Hilfsmitteln, die den spezifischen Situationen nicht gerecht werden, erarbeitet worden ist. Ungefähr 130 Länder, Zonen und Gebiete verfügen über nationale Klassifikationen und Berufsverzeichnisse. YMR/CR
ROME, ein Referenzwerk für Berufe und Beschäftigungen
Yvonne Marie Ruedin
ROME bedeutet Répértoire Opérationnel des Métiers et Emplois. Experten in Kompetenzanalysen benutzen dieses Hilfsmittel in der Berufsberatung, für den beruflichen Wiedereinstieg und Umschulung. Es unterstützt qualitative Analysen und erleichtert die Bestimmung der Profile von Arbeitsangeboten und -nachfragen in den lokalen Arbeitsämtern. ROME ist in 22 grosse Berufskategorien unterteilt, elf betreffen den tertiären Sektor und elf denjenigen von Berufen mit eher technischem oder industriellem Charakter. Innerhalb dieser Kategorien finden sich 61 unterschiedliche Berufsbereiche und 466 anerkannte Berufe und Beschäftigungen. Jeder Berufsbereich verweist auf einen theoretischen und einen praktischen Bereich von Kenntnissen und Kompetenzen, die zur Ausübung einer Arbeit erforderlich sind. Theoretisches Wissen wie auch praktisches Können sind entweder an eine Funktion oder an ein Arbeitsorganisationsmodell, an angewandte Technologien oder aber auch an einen Betätigungssektor gebunden. Die Berufe und Beschäftigungen bilden die Basiseinheit der Nomenklatur. Das ROME präsentiert sie mittels Karteikarten, die standardisierte Rubriken aufweisen: Beschreibung, allgemeine Ausübungsbedingungen, Ausbildung und Erfahrung, Tätigkeiten und Kompetenzen. Das ROME ermöglicht einen tieferen Einblick in Berufe und Beschäftigungen und ist somit bedeutend mehr als nur ein Lexikon für Berufsinformation. Es ist ein nützliches Werkzeug, das Arbeitsangebote mit Arbeitsnachfragen verbinden kann. Daher die Wichtigkeit des Konzepts "Beweglichkeitszonen" (concept d'"aires de mobilité"), dessen Ziel es ist, Angestellte und Arbeitssuchende in der Suche nach der für sie angemessenen Flexibilität zu unterstützen. Das Konzept "Beweglichkeitszonen" vermag aufzuzeigen, wie ähnlich Berufe einander sein können, auch wenn sie sich scheinbar nicht entsprechen. Hierin liegt die Einzigartigkeit und die grosse Bedeutung des ROME. YMR/CR
Deutschland: Zunehmend dynamische Berufsbildung
Edgar Sauter
Die berufliche Erst- und Weiterbildung hat auch in Deutschland in den letzten Jahren einen enormen Moderniniserungsschub erlebt. Während in den 80er-Jahren nur gerade ein neuer Beruf geschaffen worden war, entstanden alleine in den Jahren zwischen 1996 und 2001 insgesamt rund 40 Berufe völlig neu, 115 Berufe wurden modernisiert. Wie das schweizerische, so kann auch das deutsche Berufsbildungssystem differenziert auf den Qualifizierungsbedarf der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer reagieren. So hat die deutsche Berufsbildung mit den gestaltungsoffenen Berufen einen dritten Weg zwischen traditionellem Berufskonzept und radikaler Modularisierung der Inhalte entwickelt. Beispielhafte Bedeutung für diesen neuen Typus von Ausbildungsberufen haben die IT-Berufe, die Medienberufe und die neuen Laborberufe. Generell kann festgestellt werden, dass eine stärkere Verknüpfung von Aus- und Weiterbildung Teil eines umfassenden Trends ist, die bisher relativ eigenständigen Teilbereiche Erstausbildung, Weiterbildung und Hochschule zu einem durchlässigen Ganzen zu vernetzen. Ansatzpunkt für eine so weit reichende Reformperspektive ist der Personalmangel in der rasch wachsen-den Informationstechnik. Den Absolventen einer IT-Erstausbildung wird mit Hilfe einer betrieblichen, am Arbeitsprozess orientierten Weiterbildung ermöglicht, auch Arbeitsplätze zu erreichen, die bisher überwiegend Hochschulabsolventen vorbe-halten waren. Durch eine Zusammenarbeit mit den Hochschulen sollen auch Weiter-bildungsleistungen mit Studienleistungen verzahnt und vergleichbar gemacht werden. Die Zusammenarbeit von Staat und Sozialpartnern ist ein konstitutives Element der beruflichen Bildung in Deutschland. Nach dem von Staat und Sozialpartnern praktizierten Konsensprinzip wird keine Ausbildungs- oder Fortbildungsordnung gegen den erklärten Willen eines der beiden Sozialpartner erlassen. ES
Zwei Westschweizer Beispiele von Kompetenznachschlagewerken: ABB Sécheron und HES santé-social
Alain Mulard
In seinem Artikel über die "Erstellung von Nachschlagewerken über Kompetenzen und Berufe" hat Alain Mulard die französische Methode der "Berufsgruppen" erläutert. Er veranschaulicht die Anwendung dieser Methode anhand zweier Projekte, die in einem multinationalen Konzern (ABB) und in einer Schulinstitution (HES santé-social in der Westschweiz) durchgeführt wurden. Ziel des Projektes bei ABB Sécheron ist es, die Kompetenzen der Beschäftigten nach erfolgter Neudefinition der strategischen Position des Unternehmens zu orten. Diese Suche dient dazu, die Kernkompetenzen, welche zur strategischen Anpassung des Unternehmens notwendig sind, zu identifizieren. Ziel des Projektes bei der Westschweizer HES santé-social ist es, die Berufspraxis besser im allgemeinen Ausbildungsprogramm zu integrieren. Das heisst, vor der Ausarbeitung der Nachschlagewerke über Berufe im Sozial- und Gesundheitsbereich sollen die Kompendien über Kompetenzen ausgearbeitet werden. YMR/CR
Verwirklichung eines Nachschlagewerks für Informatikberufe
Richard Bretscher
Ein Nachschlagewerk beinhaltet nicht die Katalogisierung der Berufe einer Branche, sondern ist eine Aufstellung über alle Hauptaktivitäten, Funktionen und Aufgaben von Berufen, die insgesamt anzutreffen sind. Verbindet man diese Angaben miteinander, so lassen sich daraus Berufe und Spezialisierungen, Abgrenzungen von anderen Branchen sowie Aus- und Weiterbildungsprogramme ableiten. Um ein Nachschlagewerk zu definieren, müssen vorderhand die betreffenden Berufsfelder (in unserem Fall die Informatik) abgegrenzt und in Kompetenzbereiche gegliedert sowie die Ebenen der Schlüsselaufgaben qualifiziert werden. Terminologie und Betrachtungsweise eines Nachschlagewerks entsprechen dem Evaluationssystem für Funktionen: Das Fachbuch kann deshalb in das Evaluationssystem eingebunden werden. Es kann dieses sogar ersetzen, da seine Handhabung, was Ausarbeitung und Analyse betrifft, Vereinfachung mit sich bringt. Ausserdem führt es im Allgemeinen zu grösserer Transparenz. Letzten Endes ist die Modularisation das entscheidende Hilfsmittel, um mit der aktuellen Infrastruktur x-mal mehr Informatiker auszubilden, als es heute der Fall ist, und es hilft, die wirtschaftliche Plattform der Schweiz für kommende Jahrzehnte zu sichern. Das modularisierte Nachschlagewerk ist weit davon entfernt, den Bildungsinstitutionen eine Vereinheitlichung aufzuerlegen. Im Gegenteil: Es legt gemeinsame Ziele fest, fordert dabei aber verschiedene Wege, diese zu erreichen. Es erlaubt einem, die sich ergänzenden kulturellen und wirtschaftlichen Vielfältigkeiten unseres Landes zu berücksichtigen und hervorzuheben. Die Verwirklichung eines Nachschlagewerks für einen gesamten Berufszweig in den drei Sprachregionen ist in der Schweiz eine ebenso abenteuerliche wie herausfordernde Novität. YMR/CR
Die Rudolf Steiner Schulen im Wandel
Alexander Melliger
15 Rudolf-Steiner-Schulen der Schweiz haben sich in den letzten Monaten zu einem Netzwerk Oberstufe zusammengeschlossen. Es bietet den Jugendlichen die Möglichkeit zur freien Wahl ihres 11. und 12. Schuljahres und erlaubt umgekehrt den Schulen, ihre Oberstufen auszudifferenzieren. So lassen sich Angebote in Bereichen wie gymnasiale Matura, Kunst, Soziales oder Berufswelt denken. Seit bald zwei Jahren bietet die Rudolf-Steiner-Schule in Winterthur eine berufsweltorientierte Oberstufe an. Bei ihrer Gründung konnte man auf die Erfahrungen verschiedener Projekte, der Rudolf Steiner Schule Jurasüdfuss in Solothurn, Schule und Beruf in Muttenz und Projekte in Deutschland zurückgreifen. Pro Schuljahr arbeiten die Jugendlichen dreimal vier Wochen in einem Betrieb, wobei alle einmal in einem handwerklich-industriellen Betrieb und einmal in einem Sozial- oder Dienstleistungsbetrieb arbeiten müssen. Die gemachten Erfahrungen werden vom Personalverantwortlichen in einem Zeugnis und von den Jugendlichen in einem Arbeitsheft festgehalten. Die Praktika werden intensiv betreut, die Berufswahl wird von zwei Berufsberatenden schon ab der 9. Klasse begleitet. Der fehlenden Schulzeit begegnet man in Winterthur mit einer Reduktion der Ferienzeit um zwei Wochen und einem fächerübergreifenden Unterricht. Die Jugendlichen entwickelten in den bisherigen Projekten zwar ein sicheres Auftreten; einige machten in ihrem Betrieb aber so gute Erfahrungen, dass sie am liebsten dort bleiben wollen und einige Zeit brauchen, bis sie sich in der Schule wieder zu guten Leistungen motivieren konnten. Sehr positiv waren die Reaktionen der Arbeitgeber, die das Konzept stark unterstützten. Auch wenn es kein Ziel ist, für die Jugendlichen eine Lehrstelle zu finden, hat sich aus dem einen oder anderen Praktikum ein entsprechendes Angebot ergeben. DF
Von der Schule ins Erwerbsleben: Gute Noten für die Schweiz
Kurt Häfeli
Das schweizerische Berufsbildungssystem schneidet, was seine Resultate in den letzten Jahren anbelangt, sehr gut ab. Bezüglich der Zukunft wird jedoch eine höhere Flexibilität und namentlich der Ausbau schulischer Ausbildungsmodelle empfohlen. So könne den Bedürfnissen neuer Branchen (Dienstleistungen, ICT) entsprochen und gleichzeitig etwas gegen die Geschlechter-Disparität unternommen werden. Bezüglich des Reformprozesses in der Berufsbildung und der Berufs- und Laufbahnberatung fordern die Expertinnen und Experten mehr nationale Koordination und Kohärenz. AM
Working Poor in der Schweiz
Elisa Streuli
Erwerbsarbeit schützt nicht vor Armut. Im Laufe der Neunzigerjahre hat die Zahl der "Working Poor" in der Schweiz sogar zugenommen, wie eine im Auftrag des Bundesamtes für Statistik vom Büro BASS durchgeführte Studie nachweist. Im Jahr 1999 gehörten 7.5 Prozent der 20- bis 59-jährigen Erwerbstätigen zur Gruppe der Working Poor. Dies entspricht einer Gesamtzahl von 250'000 Personen, deren Haushalte insgesamt 535'000 Haushaltsmitglieder umfassen. Besonders häufig sind Alleinerziehende (29 Prozent) und kinderreiche Familien (18 Prozent) Working Poor. Es gilt nämlich zu beachten, dass materielle Armut nicht nur von der absoluten Einkommenshöhe, sondern auch von der Familiengrösse abhängig ist. Keine nachobligatorische Ausbildung, eine selbständige Tätigkeit ohne Angestellte oder die Anstellung in einer Tieflohnbranche wie Gastgewerbe, Reinigungsdienst oder Detailhandel sowie Teilzeitbeschäftigung erhöhen zusätzlich die Wahrscheinlichkeit, Working Poor zu werden. Trotz Wirtschaftsaufschwung ist die Working-Poor-Quote in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre relativ stabil geblieben. Weil das Working-Poor-Risiko durch verschiedene Faktoren in Ausbildung, Beruf, Beschäftigungsgrad und Haushaltszusammensetzung begründet liegt, müssen auch die Lösungsansätze auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Ausserfamiliäre Betreuungsmöglichkeiten, Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien sowie Aus- und Weiterbildungsmassnahmen stehen dabei im Vordergrund. Garantierte Mindestlöhne und Steuerbefreiungen des Existenzminimums sind weiterführende Massnahmen, die Armut von Erwerbstätigen in der Schweiz zu verringern. VM
Reichtum trotz tiefer Arbeitsproduktivität
Viktor Moser
Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt, obschon sie im internationalen Vergleich eine niedrige Arbeitsproduktivität aufweist. Unser Reichtum kommt vor allem daher, dass sehr viele Menschen während einer relativ langen Zeit Einkommen erwirtschaften. Die Gründe hiefür liegen in der relativ tiefen Arbeitslosigkeit und in der sehr hohen Arbeitsmarktpartizipation von Frauen und Männern. Dies sind die wesentlichen Ergebnisse einer Untersuchung, welche Boris Zürcher, Chef Arbeitsmarktpolitik beim seco, kürzlich publiziert hat. Bei einer genauen Analyse der Arbeitsproduktivität stellen wir enorme Unterschiede zwischen den einzelnen Sektoren und Branchen fest. Während etwa die Chemie, die Banken und Versicherungen oder ganz allgemein die Exportindustrie weit über dem Durchschnitt sind, wird dieser beispielsweise durch Gastgewerbe/Hotellerie und Reinigungswesen stark heruntergezogen. In diesen Branchen wurden während der Achtzigerjahre grosszügig Arbeitsbewilligungen für wenig qualifizierte ausländische Arbeitskräfte erteilt. Dadurch blieben notwendige Strukturanpassungen aus. Kurzfristig liessen sich zwar durch Tieflöhne Gewinne realisieren, doch tragen wir heute die Folgen dieser Fehler. Wir benötigen eine neue Ausländerpolitik, welche sich vor allem auf gut qualifizierte Arbeitnehmende konzentriert. Ausserdem müssen wir nun die wenig qualifizierten Ausländerinnen und Ausländer durch gezielte Weiterbildung besser integrieren. In diesem Bereich leistet die Arbeitslosenversicherung schon jetzt eine wertvolle Arbeit, welche es qualitativ auszubauen gilt. Erhalten lässt sich unser Wohlstand schliesslich auch dadurch, dass durch günstige Rahmenbedingungen die hohe Erwerbsquote bei Frauen und älteren Arbeitnehmenden erhalten werden kann. VM
Die Auswirkungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in der Erwachsenenbildung
Olivier Veyrat
In seinem Artikel versucht Olivier Veyrat Austausch, Überlegungen und Diskussionen über heutige und zukünftige Auswirkungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in der Erwachsenenbildung anzuregen. Für ihn genügt es nicht, den Modeströmungen und dem "ideologischen Prêt-à-porter der Neuerungen der Technologien" blind zu folgen. Von einer Raumpflegerin anstelle einer Putzfrau zu sprechen, hat die Arbeitsrealität nicht verändert. Die Informatik, allem voran das Internet, hat das Papier im Unterricht noch nicht verdrängt. Das "e-learning" hat die zwischenmenschlichen Wechselbeziehungen zwischen Auszubildenden und Ausbildenden noch nicht entthront.Der Autor zeigt vier Hauptrichtungen der möglichen Veränderungen im Bildungsbereich in den nächsten zehn Jahren auf. 1. Das "Paar" Mensch-Maschine wird die Interaktion von Mensch zu Mensch nicht ersetzen können. 2. Der Staat wird in der Erwachsenenbildung eine zentrale Rolle, zumindest in koordinierender Funktion, beibehalten. 3. Neue Bildungsarten werden Einzug halten, um neue Bedürfnisse zu decken, die neue Fertigkeiten erfordern. 4. Bildung wird sich in ihrer Eigenschaft als Vektor der politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Realität, die sich selbst voll und ganz im Wandel befindet, weiterentwickeln. Wir müssen akzeptieren, im Ungewissen zu tappen, offen und wachsam zu bleiben: Hierin liegt die Hauptherausforderung der kommenden zehn Jahre. YMR/CR
Prüfung als Standortbestimmung
Kurt Büchler
Was bringt die Höhere Fachprüfung für Betriebsausbilderinnen und Betriebsausbilder? Eine kleine Umfrage bei ehemaligen Absolventinnen und Absolventen zeigt, dass die Prüfung als gut und die Prüfungsinhalte als umfassend und praxisnah beurteilt werden. Motivation für die Anmeldung zur Prüfung war in der Regel die Möglichkeit zur Standortbestimmung und die Validierung der erworbenen Kompetenzen. Für viele war das Diplom Grundlage für einen Karriereschritt. Die Diplomierten empfehlen die Prüfung allen weiter, die in der betrieblichen Ausbildung tätig sind. AM
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